Ein ganz anderer Sommer

Als das Guillain-Barré-Syndrom in unserem Leben einschlug

Ich beginne diesen Text in einem Obstgarten in Plau am See in Mecklenburg. Es ist der 27. Juni 2026. Ein Klapptisch aus Holz, zwei Stühle. Einer ist leer. Auf der Wiese, vor den Johannisbeersträuchern, zwischen Schatten spendenden Bäumen, steht unser „Eisbär“, ein zum Wohnmobil ausgebauter VW-Bus. Die Vögel zwitschern um die Wette. Ganz nah der See mit dem Badesteg. Ich kann das Wasser plätschern hören, denn der Wind bläst von der anderen Seeseite und schiebt kleine Wellen ans Ufer. Ich bin allein, es ist warm. Eine idyllische Szene, und doch ist da diese Unruhe. Was mache ich hier? Eigentlich wollten wir doch segeln, mein Mann Ralf und ich, dreieinhalb Wochen lang auf der Ostsee wie so oft im Juni, unserem Reisemonat. Der Törn würde in diesen Tagen zu Ende gehen. Erholt wollten wir zurückkommen, entspannt und bestens vorbereitet auf die Hauptsaison in unserer kleinen Segelschule.
Und dann kam alles anders.

„Meine Beine fühlen sich irgendwie schwach an.“

Sonntag, 17. Mai. Der Sonntag vor Pfingsten. Für uns ist das ein normaler Arbeitstag, denn wir geben unsere Kurse oft dann, wenn andere Menschen frei haben. Heute Morgen steht für Ralf Theorieunterricht zum Sportbootführerschein See auf dem Programm. Es ist ein sonniger Tag, alles wie immer. Aber nicht ganz.
„Mir haben heute Nacht die Knie ein bisschen weh getan“, sagt Ralf noch vor dem Aufstehen. „Aber nur ganz leicht, es ist nicht schlimm.“
„Beide Knie?“, frage ich.
„Ja. Beide gleich. Das hatte ich noch nie.“

Dann steht Ralf auf.
„Komisch. Meine Beine fühlen sich irgendwie schwach an.“
Er geht ins Bad. Er sagt wieder, es sei nicht so schlimm, gehe sicher gleich vorüber.

Wir frühstücken eine Kleinigkeit, und Ralf geht zum Unterricht. Er muss nur die Treppe hinunter, 16 Stufen mit einem Absatz in der Mitte, und über den Hof, dann ist er in der Segelschule. Er geht etwas langsamer als sonst.
Ich habe frei und laufe eine Runde. Die ganze Zeit mache ich mir Sorgen.

Nach dem Unterricht kann Ralf kaum noch die Treppe hochsteigen

Gegen eins ist der Unterricht zu Ende. Ralf schleicht über den Hof wie ein sehr alter Mann – und kommt kaum noch die Treppe hoch. Wir sind uns einig: Ab ins Krankenhaus, in die Notaufnahme. Da stimmt etwas ganz und gar nicht.
Also wieder die Treppe. Ralf schafft es noch gerade so hinunter. Ab in den „Eisbär“, der auch unser Alltagsauto ist. Bis zum Wolgaster Krankenhaus sind es nur wenige Minuten.

Die junge Ärztin in der Notaufnahme lässt ein EKG machen, telefoniert mit der Neurologie in der Universitätsklinik Greifswald und ruft einen Krankenwagen.
„Wir können hier nichts tun“, sagt sie. „Ich habe keinen Neurologen hier.“

Die Sanitäter sind schnell da, verfrachten meinen lieben Ralf auf eine Trage und schieben ihn hinaus zum Wagen. Ich fahre nach Hause und packe eine Tasche: Poloshirts, Unterhosen, Zahnputzzeug, Duschgel, Handtücher, Tablet, ein Buch. Dann mache ich mich auf den Weg nach Greifswald. Es sind etwa 30 Kilometer; ich brauche 40 Minuten.

Warten in der Uniklinik

Eine lange Zeit sitze ich im Wartebereich der Notaufnahme. Schließlich darf ich kurz zu Ralf. Er liegt auf einer Liege in einem Raum, in dem auch noch ein anderer Patient wartet. Er soll in der Klinik bleiben, aber es ist noch kein Bett frei. Außerdem wollen sie alle möglichen Untersuchungen machen, auch ein CT und eine Lumbalpunktion, um herauszufinden, was er hat. Bei der Lumbalpunktion wird aus dem Lendenteil des Wirbelkanals Nervenwasser entnommen und auf bestimmte Marker untersucht. So können Erkrankungen festgestellt oder ausgeschlossen werden. Der erste Verdacht war ein Schlaganfall, doch der wurde rasch wieder zurückgenommen. Dazu passt nicht, dass Ralfs Symptome symmetrisch sind, also beide Beine gleichermaßen betreffen.

