Wie will ich leben – und wie will ich nicht leben?

Zwei Fragen, über die alle einmal nachdenken sollten. Hier kommen meine persönlichen Antworten darauf

Ich will frei leben. Nicht frei in dem Sinne, dass ich mich an keine Regeln halten muss. Sondern frei auf eine Art, die die Würde der anderen Menschen respektiert. Die nichts zerstört und auch anderen ihren Raum lässt. Auf eine Art, die keine Gewalt braucht und keine Häme zulässt. Freiheit war mir immer wichtig. Keine Regierung soll mich für meine Meinung bestrafen, ausgrenzen oder einsperren. Kein Staat soll darüber bestimmen, wohin ich reisen darf und wohin nicht.

So bin ich aufgewachsen, von meinen Eltern und später in der Schule immer dazu angehalten, selbst zu denken, nicht zu urteilen, ohne Fakten und Beweggründe zu kennen, meine Meinung zu sagen und dafür einzustehen. Ich sollte ruhig gegen den Strom schwimmen, wenn ich das wollte. Aber immer auch anderen zuhören und sie respektieren. Meine Ansichten begründen, diskutieren, mich mit anderen einigen oder zu einer friedlichen Koexistenz finden – das war der Leitfaden, nach dem ich gelernt habe, mich im zwischenmenschlichen Mit- und Durcheinander zu orientieren. Meinungsfreiheit war für mich von Kind an selbstverständlich. Ich bin in einer Demokratie aufgewachsen, und damals schien mir auch diese selbstverständlich. Heute weiß ich, dass das nicht so ist.

Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen unterdrückt werden und für Ansichten, die von den Vorgaben ihrer Regierung abweichen, eingesperrt werden oder im schlimmsten Fall einfach verschwinden. Wie so etwas geht, sehen wir zum Beispiel gerade in Russland. Wer in einem solchen Land lebt, hat irgendwann nur noch die Wahl, zu verstummen, einzuknicken oder sich in große Gefahr zu begeben. Bei uns darf jeder sein Weltbild laut verkünden. Das tut leider manchmal weh – vor allem, wenn man diejenigen hört, die „Widerstand“ brüllen und behaupten, die Bundesregierung „klaue“ ihnen ihre Freiheit. Aber das müssen wir eben aushalten. Sollen sie doch brüllen.

Freiheit heißt für mich nicht, mich über Recht und Gesetz hinwegzusetzen, sondern innerhalb eines gesetzlichen Rahmens zu handeln, der ein friedliches Zusammenleben ermöglicht. Dazu gehört die gewaltfreie Lösung von Konflikten. Und immer wieder die Notwendigkeit, Kompromisse zu finden. Das ist anstrengend. Aber es ist die beste Art zu leben.

Manchmal braucht es mehr Worte, als auf ein Plakat passen. Obwohl manche kurze Zeile auf einem Plakat oder Schild beeindruckend in die Tiefe gehen, uns bewegen und zum Nachdenken bringen kann. Auch ich möchte zum Nachdenken anregen. Und damit nicht abstrakt bleiben wie ein Pressebericht. Deshalb habe ich formuliert, wie ich leben möchte. Es hilft, sich angesichts der komplexen Probleme, mit denen sich die Welt auseinandersetzen muss, einmal ruhig hinzusetzen und sich zu überlegen: Was will ich eigentlich? Wie will ich leben? Und wie will ich nicht leben?

Demos gegen rechts – wenn viele kommen, wissen wir: Wir sind nicht allein

Ralf und ich haben uns an einer Kundgebung für ein weltoffenes und buntes Wolgast beteiligt – für eine lebendige Demokratie und gegen rechte Gewalt, Rassismus und Hass. Wir hätten uns in unserer kleinen Stadt hier oben im Nordosten schon über 50 Teilnehmer gefreut. Gekommen sind etwa 200. Es blieb friedlich, die Stimmung war toll. Weitere Veranstaltungen sollen folgen. Ich finde es enorm wichtig, dass die Menschen, die weiterhin in einer weltoffenen Demokratie leben möchten, jetzt auf die Straße gehen und das zeigen. Wenn viele kommen, wissen wir: Wir sind nicht allein. Ralfs und meine Freunde sind im ganzen Land verteilt, und viele von ihnen haben uns in den vergangenen Tagen geschrieben, dass sie an einer der Demos teilgenommen haben. Weiter so!

Viele Menschen haben Angst – und brauchen dringend eine Vision für die Zukunft

Vieles macht den Menschen Angst in diesen Zeiten. Ein Krieg tobt, uns so nah, in Europa. Jetzt gibt es noch einen weiteren in Nahost, der durchaus eskalieren kann. Die schrecklichen Bilder aus diesen Kriegen sind allgegenwärtig. Sie sind kaum zu ertragen. Es sind Menschen wie wir, deren Leben dort zerstört wird. Ralf und ich sehen hin. Meistens. Aber an manchen Tagen brauchen wir einfach eine Nachrichtenpause.

Der Ukraine-Krieg macht vielen Menschen in Europa Angst. Putin könnte durch einen Angriff im Baltikum den Nato-Bündnisfall auslösen, und der nächste Weltkrieg wäre da. Einige Experten warnen bereits davor. Dass es so weit kommt, ist übrigens meine größte Angst.

Aber selbst wenn das nicht passiert, sorgen die beiden Kriege bei vielen Menschen für große Unsicherheit, wie es mit ihrem Leben weitergeht. Wie werden sich die Energiepreise entwickeln? Kann man sich die warme Wohnung in Zukunft noch leisten? Der deutschen Wirtschaft droht eine Rezession, doch es ist unklar, wie stark diese sein und wie lange sie dauern wird. Dazu kommt die noch junge Erfahrung mit der Corona-Pandemie. Die Maßnahmen, die die Bevölkerung schützen sollten, haben sie gespalten. Aus manchen Freunden wurden Gegner.

Die Bundesregierung macht ihre Arbeit, und sie macht natürlich auch Fehler. Alle machen Fehler, niemand ist perfekt, auch eine Regierung nicht. Und jeder wird diese Fehler anders bewerten. Leider ist sich die Ampel-Koalition aber untereinander in vielen Dingen nicht einig und versteht es vor allem nicht, der Bevölkerung Zuversicht zu vermitteln. Es fehlt eine Vision für die Zukunft, die dem gesellschaftlichen Leben eine Richtung gibt und den Menschen Mut macht. Doch vielleicht können wir uns eine solche Vision noch erarbeiten. Es ist höchste Zeit dafür.