Der arme, arme Ralf. Was muss das für ein Gefühl sein, wenn man plötzlich nicht mehr laufen kann, wenn man noch nicht weiß, welche Krankheit da zugeschlagen hat, ob es schlimmer wird, wie es weitergeht. Doch Ralf wirkt so zuversichtlich und optimistisch wie immer.

Inzwischen ist klar, dass es dauern wird mit den Untersuchungen. Lange bei ihm bleiben darf ich nicht. Also beschließen wir, dass ich nach Hause fahre. Es ist schon spät. Als ich heimkomme, ist es dunkel.

Schlimme Stunden voller Angst

Es werden schlimme Stunden. Ich habe ganz fürchterliche Angst und möchte Ralf das nicht sagen. Mir ist permanent übel. Zwischen Brustbein und Bauchnabel herrscht ein ständiger Druck. Ich merke ihn während der Autofahrt, ich spüre ihn, als ich später zu Hause anfange, die Arbeitswoche vorzubereiten, ich fühle ihn bei jedem Atemzug. Das Atmen fällt schwerer als sonst. Ich kann nicht weinen, ich kann nicht schreien, all das ist wie gelähmt, aber irgendwie muss die Angst doch raus aus mir, sonst schnürt sie mir die Luft ab. Ich versuche, ruhig zu atmen. Ich zwinge mich, etwas zu essen. Denn jetzt brauche ich Kraft, damit nicht alles zusammenbricht.

Ab morgen werde ich doppelt arbeiten: Tagsüber gebe ich meinen Segelkurs und abends Ralfs Theoriekurs, der am Wochenende angefangen hat. Diesen Theoriekurs habe ich seit Jahren nicht gemacht, ich muss ihn also jeden Tag vorbereiten. Und morgen muss ich zwischen Segel- und Theoriekurs die Tische in unserem Unterrichtsraum umräumen, weil abends noch ein paar Kursteilnehmer hinzukommen. Ich bitte einen Freund um Hilfe beim Tischetragen. Er sagt sofort zu.

Kann man die Krankheit heilen, oder bleibt sie bis zum Ende?

Die Angst bleibt auch in der Nacht. Ich wache immer wieder auf, und sofort machen sich Druck und Übelkeit bemerkbar. Was hat Ralf nur für eine Krankheit? Wird es schlimmer werden? Kann man die Krankheit heilen, oder bleibt sie bis zum Ende? Ralf ist für mich der allerliebste und allerwichtigste Mensch der Welt. Wir hängen aneinander, wir harmonieren miteinander, wir sind am liebsten 24 Stunden am Tag zusammen, ohne dass wir einander einengen, kontrollieren oder stören. Ist er nicht da, ist alles nur halb. Ihm geht es genau so. Trotzdem tun wir auch Dinge allein, trennen uns mal für eine kurze Reise, haben sogar vier Jahre Wochenend-Ehe auf uns genommen, um die kleine Segelschule zu kaufen und zu bezahlen. Das war vor fast 20 Jahren. Es gab Krankheiten zwischendurch, auch Krankenhausaufenthalte, aber nichts davon war bedrohlich.
Und jetzt diese Angst. Die Krankheit hat Ralf gepackt, sie hätte mich packen können, die Angst wäre nicht größer.
Um nicht zu grübeln, lese ich ein Buch und schlafe zum Glück dabei ein.

Die Diagnose kommt schnell

Die Diagnose kommt schon am Montagmorgen. In der Uniklinik haben sie noch in der Nacht alle notwendigen Untersuchungen gemacht. Jetzt hat Ralf auch ein Bett in einem Krankenzimmer. Er liegt in der Post Stroke Unit; dort werden auch Neurologie-Patienten untergebracht. Ralf ruft mich an und erzählt, er schickt mir Links, damit ich mich informieren kann. Er sagt gleich das Allerwichtigste: „Die Krankheit ist heilbar.“ Der Druck lässt sofort etwas nach, ich kann freier atmen.

Ralf hat eine sehr seltene Autoimmunerkrankung, die laut Statistik nur einer von hunderttausend Menschen bekommt: das Guillain-Barré-Syndrom (GBS). Das Immunsystem produziert Antikörper, die das eigene Nervensystem angreifen. Es gibt unterschiedliche Varianten, doch oft beginnt die Krankheit mit einer Lähmung der Beine und schreitet dann nach oben fort. Im schlimmsten Fall kann der Patient sich überhaupt nicht mehr bewegen und muss sogar beatmet werden.

Was diese extreme Immunreaktion auslöst, ist nicht klar. Es gibt Krankheiten und Viren, die das GBS auslösen können. Dazu gehören unter anderem grippale Infekte, eine Darm-Infektion mit dem Bakterium Campylobacter Jejuni, außerdem das Epstein-Barr-Virus, das das Pfeiffer-Drüsenfieber auslöst, das Varizella-Zoster-Virus, dem wir die Windpocken und die Gürtelrose verdanken, und SARS-CoV-2. Auch nach Impfungen ist das GBS schon aufgetreten. Ralf hatte zehn Tage vorher eine Impfung gegen Gürtelrose und danach einen Schnupfen, der nur leicht war, aber erstaunlich lange blieb. Vielleicht war die Impfung der Auslöser oder Impfung plus Schnupfen.