Wer einen Sündenbock verfolgt, bleibt irgendwann im Schlamm stecken

Da haben es jene leicht, die anderen Angst einhämmern und dabei oft laut sind. Und die dann einen Sündenbock benennen, der aus dem Weg geräumt werden muss, damit danach alles besser ist. Es ist ein uraltes Schema: Schuld sind die „Fremden“, die „Migranten“, die, die „anders“ sind. Dieser Methoden bedienen sich die Parteien rechts außen schon seit Jahrzehnten, doch sie haben sich in den krisengeschüttelten vergangenen Jahren weit in die Mitte der Gesellschaft vorgearbeitet.

Und noch einen „Schuldigen“ prügeln sie vor sich her: die „da oben“, zurzeit eben die Ampelkoalition. Es kursiert die absurde Lüge, wir würden in einer „Scheindemokratie“, also in Wirklichkeit längst in einer Diktatur leben. Es ist erschreckend, dass es Menschen gibt, die diesen Unsinn tatsächlich glauben.

Die Fortsetzung der Lügengeschichte geht so: Man muss nur „die da oben“ wegfegen und dann am besten noch die Menschen aus dem Land jagen, die nicht „deutsch“ genug sind, und dann wird alles gut. Jetzt können wir uns noch fragen, wer diesen Blödsinn in die Welt setzt. Da gibt es mehrere Quellen. Russische Bots (also keine Menschen, sondern von Computern erstellte Posts, die in den sozialen Netzwerken verbreitet werden, die man als Laie aber gar nicht als solche erkennt), Parteien rechts außen, Youtuber von zweifelhafter Gesinnung und ähnliche weitere. Doch Vorsicht mit den Sündenböcken: Wer sich von Hass und Häme anstecken lässt und den Sündenbock jagt, merkt erst, dass er sich verrannt hat, wenn er im Schlamm stecken geblieben ist.

Es gibt oft keine einfachen Lösungen

Wer Angst hat, seine Existenz zu verlieren, zu verarmen, in kommenden Wintern zu frieren, ist anfälliger für „einfache Lösungen“. Bei manchen wächst auch die Wut schneller als die Angst. Und das, was es eigentlich braucht – Besonnenheit, Nachdenken, sich sachlich informieren und die Lage analysieren, kommt zu kurz oder findet bei einigen Menschen auch gar nicht statt. Nicht jeder ist in der Lage, komplex zu denken. Aber jeder sollte doch in der Lage sein, anständig zu sein.

Ein Rückblick für mehr Durchblick

Die Zwanziger Jahre, deren Mitte wir uns gerade nähern, sind nicht gleichzusetzen mit den Zwanziger Jahren im vorigen Jahrhundert. Doch es gibt Parallelen. Wer sich mit der Weimarer Republik auseinandersetzt, erkennt, wo die nicht genutzten Möglichkeiten lagen und welche Fehler in das Desaster der 30-er Jahre und in den Zweiten Weltkrieg geführt haben. Einige dieser Fehler können wir auch heute machen, und da ist ganz große Vorsicht geboten. Wer sich über damals informieren möchte, findet sehr viel Literatur. Ein sehr gutes Buch habe ich vor kurzem gelesen: „Höhenrausch“ von Harald Jähner.

Ich freue mich, dass jetzt im ganzen Land so viele Menschen auf die Straßen gehen und den rechten Parteien und Gruppen zeigen, dass sie mit deren Art, Angst zu schüren, Hass und Häme zu verbreiten und menschenverachtende Pläne zu schmieden, nicht einverstanden sind. Dass diese Parteien und Gruppen eben nicht „das Volk“ vertreten, wie sie sich selber und anderen so gerne vormachen. Überhaupt, das „Volk“, was soll das sein? Die Deutschtümelei wird in Teilen der Gesellschaft schon wieder laut vor sich hergetragen. Den Menschen, die damit sympathisieren, kann man nur nahelegen, sich mal mit der Geschichte der Völkerwanderungen auseinanderzusetzen und mit der darauf bezogenen Genforschung.

Jeder kann mitmachen und Demokratie wählen

Damit wir frei leben können, reichen die Demonstrationen und Kundgebungen aber nicht aus. Es geht auch darum, dass bei den anstehenden Wahlen diejenigen, die die Demokratie letztendlich abschaffen wollen, nicht gewählt werden. Wer von diesen fest überzeugt und längst vereinnahmt ist, wird für sie stimmen. Aber was ist mit den anderen, den Unentschlossenen, Unzufriedenen, den Ratlosen und „Protestwählern“? Selbst wenn jemand mit der Regierung nicht zufrieden ist, kann es nicht die Lösung sein, Leute zu wählen, die uns die Freiheit nehmen wollen. Denkt also genau nach, was Ihr wollt und was nicht. Ihr könnt auch eine Partei wählen, die Euch nicht zu hundert Prozent überzeugt. Auch das ist eine Möglichkeit, seine Stimme gegen Rechtsaußen abzugeben.

Teilt nicht unüberlegt jeden Mist auf Social Media!

Und noch etwas hat jeder in der Hand: Wir alle können entscheiden, welche Botschaften wir weiterleiten möchten und welche nicht. Wer gedankenlos oder von Unmut erfüllt in den sozialen Medien Bildchen und Parolen teilt, macht sich mitschuldig daran, dass sich Lügen, Häme und Hetzereien ausbreiten. Es ist doch gar nicht so schwer, erst mal innezuhalten und darüber nachzudenken, was man da weitergibt, aus welcher Ecke es kommt, und was es bei anderen Menschen bewirkt, bevor man auf „Teilen“ klickt. Mich kotzt es jedenfalls an, wenn ich auf WhatsApp oder Facebook Bilder von Ampeln an Galgen oder Sprüche wie „Knipst der Ampel das Licht aus“ lese. Das hat mit Diskussion, Problemlösungen oder Meinungsaustausch nichts zu tun. Das ist im besten Fall einfach nur dumm.

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Tsunami

Manchmal ändert ein Ereignis unser Leben, aber wir selber merken das erst viel später. Das Ereignis löst so etwas wie eine Welle aus, die lange läuft und das, was sie auf ihrem Weg berührt, verschiebt und neu ordnet. Warum bin ich da, wo ich bin? Wie viele Zufälle und unreflektierte Zusammenhänge haben mich in genau dieses Leben gebracht, das ich führe? Vielleicht habt Ihr Euch diese Fragen auch schon mal gestellt. Ich mache das ab und zu und bin zum Jahresende eher zufällig mal wieder auf diese Gedanken gekommen.

Diesmal habe ich zwischen den Jahren mehr ferngesehen als sonst. Das lag daran, dass ich an Weihnachten Corona hatte und deshalb alle Unternehmungen auswärts nicht stattfinden konnten. Sofa statt Weihnachtsessen im Restaurant. Sofa statt Eislaufen und Glühwein trinken in Heringsdorf. Und so weiter. Jetzt kenne ich eine Menge romantischer Weihnachtsfilme mit traurigem Start und Happy End.

Die zweite Welle

Weil aber immer nur Herz-Schmerz irgendwann langweilig wird, habe ich mir die Serie „Die zweite Welle“ angesehen. Sie erzählt die Geschichte von ein paar Freunden, die im Weihnachtsurlaub 2004 in Khao Lak in Thailand in den Tsunami geraten. Danach ist nichts mehr wie vorher. 15 Jahre später holen die Ereignisse von damals jeden einzelnen von ihnen wieder ein. Das Ganze ist spannend erzählt, und an Bildern der verheerenden Auswirkungen des Tsunami fehlt es nicht. Die zweite Welle ist das, was den Freunden später passiert.

Die Bilder aus Thailand, das Szenario, dass die Welle weiterläuft und Jahre später indirekter Auslöser für eine Reihe von Ereignissen ist, brachten mich dazu, über die vielen Zufälle und Vorfälle nachzudenken, von denen unser Leben oder der Verlauf unseres Lebens abhängen. Ein Erdbeben löst eine Welle aus. Doch was löst die Welle alles aus?

Während ich die Serie sah, wurden bei mir ganz persönliche alte Bilder wieder lebendig. Ein Tsunami schafft Veränderung. Das haben wir 2004 gesehen und dann in bedeutendem Maße wieder 2011, als es nach dem Tsunami in Japan im Atomkraftwerk Fukushima zu einem Super-GAU kam.

Der Tsunami 2004 war der erste, der weltweit eine so große Aufmerksamkeit erfuhr. Er brachte für hunderttausende Menschen in mehreren Ländern Tod und Zerstörung. Aber damit war es noch nicht zu Ende. Wellen laufen lange; sie können sich im abstrakten Bereich immer weiter fortsetzen, weil die Zerstörungen und Veränderungen, die sie primär bewirken, Folgen nach sich ziehen. Diese betreffen vielleicht das eigene Leben, auch dann, wenn man mit dem Ereignis selbst gar nichts zu tun hatte.

Wir ahnten nicht, dass sich gerade unser Leben änderte

Ralf und ich haben – wie die meisten Menschen – am 26. Dezember 2004 im Fernsehen von der Katastrophe erfahren. Wir waren erschüttert über die ungeheure zerstörerische Kraft, über das viele Leid, das die Welle hinterlassen hat. Doch wir waren weit weg, wir kannten niemanden, der sich gerade in einem der betroffenen Länder aufhielt. Und dort gewesen waren wir auch noch nie. Was wir nicht ahnten, als wir Weihnachten 2004 in Salzwedel vor unserem Fernseher saßen, war, dass sich gerade unser Leben änderte. Die Welle würde uns schon bald auf einen Weg bringen, den es ohne sie gar nicht gegeben hätte.

Noch Monate später Kahlschlag in Khao Lak

Lange bevor wir die Abzweigung erreichten und uns dafür entschieden, den neuen Weg zu gehen, landete ich auf einer Pressereise in den vom Tsunami verwüsteten Urlaubsregionen in Thailand. Das war im August 2005, gut acht Monate nach der Welle. Auf der Insel Phuket kamen die Wiederaufbauarbeiten schnell voran. Im so paradiesisch gelegenen Khao Lak war der Kahlschlag, den die Welle hinterlassen hatte, noch deutlich zu sehen. Wo einst Bäume, gar ein ganzes Wäldchen gestanden hatten, gab es nur noch öde Flächen. Unten, nahe des Strandes, wo die Gäste der Lodges und Ferienresorts ihren Urlaub in kleinen Bungalows verbracht hatten, war von den Häuschen kaum noch etwas übrig. Aber es wurde schon wieder eifrig gebaut.

August 2005 in Khao Lak: Noch sind die Spuren des Tsunami deutlich zu sehen.

Zwei Kilometer im Landesinneren lag ein Polizeiboot, das am Tag des Tsunami angeblich einen der thailändischen Königssöhne beim Surfen begleitet hatte. Die Welle hatte es dorthin geworfen. In der Nähe standen einfache Wohnhäuser, teilweise noch immer mit großen Rissen in den Wänden. Andere waren komplett zerstört, da gab es nur noch die Fundamente.

Etwa zwei Kilometer landeinwärts in Khao Lak. Hierhin hat die Welle das Polizeiboot gespült.

Und doch, beim Blick vom Berghang hoch über dem langen Strand von Khao Lak auf den Indischen Ozean fiel es mir schwer, mir vorzustellen, wie sich das Meer zurückzieht und dann eine riesige Welle heranrauscht. Oder mehrere Wellen. Man berichtete uns Journalisten vom geplanten Tsunami-Frühwarnsystem. Und warb dafür, dass die Menschen keine Angst haben sollten, nach Thailand zu reisen.

Trügerische Idylle: Blick vom „Tsunami Point“ auf den Strand von Khao Lak.

Wir wohnten in einem Fünf-Sterne-Resort in Phuket, in dem von den Folgen des Tsunami schon nichts mehr zu sehen war. Das Resort war weitläufig und lag an einem Hang. Mein Zimmer, eigentlich eher eine kleine Suite, war eines von nur zweien im Hotel, die durch die Welle zerstört worden waren. Davon war aber nichts mehr zu merken, das Zimmer war wie neu. Es befand sich im Erdgeschoss, mit einer eigenen Terrasse zum Ozean hin. Die Außenwand bestand aus einer Glasfront mit großen Schiebetüren. Ich sah die sich im starken Monsunwind biegenden Palmen und direkt dahinter das Meer. Auf den Fenstertüren klebte ein Film aus Salz und Gischt. Die Vorstellung, dass das Wasser jederzeit wieder in dieses Zimmer krachen konnte, war unheimlich, aber irgendwie auch sehr abstrakt.

Mein Zimmer in Phuket. Der Tsunami hatte es komplett zerstört. Zu sehen war davon nichts mehr.

Kaum jemand fragt noch nach dem Tsunami

Über die Thailand-Reise schrieb ich einen Artikel für die Volksstimme, die Tageszeitung im nördlichen Sachsen-Anhalt, für die ich damals arbeitete. In Thailand hatte ich Menschen kennengelernt, die in den Hotels oder als Reiseführer arbeiteten. Der damalige Gouverneur der Provinz Phuket nahm an einem Abendessen mit uns teil und berichtete von den Tsunami-Folgen und den Zukunftsplänen der Region. Ein aus Australien stammender Hotelmanager in Krabi erläuterte uns die Evakuierungspläne seines Luxus-Resorts im Falle einer Tsunami-Warnung. Sie alle wollten natürlich, dass wieder Urlauber kamen.