Die meisten werden gesund – aber es dauert

Ich klicke Ralfs Links an, recherchiere im Internet. 80 bis 85 Prozent der GBS-Patienten werden wieder ganz gesund, lese ich dort. Doch das dauert. In der Regel mehrere Monate bis ein Jahr, manchmal auch länger. Das ist bei jedem Patienten anders. Wie auch das Tempo, in den die Krankheit voranschreitet. Bei Ralf war es ein Turbotempo: Der Samstag war ganz normal, am Sonntag wurden seine Beine stündlich schwächer. Seine Finger kribbeln, er kann Arme und Hände aber bewegen. Die Feinmotorik leidet.

Jetzt soll er Blutwäschen bekommen, so genannte Plasmapheresen, bei denen sein Blutplasma entfernt und durch neues Plasma ersetzt wird. Im Plasma stecken die schädlichen Antikörper, und die müssen weg, damit die Schädigung seines Nervensystems nicht fortschreitet. Fünf Plasmapheresen in zehn Tagen sind geplant.

Es hilft nichts, ich muss in den Segelkurs, und da sollte mir niemand die Belastung ansehen. Keiner bucht einen Segelkurs und nimmt sich Urlaub, um sich dann die Sorgen seiner Segellehrerin anzuhören. Der Kurs beginnt heute; bislang kenne ich noch keinen der Teilnehmer.
Bevor ich losfahre, sitze ich noch am Computer und beantworte E-Mails.

Am Montag kann Ralf nicht mehr laufen. Und ich renne im Hamsterrad

So geht die Woche für mich dahin: Büroarbeit ab etwa sieben Uhr, dann Segelkurs bis etwa 16 Uhr, dann den Theoriekurs zum Sportbootführerschein See für abends vorbereiten, von 17:30 bis etwa 21 Uhr Unterricht, dann noch aufräumen, gegen halb zehn abends komme ich nach Hause und mache mir etwas zu essen. Zwischendurch telefoniere ich mit Ralf. Am Montag kann er gar nicht mehr laufen. Er hat einen Rollstuhl und rollt damit ins Bad, wo er sich mit einiger Mühe ans Waschbecken stellen kann. Duschen geht nur im Sitzen. Zum Haarewaschen braucht er Hilfe, da in seinem Hals ein Zugang für die Plasmapheresen steckt, der nicht nass werden darf. Besuchen kann ich ihn nicht, denn ich habe einfach keine Zeit. Obwohl ich nichts lieber tun würde als zu ihm zu fahren.

Ich fühle mich wie ein Hamster im Rad, vollkommen vereinnahmt durch die Segelschule. Buchführung muss ich auch noch machen; Kunden rufen an und möchten beraten werden, und im Unterrichtsraum steht noch jede Menge Werkzeug und Malermaterial, das auf den Dachboden getragen werden muss. Denn in der unterrichtsfreien Zeit im Winter haben wir den Raum benutzt, um Bootszubehör zu pflegen und zu lackieren.

„Da kommt ein Päckchen für dich“

„Da kommt heute ein Päckchen für dich“, sagt Ralf am Telefon.
„Was für ein Päckchen?“, wundere ich mich.
Er tut geheimnisvoll. Ich bin sehr neugierig und kann es kaum erwarten, nachmittags nach Hause zu kommen und das Päckchen zu finden.
Es ist eine DVD. Ein Film mit dem Titel „Kein Ort ohne Dich“.

„Den Film habe ich neulich nachts gesehen, als ich nicht schlafen konnte“, erzählt Ralf. Es ist ein Liebesfilm. Ein junges Paar und ein alter Herr, der den jungen Leuten die Geschichte seiner großen Liebe erzählt. „Da gibt es Parallelen zu uns“, sagt Ralf.

Eine wunderschöne Liebeserklärung

Ich schaue den Film noch am selben Abend nach der Arbeit, obwohl es schon spät ist und ich früh wieder raus muss. Er ist herzerweichend und gleichzeitig ist er eine ganz besondere Liebeserklärung von Ralf.

Am Freitagnachmittag enden die Kurse mit den Segelschein- und Bootsführerschein-Prüfungen. Alles läuft gut.

Nach dieser Woche bin ich völlig platt. Aber ich freue mich auch, dass ich es geschafft habe und dass ich nun endlich Ralf besuchen kann. Außerdem muss ich einkaufen; mein Kühlschrank ist inzwischen ziemlich leer.