Tatsächlich lief es bald wieder mit dem Tourismus in Thailand. Zehn Jahre später florierte Khao Lak. Offenbar interessierte sich da kaum noch jemand von den Gästen für die Sicherheit in Sachen Tsunami, hieß es in einem Stern-Artikel von 2014.

Mittlerweile gibt es ein Tsunami-Frühwarnsystem. Im Indischen Ozean installierte Messbojen sollen regelmäßig Daten senden und im Ernstfall so früh wie möglich warnen. Ob es wirklich zuverlässig funktioniert, daran gibt es Zweifel. Eine Karte zeigt, wo die Bojen sich befinden sollten und ob sie in den vergangenen acht Stunden gesendet haben oder nicht.

Wichtig ist vor allem die „letzte Meile“: Eine Warnung muss die Menschen vor Ort erreichen. Sie darf nicht in irgendwelchen Institutionen stecken bleiben. Mit der Problematik setzt sich unter anderem das WDR-Format Quarks auseinander. Hätte es 2004 ein funktionierendes Frühwarnsystem gegeben, hätten die Menschen eine Chance gehabt, sich in Sicherheit zu bringen. In Khao Lak und Phuket wäre die Warnung mehr als eine Stunde vor dem Tsunami möglich gewesen – genug Zeit, um den Strand und die tiefer gelegenen Gebiete zu verlassen. Eine Betrachtung des zeitlichen Ablaufs findet Ihr auf zeit.de.

Traumurlaub mit tödlichem Ende

Damals war keine Zeit mehr. Da krachte das Wasser ohne jede Vorwarnung in den sonnigen Weihnachtsmorgen, nahm Menschen, Liegestühle, Sonnenschirme, Strandpavillons, Häuser, Bäume, Autos und auch sonst alles Mögliche mit, und als die Welle sich zurückzog, sog sie vieles – auch Menschen – mit hinaus in den Ozean. Unter den vielen Urlaubern in Thailand war ein Paar aus Norddeutschland. Es betrieb die Segelschule Rückenwind in Wolgast, erst vor gut sechs Jahren gegründet und auf dem Weg in eine gute Zukunft. Und nun, im Dezember, als alle Boote an Land waren und in die Segelschule im Winterschlaf ruhte, war die Gelegenheit für einen Traumurlaub in Sonne und Wärme.

Von den beiden kehrte nur Elke zurück. Ihr Partner hat den Tsunami nicht überlebt. Sie machte erst noch weiter mit der Segelschule, beschloss dann aber, sie zu verkaufen. Und diese Verkaufsanzeige in der Zeitschrift Yacht entdeckte Ralf dann eher zufällig, weil er sich auf einer Zugfahrt im Herbst 2006 so sehr langweilte, dass er, nachdem er alle Artikel der Zeitschrift durch hatte, auch noch sämtliche Kleinanzeigen las. Die Geschichte findet Ihr hier im Blog unter dem Reiter Segelschule.

Den letzten Impuls geben wir oft selbst

Wäre das Erdbeben im Indischen Ozean nicht passiert, wäre unser Leben heute ein anderes. Doch das allein war es ja nicht. Hätte Ralf sich auf dieser Zugfahrt 2006 nicht gelangweilt, hätte er noch ein Buch oder eine andere Zeitschrift dabei gehabt, hätte er die Anzeige wohl nicht gelesen. Eine Katastrophe also und ein Zufall. Beides zusammen stellte uns an eine Abzweigung, und wir konnten uns nun entscheiden: Sollen wir den alten Weg weiter gehen? Oder den neuen nehmen?

Der alte Weg hätte bedeutet, es nicht mit der Segelschule zu versuchen, sondern bei unseren eigentlichen Berufen zu bleiben. Es gehört schon Entschlusskraft dazu, das Leben komplett zu ändern und etwas völlig Neues zu beginnen. Man weiß vorher ja nicht, ob das klappt. Wir haben es versucht und es hat funktioniert. Wenn es schief gegangen wäre, hätten wir einen anderen Weg suchen müssen.

Den letzten Impuls geben wir oft selbst. Zufälle, Entwicklungen und Ereignisse, auf die wir keinen Einfluss haben, führen uns an einen Punkt, an dem wir eine Entscheidung treffen können oder manchmal auch müssen. Manchmal erfordert diese Entscheidung Mut oder eine gewisse Bereitschaft zum Risiko. Wer immer nur dem eingefahrenen Weg vertraut, wird den steinigen, verschlungenen Pfad, der da abzweigt, nicht erklimmen. Er wird dann nicht in die Tiefe stürzen – aber auch die überwältigende Aussicht, zu der dieser Pfad sich irgendwann öffnet, nicht erleben.

Glück auf Unglück aufbauen – geht das?

„Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist einer von diesen Sprüchen, die jeder kennt. Auf Holztäfelchen graviert und in die Diele gehängt, auf Leinen gestickt und der Aussteuer beigefügt oder einfach in der Schule von innen auf die Klotür gekritzelt. Dieser Spruch ist nicht verkehrt, wenn es darum geht, aus den vorhandenen Möglichkeiten das Beste zu machen. Aber alles haben wir eben doch nicht in der Hand. Katastrophen, Unfälle, Zufälle, Krankheiten können uns treffen, ohne dass wir das verhindern können.

Im Zusammenhang mit dem Tsunami fällt mir noch so ein Spruch ein. Den habe ich in meiner Jugend öfter gelesen, auf einen Tisch in der Schule geschrieben oder einfach im Poesiealbum oder Freundschaftsbuch. „Du sollst dein Glück nicht auf dem Unglück anderer aufbauen.“ Ja, das haben wir tatsächlich geglaubt, als wir zwölf oder dreizehn waren und gute Menschen sein wollten. Immer, wenn etwas jemand anderen unglücklich macht, ist es nicht anständig, daraus für sich selbst Glück abzuleiten. Wir haben damals nicht verstanden, das diese Interpretation Unsinn ist. Es wäre besser gewesen, „Du sollst versuchen, kein Unglück in das Leben anderer Menschen zu bringen“ zu schreiben. Für den Tsunami konnten wir nichts. Er brachte Elke und ihrem Partner Unglück. Das Leben mit der Segelschule macht Ralf und mich glücklich. Kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Außerdem hätte es Elke ja nichts genützt, wenn niemand die Schule gekauft hätte.

Jeder von uns wird in seiner Geschichte oder in der Geschichte seiner Vorfahren Ereignisse finden, die – obwohl lange vorbei und vielleicht ganz woanders geschehen – einen direkten Einfluss auf seine heutige Existenz haben. Und das waren oft keine schönen oder glücklichen Wendungen. Was zum Beispiel für sehr viele Menschen in Deutschland zutrifft, ist die Tatsache, dass sie nicht geboren worden wären, wenn es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben hätte. Das gilt übrigens auch für Ralf und mich. Dieser Krieg löste die größte Fluchtwelle innerhalb Europas aus. Unsere Väter waren Flüchtlingskinder aus dem Osten, unsere Mütter kamen im Rheinland beziehungsweise im Ruhrgebiet zur Welt.

Achtsamer leben

Ich finde es gut, ab und zu innezuhalten und über Zufälle, Ereignisse und Zusammenhänge im eigenen Leben nachzudenken. Und auch immer aufmerksam zu sein, ob sich nicht hier oder da eine Chance bietet, eine Abzweigung, eine Möglichkeit, etwas zum Besseren zu ändern. Oder einfach die Folgen einer Handlung oder Entscheidung zu bedenken. Das bedeutet, achtsamer zu leben, sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft bezogen. Denn das, was wir tun, löst oft etwas aus. Weitere Handlungen, Ereignisse, Entwicklungen. Wellen laufen lange. Auch später noch.

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Was uns bleibt vom Leben der anderen

Was einmal war, ist immer da.

Dieser Satz geistert durch meine Gedanken.

Alles, was war, hinterlässt etwas. Wo vor Hunderten von Jahren ein Haus stand, schlummern heute seine Spuren und die der Menschen, die dort lebten, in der Erde.

Ich habe mehr als mein halbes Leben hinter mir und fühle mich doch noch immer mitten drin, habe Pläne für die Zukunft, lerne drei Sprachen, Klavierspielen und Singen, würde gern wieder mehr schreiben. Aber gleichzeitig gewinnt die Vergangenheit an Bedeutung. Die erweiterte Vergangenheit, würde ich sagen. Nicht nur meine eigene, sondern auch die Geschichte der Menschen, die vor mir da waren.

Wenn ein Mensch stirbt, bleibt etwas von ihm. Aber was ist es, das da bleibt? Vor allem natürlich unsere Erinnerungen. Die Stimmen, die nie verklingen, die einen immer wieder direkt ins Herz treffen. Noch immer kann ich meine Eltern reden hören, gerade so, als wären sie im selben Zimmer. Und nicht nur sie.

Einfach nur Erinnerungen – das ist aber zu kurz gedacht. Da ist noch mehr. Manchmal spüre ich die Anwesenheit eines Menschen, den es nicht mehr gibt. Es mag ein Lufthauch sein, eine Idee, ein Gedanke, der scheinbar aus dem Nichts kommt und sich wie ein guter Rat anfühlt. Da schwebt ein längst verklungenes Lachen durch den Raum, da ist plötzlich eine Ahnung von Nähe und Achtsamkeit.

Die Sache mit dem Weihnachtsstern

Bisweilen passiert auch Seltsames. Da ist die Sache mit dem Weihnachtsstern. Meine Mutter hat mir früher jedes Jahr in der Adventszeit einen Weihnachtsstern geschenkt. Erst spät, als es ihr in ihren letzten Jahren nicht mehr gut ging, hat sie damit aufgehört. Da habe ich dann angefangen, mir im Advent selber einen kleinen Weihnachtsstern zu kaufen. Bis zum Dezember 2021. Das waren Mamas letzte Wochen. Gegen ihren Krebs half nichts mehr. Sie lebte schon länger im Pflegeheim an der Ostsee, und ich besuchte sie zum Schluss jeden Tag. Derweil verlor mein Weihnachtsstern sämtliche Blätter. Am 18. Dezember starb die Mama.

Als ich in den Tagen danach das kahle Pflänzchen wegwerfen wollte, sah ich einen winzigen hellgrünen Trieb. Ich behielt den Stern. Inzwischen ist er so groß, dass er kaum noch auf die Küchenfensterbank passt. Und dieses Jahr hatte er im Frühling plötzlich wunderschöne rote Blätter. Es war wie ein Gruß von der Mama. Niemals zuvor habe ich erlebt, dass ein Weihnachtsstern wieder rote Blätter bekam, nachdem die ersten abgefallen waren. Auch dann nicht, wenn er noch jahrelang hielt.

Plötzlich rote Blätter: mein Weihnachtsstern im April. Mittlerweile sind die roten Blätter weg, aber die Pflanze ist größer und dichter geworden.

Oder die Geschichte mit dem Baum. An einem windstillen Tag im Frühling haben wir Mamas Grab im Friedwald besucht. Es befindet sich unter einem schmalen Ahorn, der zwischen lauter Buchen steht. Als Ralf und ich am Grab standen, schaute ich wie immer nach oben in die Baumkrone. Und plötzlich bewegte sie sich zwischen all den stillen Bäumen hin und her. Gerade so, als wollte sie uns zuwinken. Es war, als hätte ein Windhauch nur diesen einen Baum gestreift.

Zauberwald

Aber das Seltsamste ist das mit dem räumlichen Sehen. Offenbar haben meine Augen in der frühen Kindheit die Zusammenarbeit nicht trainiert, so dass die räumliche Wahrnehmung bei mir nicht gut funktioniert hat. Meine Welt sah immer ein bisschen aus wie eine Postkarte, und ich musste mich ganz schön anstrengen, um zum Beispiel Abstände zu schätzen. Das bedeutet, jedes Auge funktioniert für sich, aber es erzeugen nicht beide gemeinsam automatisch ein dreidimensionales Bild im Gehirn. So ähnlich hat meine Augenärztin mir das mal erklärt. Wenn ich 3-D gucken wollte, musste ich das immer ganz bewusst steuern.

Im Januar 2022 wurde die Mama im verschneiten Friedwald auf Usedom beerdigt. Als ich an jenem Morgen in den Wald kam, standen die Bäume hinter- statt einfach nur nebeneinander. Überall waren Räume und Abstände, und es sah für mich aus wie ein Zauberwald. Seitdem funktioniert das räumliche Sehen bei mir viel besser, und wenn ich in irgendeinen Wald gehe – es muss nicht der Ruheforst auf Usedom sein – ist es besonders gut. Ralf sagt, das ist ein Geschenk von der Mama.