Endlich wieder zu Ralf

Gleich am Samstag fahre ich in die Uniklinik. Ralf ist guter Dinge, er fühlt sich dort gut aufgehoben. Inzwischen kann er wieder ein paar Meter gehen. Er hat dafür eine Art Riesenrollator, an dem er sich festhalten kann, den er anfangs auch benutzt hat. Allmählich geht es wieder ohne, aber der Weg in die Caféteria ist zu weit. Da schiebe ich ihn im Rollstuhl und gebe zwischendurch auch mal richtig Gas. Wir haben eine Menge Spaß miteinander und freuen uns einfach, dass wir zusammen sind. Und vor allem, dass es Ralf ganz allmählich besser geht.

Sieht schon irgendwie kurios aus: der Zugang für die Plasmapheresen.

Ich fahre jetzt fast jeden Tag zu ihm, denn in der Segelschule gebe ich bis Ende Juni keine Kurse. Eigentlich wollten wir ja Urlaub machen und das ist jetzt mein Glück. Denn so habe ich Zeit, die liegen gebliebene Büroarbeit nachzuholen, unseren Raum zu Ende aufzuräumen, mich um die Boote zu kümmern und unser Sommerprogramm neu zu organisieren. Ein paar Kurse muss ich absagen, denn alles schaffe ich alleine nicht. Zum Glück haben wir Volker, unseren Lehrer für den Unterricht auf dem Motorboot. Dieser soll auch im Juni stattfinden.

Schlechtes Gewissen ist nicht erlaubt

Nach zehn Tagen kommt Ralf zurück nach Hause. Jetzt wartet er auf einen Platz in einer Reha-Klinik. In der Wohnung kann er herumgehen, und auch die Treppe schafft er wieder. Doch er hat Schmerzen, kann nachts nicht durchschlafen, geht in der Wohnung auf und ab oder liegt oder sitzt auf dem Sofa und sieht fern. Trotzdem geht es jeden Tag ein bisschen besser. Ralf kämpft mit seinem schlechten Gewissen, weil er mich in der Segelschule und bei der Hausarbeit nicht unterstützen kann. „Du darfst kein schlechtes Gewissen haben“, sage ich. „Du hast nichts falsch gemacht. Für Deine Krankheit kannst du nichts. Also mach dir bitte keine Vorwürfe.“ Es fällt ihm schwer, denn er möchte so gerne helfen.

„Ich bin ein Bulldozer“

„Es tut mir so leid, dass du jetzt alles machen musst. Und dass du so viel Arbeit in der Segelschule hast. Das ist doch viel zu viel“, sagt er. Er hat recht. Es ist zu viel. Doch es ist zeitlich überschaubar; die Hauptsaison endet Mitte September. Ich bin verzweifelt, aber noch mehr als Verzweiflung spüre ich eine unbändige Kraft, dass ich es schon irgendwie schaffen werden. „Ich bin ein Bulldozer“, sage ich. „Notfalls walze ich alle Hindernisse platt. Hauptsache, du wirst wieder gesund.“

Alles in allem glauben wir, dass es jetzt aufwärts geht. Zwar langsam, aber es wird schon werden. Rückfälle sind sehr selten, treten nur bei etwa drei bis fünf Prozent der Patienten auf.
Wir haben uns zu früh gefreut.

Nach zehn Tagen geht es wieder los

Ralf ist zehn Tage zu Hause, da geht es wieder los. Plötzlich kann er kaum noch gehen. Also alles wieder von vorne. Besuch beim Hausarzt, Einweisung in die Uniklinik, erneut fünf Plasmapheresen. Meine Angst ist auch wieder da. Was, wenn es jetzt immer so weitergeht? Ich versuche, positiv zu denken. Auf keinen Fall will ich mir ausmalen, was werden soll, wenn er sich nicht erholt. Wenn er nie mehr in der Segelschule arbeiten kann. Und tatsächlich schaffe ich es, solche Gedanken ganz und gar auszublenden. Was nicht typisch für mich ist. Ich bin ganz groß darin, mir Katastrophenszenarien auszudenken. Diesmal nicht. Das würde ich gar nicht aushalten. Ralf ist zum Glück nicht so. Er ist positiv und zuversichtlich und hat eine beneidenswerte innere Ruhe.

Was ganz wunderbar ist: Viele Menschen bieten ihre Hilfe an. Nachbarn, Freunde, Bekannte. Sie sagen, ich soll mich melden, wenn ich jemanden brauche. Das ist sehr schön, und ich fühle mich gut aufgehoben. Doch meinen Segelunterricht für den Sommer kann niemand von ihnen übernehmen, und auch viele andere Arbeiten in der Schule lassen sich nicht an Außenstehende delegieren.

Eigentlich sollte es ein ganz besonders schöner Sommer werden

Der Sommer 2026 sollte eigentlich unser Sommer werden. Auf diesen Sommer haben wir uns ganz besonders gefreut. Am 27. Juli haben wir Silberhochzeit und wollten diese in Hamburg feiern, wo wir uns kennengelernt und geheiratet haben. Ich storniere das Hotel, und wir sind beide ein bisschen traurig. Aber nicht zu sehr: Wir verschieben die Reise auf den Sommer 2027 und hoffen, dass uns dann keine Krankheit und nichts anderes dazwischenkommt.

Im August habe ich Geburtstag, und weil es ein runder ist, haben wir Fähre, Bahnfahrt und ein schönes Hotelzimmer in Stockholm gebucht. Bis dahin ist noch etwas Zeit. Diese Reise storniere ich erst mal nicht.

Auch das noch: Motorschaden in der Segelschule

Drei Tage vor der Sportbootführerschein-Prüfung im Juni geht unser Motorboot kaputt. Es muss ein neuer Wärmetauscher her. Die Werft bestellt ihn in Dänemark, doch das Teil kommt und kommt nicht. Der Motorboot-Kurs ist voll, doch ich muss die Prüfung absagen. Tagelang rotiere ich, trete wie eine Irre im Hamsterrad, organisiere einen Ersatz-Prüfungstermin außer der Reihe, schreibe einen neuen Stundenplan, muss den Ersatztermin absagen und den Stundenplan in den Mülleimer werfen. Manchmal möchte ich am liebsten die Segelschule abschließen, den Schlüssel wegwerfen und schreiend wegrennen.
Ich tue es nicht.

Ralf bekommt nach den Plasmapheresen jetzt noch zwei Infusionen mit Immunglobulinen. Das ist eine alternative Behandlungsmöglichkeit beim Guillain-Barré-Syndrom. Die Ärzte wollen sicher gehen, dass sich die Symptome bei ihm nicht erneut verschlechtern. Deshalb soll er ein halbes Jahr lang alle vier bis sechs Wochen diese Infusionen bekommen. Er kann auch wieder ganz gut gehen und schafft es in der Uniklinik ohne Rollstuhl bis in die Caféteria. Einen Reha-Platz hat er jetzt auch. Am Mittwoch wird er in Greifswald entlassen, und am Freitagmorgen holt ihn der Fahrdienst ab zur Reha in Plau am See.

Endlich ein bisschen Zeit. Auf nach Plau!

Der Wärmetauscher für das Motorboot ist angekommen und wird jetzt eingebaut. Die nächste Sportbootführerschein-Prüfung ist Mitte Juli. Bevor die Kurse losgehen, habe ich ein paar Tage Zeit. Ich bereite also den „Eisbär“ vor, suche mir im Internet einen Stellplatz in Plau aus, wische einmal durch den Wagen, bunkere Wasser und packe Bettzeug, Handtücher und ein paar Sachen ein. Am Samstag starte ich früh in Richtung Plau, um wenigstens ein paar schöne Stunden mit Ralf zu verbringen, bevor die Saison in der Segelschule so richtig durchstartet.

Ein wunderschöner Sonntag

Fast wie früher: Eis essen mit Ralf im Café an der Elde

Wir haben den ganzen Sonntag zusammen und gehen in Plau spazieren. Ein paar Stunden verbringen wir in einem schönen Lokal an der Elde. Die Sonne scheint, es ist warm und wunderschön zu zweit. Für Montagnacht bekomme ich sogar ein Zimmer in der Reha-Klinik. Und am Dienstagmorgen fahre ich nach Hause.

Denn bevor die Hauptsaison in der Segelschule so richtig los geht, möchte ich zum 40-Jahre-Abi-Treffen nach Remscheid fahren. Das ist am Freitag. Das lässt sich ja nicht nachholen, und ich war seit damals nicht mehr in meinem alten Gymnasium. Also steige ich am Donnerstag früh in den Zug und bin abends tatsächlich fast pünktlich da. Meine Freundin holt mich am Bahnhof ab. Und am Samstag geht’s schon wieder zurück. Auch da fahren alle Züge, und ich bin abends wie geplant wieder in Wolgast.

Jetzt arbeite ich drei Wochen durch und kann Ralf leider bis zum Ende der Reha nicht mehr besuchen.

Und wieder kommt ein Päckchen

„Da kommt bald ein Päckchen“, sagt er ein paar Tage später am Telefon.
„Was ist drin?“
„Sag ich nicht. Aber es ist für dich.“

Das Paket wird gebracht. Es ist quaderförmig und leicht, und als ich es aufreiße, sehe ich drinnen erst mal Papier und dann diese Styropour-Chips, die den Inhalt schützen sollen. Im Paket ist noch mal ein kleiner Pappkarton und darin – ein gelber Caterpillar-Spielzeugbulldozer. Ich muss furchtbar lachen. Das ist sooooo sehr Ralfs Humor. Ich mache ein Foto von dem Teil und schicke es Ralf per WhatsApp mit einem Smiley, der Tränen lacht.