Zu Besuch bei Mama im Winterwald

Wer mich kennt, weiß, dass ich im Leben eher rational als emotional unterwegs bin. Ich bin ein Fan logischen Denkens, orientiere mich gern an Tatsachen und versuche im Zweifelsfall, Informationen zu überprüfen, statt einfach zu glauben, was andere behaupten. Ich neige nicht zur Esoterik. Aber ich bin offen für Erlebnisse, die mir zeigen, dass da zwischen Himmel und Erde mehr ist, als das, was wir sehen und anfassen können.

Ich bin auch denen verbunden, die ich nie kennenlernen konnte

Jetzt möchte ich wieder auf die Menschen zurückkommen, die es einmal gegeben hat und die mir wichtig sind. Ich denke, den meisten ist das Bedürfnis vertraut, die eigenen Wurzeln zu kennen und zu wissen, wer vor uns da war und uns über Generationen hinweg etwas mitgegeben hat für unser eigenes Leben.

Ich fühle mich auch denen verbunden, die ich nicht kannte, die schon tot waren, als ich geboren wurde. Ohne die ich aber doch nicht leben würde. Meinen Urgroßeltern zum Beispiel. Meinem Opa, der nicht aus Stalingrad zurückgekehrt ist und über den meine Oma nie gesprochen hat. Den Menschen, die irgendwo ihr Stückchen Land hatten, ihre Arbeit, ihren Alltag in kleinen Wohnungen oder großen Häusern, ihre Sorgen und Freuden, ihre Ängste und ihre Geheimnisse.

Deshalb bin stets ein wenig auf der Suche. Vor allem die Geschichten aus dem „versunkenen Land“ lassen mich nicht los. Schon einmal habe einen Beitrag dazu geschrieben: Kann man eine Landschaft erben? Es ging um Pommern mit seinem weiten Land und dem vielen Wasser, um die Familie meiner Oma Hilde, die in Hinterpommern gelebt hat, um meine tiefe Vertrautheit mit dieser Landschaft.

Das Unerreichbare zog mich besonders an

Als ich ein Kind war, faszinierte mich ganz besonders das Land, das ich nicht besuchen konnte. Es war unerreichbar aus zwei Gründen: Es lag hinter dem Eisernen Vorhang. Und ein Leben, wie es meine Vorfahren dort geführt hatten, gab es längst nicht mehr, einfach weil die Welt sich verändert hatte. Deshalb habe ich alles, was dort im geheimnisvollen Nebel der Vergangenheit schlummerte, das „versunkene Land“ genannt.

Ich will wissen, wie sich das Leben dort anfühlte. Indem ich die Häuser und Höfe finde, wo einst meine jungen Großeltern und deren Vorfahren lebten, Dörfer, Felder, Wälder und Flussauen anschaue, bekomme ich ein besseres Gefühl dafür, wer sie waren, als wenn ich mir ihre Geschichten einfach nur anhöre. So habe ich schon einige dieser alten Orte besucht. Weitere Reisen werden hoffentlich noch folgen.

Ein neues Kapitel mit vielen Familiengeschichten

Ich finde, hier ist es an der Zeit, im Blog ein neues Kapitel zu öffnen. Ich nenne es einfach „Familiengeschichten“. Dort werde ich auch Texte bringen, die es schon länger gibt als diesen Blog und die bisher nur Freunde und Verwandte zu lesen bekommen haben. Am Anfang des neuen Kapitels steht aber eine Reise, die Ralf und ich erst dieses Jahr im September gemacht haben. Sie führte uns an einen Ort mitten im Nirgendwo, den ich schon sehr lange besuchen wollte. Ein Dorf in der bezaubernden Landschaft an der Warthe im Gebiet Wielkopolskie: viele Felder, Wiesen und Wälder, wenig Häuser, ein Füllhorn voller Erinnerungen, ein Geheimnis und ein seltsamer Traum – Striche Hauland. Wenn Du Lust hast, lies einfach mal rein.

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Zwischen den Jahren

Weihnachten ist vorbei. Das neue Jahr hat noch nicht angefangen. Ein klein wenig scheint die Welt stillzustehen in diesen Tagen. Wir erwarten nichts mehr vom alten Jahr. Also verweilen wir, haben vielleicht sogar frei und Zeit, uns auf das zu besinnen, was war. Und über das nachzudenken, was da wohl kommen wird.

Ralf und ich heute Nachmittag beim Silvesterglühwein. Wir wünschen Euch allen ein frohes und gesundes Jahr 2023 mit vielen erfüllten Wünschen.

Einer meiner früheren Chefredakteure sagte mal, dass ihm der Ausdruck „zwischen den Jahren“ sehr gefalle. Ich schließe mich dem an. Es ist eine wundervolle Formulierung für eine Zeit, die irgendwie keine ist. Für einige wenige besondere und stille Tage, in denen ich mir gerne vorstelle, dass die Welt kurz anhält, um dann, sobald das Neujahrsläuten um Mitternacht vorbei ist, am 1. Januar wieder loszulegen.

Innehalten, eine Pause machen

Als ich noch als Zeitungsredakteurin gearbeitet habe, hatte ich in dieser Zeit selten Urlaub. Oft habe ich auch an einem oder beiden Weihnachtstagen gearbeitet. Da war nicht viel mit Ruhe und Besinnung. Trotzdem war die Stimmung eine besondere.

Natürlich steht die Welt nicht still. Alles geht weiter. Das Schlimme wie das Gute. Es geht nicht darum, sich davon abzuwenden. Sondern einfach ums Innehalten, eine Pause machen.

Silvester war einst großartig

Früher war der Jahreswechsel für mich etwas Großartiges. Ein neues Jahr, da konnte so viel passieren. Ich konnte so viel erleben, lernen, entdecken! In meiner Kindheit und Jugend habe ich mit Feuereifer Silvester gefeiert und mich auf das kommende Jahr gefreut. Es würde gut werden, auf jeden Fall!

Zuhause, in der Elisabethstraße in Remscheid, kamen Silvester um Mitternacht immer fast alle Nachbarn auf die Straße. Wir wünschten uns gegenseitig ein schönes neues Jahr und machten Feuerwerk.

Da die Straße am Hang liegt, sind die Haustüren dort nicht ebenerdig. Zu unserer Tür führte ein Podest mit acht Treppenstufen, oben umgeben von einem Geländer. Mein Papa befestigte eine Sonne an eben diesem Geländer und zündete sie an. Wie schön das aussah, wenn die Funken herumwirbelten! Die Silvesternacht hatte ihren ganz eigenen Zauber. Genau wie die Weihnachtszeit, über die ich in einem früheren Beitrag geschrieben habe.

Umdrehungen bei Lutz

Später verbrachte ich diesen Abend oft mit Klassenkameraden und Freunden. Ich erinnere mich noch genau an eine Silvesterfeier bei meinem Mitschüler Lutz. Wir waren eine ganze Clique von Leuten, die meisten oder vielleicht auch alle aus meiner Klasse. Es war eine fröhliche Party, die Getränke hatten ein paar Umdrehungen. Damals waren gruselige Drinks in – blauer Engel, grüne Wiese, Bacardi-Cola, Batida Orange. Wahrscheinlich war mir am nächsten Tag schlecht. Aber diese Erinnerung hat sich zum Glück verflüchtigt.

Wir saßen in Lutz‘ Zimmer auf dem Teppich und auf allen verfügbaren Polstermöbeln, stapelten uns dann für eine halbe Stunde im Wohnzimmer und guckten „Dinner for one“, liefen um Mitternacht hinaus und zündeten Böller. Danach fuhren wir mit dem Aufzug ganz nach oben – Lutz wohnte in einem Hochhaus – und schauten uns von dort aus das Feuerwerk über Remscheid an.

Wirklich respektabel alt

Und dann kam mir plötzlich der Gedanke mit dem Alter. Jetzt gerade hatte das Jahr angefangen, in dem ich wirklich respektabel alt werden würde! Das musste ich sofort den anderen verkünden. „Dieses Jahr werde ich siebzehn“, schrie ich begeistert meiner Freundin Angelika ins Ohr. „Nicht zu fassen, oder?“ Siebzehn – das fühlt sich fast schon an wie zwanzig. Also unglaublich erwachsen.

Diese kleine Erinnerung ist doch wirklich hinterhältig. Ausgerechnet in diesem Jahr schleicht sie sich am Silvestertag wieder an und grinst mir frech ins Gesicht. „Ich hab‘ Jubiläum“, flüstert sie mir zu. Leider hat sie Recht. Die Party bei Lutz ist heute genau 40 Jahre her. Was aus Lutz geworden ist, weiß ich nicht. Auch Angelika habe ich seit Jahrzehnten aus den Augen verloren. Dennoch sehe ich diese Szenen vor mir, als wären seitdem höchstens fünf Jahre vergangen.

Der 141. Geburtstag – und noch immer trinkfest

Dinner for one“ gehört bei mir noch immer zu den in Stein gemeißelten Silvesterritualen. Nur ganz selten habe ich es mal nicht gesehen – etwa damals, als ich zum Jahreswechsel in San Sebastian auf La Gomera war. Das war irgendwann in den Neunzigern. Da konnte man noch keine Sendungen übers Internet gucken.

Meine Eltern hatten früher alljährlichen Spaß mit Miss Sophie und James. Und ich auch. Miss Sophie ist die älteste Frau der Welt. Da können all die greisen Japanerinnen einpacken. Miss Sophie feiert nachher zum 51. Mal ihren 90. Geburtstag im deutschen Fernsehen. Selbst wenn wir mal unberücksichtigt lassen, dass der Sketch aus den 20-er Jahren stammt und Freddy Frinton ihn schon 1945 in England aufgeführt hat – nach der deutschen Fernsehrechnung ist Miss Sophie also inzwischen 141 Jahre alt. Und immer noch trinkfest.

Dinner for friends and family

Obwohl – so furchtbar trinkfest muss sie bei ihrem Dinner gar nicht sein. Wir haben es ausprobiert. Zweimal haben Ralf und ich am Silvesterabend das Dinner for one nachgekocht und mit den dazugehörigen Getränken serviert. Einmal Anfang der Zweitausender in unserer ersten gemeinsamen Wohnung in Hamburg für Freunde und etwa zehn Jahre später noch mal hier in Wolgast für unsere vier Eltern. Es waren lustige Abende. Dabei haben wir zwei Dinge festgestellt:

1. Miss Sophies Adelsgeschlecht ist verarmt, aber der Weinkeller ist wohl noch recht gut gefüllt. Das Essen selber kostet jedenfalls nicht viel. Außerdem ist vom ganzen Hauspersonal ja auch nur noch das Multitalent James übrig geblieben.

2. Wenn man nicht wie James für fünf Gäste trinken muss, ist der Spaß gut verträglich.

Einfach mal selber kochen und Getränke testen 🙂

Für alle, die mal Lust drauf haben, das Menü geht so:

  • Mullygatawny (das ist eine Curry-Reis-Suppe, ich habe dafür ein Rezept aus Singapur), dazu Sherry
  • Nordsee-Schellfisch (der ist heute etwas teurer als damals, und man bekommt ihn auch nicht überall. Lässt sich aber vorbestellen), dazu Weißwein
  • Hühnchen, dazu Champagner bzw. Sekt
  • Obst und Portwein

In Sachen Beilagen ist Kreativität gefragt, und das Obst darf gern zum Obstsalat mutieren. Auf jeden Fall macht so ein Silvesterabend richtig Spaß.

Lachen ist willkommen

Alles, was uns zum Lachen bringt, ist uns in diesen Tagen willkommen. Gestern Abend zum Beispiel. Da lief recht spät auf ARD der Silvesterspaß „Kurzschluss“ mit Anke Engelke und Matthias Brandt. Genau unser Humor. Wir haben herzhaft und laut gelacht.

Das Zurückschauen auf das gerade vergehende Jahr ist leider in vielem nicht erfreulich. Da sind die Katastrophen, die uns alle betreffen. Allem voran dieser entsetzliche Krieg in der Ukraine. Und da sind die Ereignisse unseres persönlichen Lebens. In unserer klein gewordenen Familie gab es 2022 nichts Schlimmes. Darüber freuen wir uns. Aber drumherum bricht vieles auseinander. Da ist der alte Freund, der nach einer Hirnblutung kaum sprechen und schreiben, sich also nicht mehr mitteilen kann. Obwohl er alles mitbekommt und versteht. Eine Freundin hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Da sind andere, die sich gegen Krankheiten wehren. Und solche, die im falschen Leben stecken und verzweifelt nach Glück suchen.

Vieles ist jetzt nicht mehr selbstverständlich

Da nähern wir uns dem Grund, warum der Jahreswechsel für mich heute kein Fest mehr ist. Er passiert einfach, und die Zukunft bringt hoffentlich viel Gutes. Aber wir haben ein Alter erreicht, in dem vieles eben nicht mehr selbstverständlich ist. Über Gesundheit habe ich mir früher nicht viele Gedanken gemacht. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen, die ich gern hatte, auch am Ende des beginnenden Jahres noch da sein würden, war früher groß. Heute sind viele schon weg. Und wir selber werden immer mehr zu den Leuten, die ich vor 30, 40 Jahren als echt alt bezeichnet hätte.