Ralf ruft an. „Der kleine Bulldozer soll uns immer an diese doofe Zeit erinnern, mein geliebter Bulldozer“, sagt er zu mir.

Ralf ist wieder zu Hause

Inzwischen ist der Juli fast vorbei. Ralf ist wieder zu Hause und erholt sich weiter. Ich habe zum ersten Mal den Kurs zum Segelschein Yacht gegeben, den Ralf erarbeitet und schon einige Male gemacht hat. Das war neu für mich und manchmal auch ganz schön aufregend, weil ich mit den Abläufen noch nicht so vertraut bin. Aber alles hat geklappt, obwohl ein paar anstrengende Starkwindtage dabei waren. Meine privaten Projekte – ein Buch schreiben, Klavier und Gesang üben, Familienforschung betreiben – ruhen derzeit fast vollständig. Nur für diesen Blogbeitrag habe ich mir Zeit genommen, denn ich hatte einfach das Bedürfnis, diese Geschichte zu erzählen.

Die meisten Menschen erleben Ähnliches

Wir sind ja nicht allein mit solchen Problemen: eine schlimme Krankheit, die Angst, das Abwarten, die Geduld. Wer von unseren gleichaltrigen oder älteren Freunden und Verwandten ist nicht betroffen, hat nicht schon Ähnliches durchgemacht oder macht es gerade durch? Es geht nicht immer gut aus. Es sind nicht mehr alle da, auch Gleichaltrige nicht, auch Jüngere nicht. Aber es geht auch nicht immer schlecht aus. Mut und Hoffnung, Zuversicht und Optimismus lohnen sich. Manchmal sind sie so leicht zu fühlen. Und dann wieder gewinnt die Angst.

Wie können wir mit der Angst umgehen?

Wie weit wollen wir uns die Zukunft vorstellen? Welche Gedanken lassen wir zu? Welche besser nicht? Wenn böse Gedanken kamen, hat es mir geholfen, ihnen in Gedanken ein Stoppschild aufzustellen. Stopp, aus, keinen Schritt weiter! Diesen Gedanken nicht zu Ende denken. Das hat funktioniert.

Kann man Geduld lernen? Kann man lernen, keine Angst zu haben? Denn sie ist ja in diesem Fall kein guter Ratgeber.

Ich bin ein rationaler Mensch, aber wie gut funktioniert die Ratio bei starken Emotionen? Wie viel Ratio geht überhaupt?

Wie schaffen wir es, ruhig zu bleiben, wenn wir nur abwarten können und noch keine Gewissheit haben, wie es weitergeht?

Seien wir achtsam und machen das Beste aus unserem Leben

Dass Ralf gesund wird, ist das Allerwichtigste. Und selbst wenn er es nicht würde, so würden wir immer versuchen, das Beste aus unserem Leben zu machen. Zusammen sein und zusammen alt werden, das wollen wir. Wir wollen uns selbst gegenüber achtsam sein, Unzulänglichkeiten zulassen und offen darüber sprechen. Wir gönnen uns Auszeiten und lassen uns auch mal fallen. Eine Freundin, deren Mann ebenfalls schwer krank geworden ist, gab uns den Rat: „Man darf auch mal zusammen heulen, wenn man nicht weiter weiß.“ Sie hat recht. Aber wir hatten dieses Bedürfnis bisher nicht. Statt dessen haben wir in den vergangenen Wochen zusammen gelacht, wann immer wir einen Grund dazu fanden.

Ab August wird Ralf ganz allmählich wieder anfangen zu arbeiten. Erst mal bleibt es beim Bürojob, zwei Stunden am Tag. Denn sein Gleichgewichtsgefühl ist noch sehr unsicher, so dass er nicht auf einem Boot Unterricht geben kann.
Und dann wird seine Arbeitszeit im Laufe der Wochen langsam gesteigert. Im Oktober will er wieder voll einsatzfähig sein. Wir werden sehen, ob das klappt und wünschen uns, dass er wieder ganz gesund wird.

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Der Moment, der mich in ein neues Leben katapultierte

So fing vor 25 Jahren alles an

Während ich diese Zeilen tippe, sitzen wir im Auto, auf dem Weg von Dresden nach Hause, und weil Ralf fährt, habe ich Zeit, etwas zu schreiben. Es ist Sonntag, der 27. April 2025. Heute Morgen bin ich den Lichtenauer Halbmarathon gelaufen, von Pirna nach Dresden, fast immer an der Elbe entlang. Landschaftlich ist der Lauf kaum zu toppen, vor allem, wenn das Wetter so herrlich wie heute ist.

Ralf und ich haben die Gelegenheit genutzt und ein schönes, entspanntes Reise-Wochenende im VW-Bus daraus gemacht. In unserem Auto können wir schlafen und kochen, es gibt eine Gasheizung und einen Kühlschrank – es ist klein, aber sehr gemütlich, und so können wir gut spontan unterwegs sein.

Dabei hatten wir auch etwas zu feiern. Vorgestern, der 25. April 2025, war für uns ein ganz besonderer Tag. Denn da war es genau ein Vierteljahrhundert her, dass wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ein Tag, der unsere beiden Leben komplett verändert hat. Und jetzt, wenn wir zurückblicken, haben wir einen reichen Schatz an Erinnerungen: an Orte, an denen wir gemeinsam waren, an Menschen, die uns eine zeitlang begleitet haben oder die immer noch Teil unseres Lebens sind, an lustige und traurige Erlebnisse, an winzige Begebenheiten und an große Veränderungen.

Ralf und ich in unserer Anfangszeit. Leider sind unsere alten Fotos alle noch nicht digital und liegen in einer Kiste auf dem Dachboden unter ganz vielen anderen Kisten. Dieses hier hat mir meine Freundin Susanne vor ein paar Jahren mal gemailt. Es ist nicht ganz scharf, aber ich finde, hier gehört einfach ein altes Bild hin.

Ein Tag voller Sonne – der 25. April 2000

Der 25. April 2000 war in Hamburg ein sonniger Dienstag. Damals arbeitete ich im Springer-Verlag für ein neues Zeitungsprojekt. Unsere Redaktion war zwar provisorisch, aber trotzdem grandios untergebracht. Ganz oben im Springerhaus mitten in Hamburg, mit einer sensationellen Aussicht auf die Stadt. Und nebenan hatten die Caterer ihre Räume und luden oft das, was auf allen möglichen hausinternen Veranstaltungen an Essen übrig blieb, bei uns ab. Es gab also dauernd Häppchen und Brötchen und Törtchen. Darüber hinaus war die Stimmung in der Redaktion gut. Und so konnte ich tatsächlich an besagtem Dienstag etwas früher Feierabend machen als sonst.

… und ich bin irgendwie in sein Leben gekracht

Deshalb schaffte ich es sogar noch ein wenig vor der Zeit zur allerersten Theoriestunde für den Sportbootführerschein Binnen in der Segelschule Prüsse an der Alster. Los ging’s um 19 Uhr, das weiß ich noch. Und auch, dass ich zu den späteren Terminen oft in allerletzter Sekunde in den Unterrichtsraum gestürmt bin. Oder geknallt, wie man’s nimmt. Damals trug ich noch öfter Schuhe mit Absätzen. Und Ralf hat noch heute seinen Spaß daran, zu erzählen, wie ich immer in den Raum gepoltert bin. Das war wohl tatsächlich so: Er, der ruhige, sanfte Ralf, ist der Engel, der in mein Leben geschwebt ist. Und ich bin irgendwie in seins reingekracht.

Eigentlich ist Sonja schuld. Sie weiß aber nichts davon

Unser Theorielehrer hieß Christoph. Er erklärte den recht trockenen Stoff für den Bootsführerschein für Binnengewässer immerhin so, dass man nicht dabei eingeschlafen ist. Ich saß neben einer Frau namens Sylvia, die ebenfalls allein im Kurs war. Ich selber wollte ursprünglich gar nicht alleine kommen. Eine Kollegin aus der Redaktion, sie hieß Sonja, hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte, mit ihr diesen Segelkurs zu machen. Und da das Segeln ohnehin noch auf meiner Bucket-Liste stand (Bucket-Liste – ich weiß gar nicht, ob dieser Ausdruck vor 25 Jahren schon verwendet wurde), habe ich zugesagt, und wir haben uns zusammen angemeldet.

Dann aber hat Sonja sich wieder abgemeldet, weil ihr Freund nur in der Zeit Urlaub nehmen konnte, in der der Kurs lag. Und sie wollte gern mit ihm wegfahren und auf einen späteren Kurs umbuchen. Sie fragte mich, ob ich auch umbuchen würde. Ich wollte aber nicht – jetzt war ich angemeldet und freute mich darauf, also würde ich diesen Kurs machen.

Einfach einen netten Mann ganz kurz kennengelernt

Und so geschah es dann am Ende des ersten Kursabends, dass dort vor den Fotos an der Wand ein hübscher, sympathischer Mann stand – dunkle Locken mit silbernen Fäden darin, groß, schlank, schmale Brille – und sich mit gerunzelter Stirn die Bilder anschaute. Ich stellte mich daneben und guckte auch. Da kam es zu dem kleinen Dialog, den ich auch in dem Beitrag „Über mich“ geschildert habe, als dieser Blog noch neu war.

Er: Ich weiß ja nicht, ob ich hier richtig bin.

Ich: Wieso nicht?

Er: Wenn ich mir die Wellen so angucke. Ich werde immer seekrank. (Die „Wellen“ auf den Fotos waren höchstens 10 Zentimeter hoch).

Ich (ganz bestimmt mit einem Schmunzeln, zumindest innerlich): Warum machst du das denn dann?