Zukunft? Auf jeden Fall!

Trotz dieser dunklen Gedanken freue ich mich auf die Zukunft. Egal, welches Jahr wir nun schreiben. Ralf und ich haben Pläne und Wünsche. Ich lerne noch immer dazu. Derzeit sind Schwedisch, Klavierspielen und Singen meine Haupt-Lernprojekte. Es gibt noch eine Menge zu tun und zu entdecken. Meine Wünsche für die kommende Zeit: Der Krieg soll aufhören. Die Menschen, auch diejenigen, die politisch noch in der Gedankenwelt der 80-er-Jahre stecken, sollen endlich Vernunft annehmen und tatkräftig gegen den Klimawandel vorgehen. Und Ralf und ich und alle, die wir lieben und gern haben, mögen gesund bleiben und ihr Glück finden.

Gleich gucke ich „Dinner for one“!

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Warteschleife

Mein Blog hat in der Warteschleife gesteckt. Monatelang. Im vorigen Winter hatte ich eine Handvoll Ideen zu Themen, über die ich schreiben wollte. Doch dann ist sechs Tage vor Heiligabend meine Mutter gestorben. Sie hatte Krebs, und es war nach allen Behandlungen und Untersuchungen klar, dass es keine Chance auf Heilung gab.

Doch auch wenn man solche Tatsachen mit Logik und Sachlichkeit begreifen kann, hilft es doch nicht, wenn dann die Zeit gekommen ist. Es war ein langsames Sterben, und trotz der guten Palliativversorgung hatte die Mama zwischendurch schlimme Schmerzen. Ich habe bei ihr gesessen, ihr Märchen vorgelesen, wie sie einst mir, die alten Lieder gesungen, Gitarre gespielt, Erinnerungen aufleben lassen. Es tat weh.

Mamas Bruder kam aus dem Emsland angefahren. Wir nahmen Abschied. Danach, in der Nacht, gingen wir ans Meer. Das Pflegeheim, in dem meine Mutter wohnte, liegt nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Schwarze Wolken zogen über den dunklen Himmel. Schaumkronen schimmerten im Mondlicht. Ein kalter Wind wehte.

In jedem Meer der Welt

Mein Vater war da. Er ist überall, in jedem Meer der Welt. Das kann man spüren, wenn man einen Menschen in der See bestattet hat. Der Papa ist knapp zwei Jahre früher gestorben, und seitdem fehlt er. Jetzt fehlen beide. Da bleibt ein großes Glück, diese liebevollen Eltern gehabt zu haben, das warme Elternhaus, so viele tolle Chancen und Möglichkeiten für mein Leben. Und es bleibt als neuer Grundton in meinem Leben die Traurigkeit über den Verlust dieser beiden Menschen.

Damals habe ich meine Blog-Themen in die Warteschleife gelegt. Warteschleifen sind geduldig, sie bewahren klaglos das, was man reinstopft. Wenn es sein muss, jahrelang. Statt dessen habe ich die Trauerrede für die Mama geschrieben. Meine Mutter hatte vor Jahren, als wir gemütlich bei meinen Eltern im Wohnzimmer saßen, gesagt, sie wolle einst im Wald begraben werden. Diesen Wunsch haben wir ihr erfüllt.

Friedwald

Zu Besuch bei Mama – die Sonne spielt in den Baumkronen.

Nun liegt ihre Urne unter einem Ahorn inmitten vieler Buchen im Friedwald auf der Insel Usedom. Es ist ein schöner Ort, an dem es raschelt und zwitschert und der Wind nicht selten in den Baumkronen rauscht. Als sie beerdigt wurde, lag Schnee. Im Frühjahr kam helles Grün. Im Sommer tanzten die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach. Wann auch immer ich an ihr Grab komme – es ist immer schön dort. Seit der Beerdigung ist meine Mutter in jedem Wald, so wie mein Vater in jedem Meer.

Eigentlich wollte ich mich ein paar Wochen sammeln und dann im Blog etwas über die Mama erzählen, genau so, wie ich zwei Jahre vorher über meinen Vater geschrieben habe. Doch als der Ukraine-Krieg begann, erschienen mir alle meine Gedanken nichtig im Vergleich mit dem Grauen, das den Menschen dort angetan wird. Wie kann man dem gewaltsamen Sterben, der Zerstörung, der Angst und dem Horror in diesem so nahen Krieg mit Alltagsgedanken und Alltagstrauer begegnen?

Funktionsmodus

Nun sind die meisten Menschen in der Lage, sich an den Schrecken zu gewöhnen und trotz allem in einen mehr oder weniger normalen Funktionsmodus umzuschalten. Für meinen Mann Ralf und mich kamen mit dem Frühling und dem Sommer arbeitsreiche Monate. Motorboot- und Segelkurse gingen wieder los, die Boote mussten bereit gemacht und ins Wasser gebracht werden, auch im Büro war jede Menge zu tun.

Glückliche Momente

Sonnenuntergang in Kloster, Insel Hiddensee

Und wir hatten tatsächlich einen schönen Sommer mit vielen glücklichen Momenten. Sogar ein Segelurlaub war möglich, und so sind wir im Juni über Stralsund, Hiddensee und Rügen nach Bornholm gesegelt und haben einige wunderbare Tage auf dieser schönen Insel verbracht. Es war eine im Großen und Ganzen normale Saison. Außer arbeiten und segeln, essen und schlafen geht da nicht viel.

Unbedingt sehenswert: die Festung Hammershus im Norden Bornholms
Rundum nur Wasser! Segeln ist eine faszinierende Art zu reisen.

Doch nun sind fast alle Boote an Land. Die letzten Kurse beginnen an diesem Wochenende. Und da schiebt sich jetzt nachdrücklich die bisher so geduldige Warteschleife in den Vordergrund. Darin befinden sich neben den Blog-Themen auch eine Menge anderer Projekte, Pläne und außerdem Papierstapel, die dringend mal abgearbeitet werden müssten.

Trotz allem hatte der Sommer für uns schöne Momente.

Also los! Papierstapel können warten. Aber das Schreiben nicht mehr. Wir wissen nicht, was die nächsten Monate bringen werden. Aber ich hoffe, dass ich jetzt wieder öfter die Ruhe finde, diesen Blog und meine anderen Projekte mit Leben zu füllen. Die Warteschleife bekommt garantiert auch immer wieder Nachschub.

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