Das war er also, der Moment, der mich in ein neues Leben katapultierte. Nicht, dass ich das damals gemerkt hätte. An dem Abend habe ich einfach einen netten Mann ganz kurz kennengelernt, ein paar heitere Worte gewechselt, und bin dann gut gelaunt nach Hause geradelt. Immer an der Alster lang nach Winterhude, wo ich damals eine Altbauwohnung gemietet hatte. Und Ralf, der nette Mann mit den Silberfäden im Haar, stieg ebenfalls auf sein Fahrrad und fuhr nach Eimsbüttel. Wo er eine Altbauwohnung gemietet hatte.

Am darauffolgenden Kursabend saßen wir nebeneinander. An Ralfs anderer Seite saß sein Arbeitskollege Helge, mit dem er sich zum Kurs angemeldet hatte. Da wir alle aufgefordert wurden, uns einen Segelpartner oder eine Partnerin für die Segelstunden ohne Lehrer zu suchen, verabredeten Ralf und ich, zusammen zu segeln. Und weil Helge ja auch noch da war, segelte Ralf auch noch mit Helge. Er segelte also doppelt, gewissermaßen.

Tatsächlich wird Ralf zu Saisonbeginn manchmal (aber immer seltener) seekrank. Aber nur auf offener See, wenn die Wellen hoch sind. Hier sind wir 2006 auf dem allerersten Törn mit unserer kleinen Segelyacht Mauna Kea, gerade angekommen im Hafen von Cuxhaven. Damals haben wir das Boot von Nordenham an der Weser nach Stralsund gesegelt. Es war April und noch ziemlich kalt.

Es kann schön sein, einen Menschen zu vermissen

Nun sahen wir uns also jeden Dienstagabend im Kurs und ab und zu zum Segeln. Einmal sagte mir Ralf, dass er am folgenden Dienstag dienstlich unterwegs sei und nicht kommen könne. Da habe ich ihn vermisst, und irgendwie war es ein schönes Gefühl, einen anderen Menschen zu vermissen, der ja dann das nächste Mal wieder da sein würde.

Da setzten wir uns nach dem Theoriekurs noch zu einem Rotwein auf die Terrasse des Segelschul-Cafés. Wir stellten fest, dass wir beide eine Schwäche für italienisches Essen und italienischen Wein haben. Und so verabredeten wir uns zu einem Kinoabend mit anschließendem Essen auf dem italienischen Restaurantschiff auf der Binnenalster.

Wir sparten uns füreinander auf

Wir sahen „Verlorene Liebensmüh“ , eine Shakespeare-Komödie, umgesetzt als Musical im Stil der 30er oder 40er Jahre. Und das Essen war super. Es wurde ein sehr schöner Abend. Als wir dann spät aus dem Restaurant-Schiff kamen, gaben wir uns ein Küsschen auf die Wange, stiegen jeder aufs Fahrrad und radelten in unterschiedliche Richtungen nach Hause. Wir ließen uns Zeit. Wir sparten uns füreinander auf, ohne darüber zu sprechen.

Dann kamen Ilkas Geburtstag und Thomas’ Hochzeit. Die beiden Ereignisse hatten nichts miteinander zu tun, schon aber mit dieser leicht schwebenden Lebensphase, in der Ralf und ich uns gerade befanden. Ilka war Ralfs Nachbarin, und sie hatte an einem Dienstag Geburtstag. Als wir uns im Theoriekurs in der Segelschule trafen, sagte Ralf mir, dass er leider heute Abend keinen Wein mit mir trinken könne, weil er nach dem Kurs zu Ilkas Geburtstagsfeier müsse.

Ich fand das schade, aber nun ja, Geburtstag ist Geburtstag. Ralf fand das auch schade, und außerdem fand er, dass ich ja einfach zur Geburtstagsfeier mitkommen könne. Meinen Einwand, dass ich Ilka ja gar nicht kenne und nicht einfach bei ihrer Feier auftauchen könne, ließ er nicht gelten. Also radelten wir zusammen nach Eimsbüttel und gingen auf Ilkas Party.

In der Wohnung will ich die Seele des Bewohners spüren

Es wurde ein lustiger Abend, den Ralf und ich später in Ralfs Wohnzimmer fortsetzten. Ich war zum ersten Mal in seiner Wohnung, und sie gefiel mir gut. Ich habe mich sofort bei ihm zu Hause gefühlt. Das war für mich enorm wichtig. In der Wohnung muss ich die Seele des Bewohners spüren können, es muss Herz drinstecken und Wärme und Humor. Ein Mann, dessen Wohnung herz- oder lieblos, spießig oder langweilig, schmutzig oder schal auf mich wirkte, kam für mich nicht in Frage.

Wir saßen zusammen und redeten bis etwa halb drei nachts. Am nächsten Tag mussten wir beide arbeiten, also beide auch früh raus. Ralf sagte, ich könne ja auch bei ihm schlafen, aber das wollte ich nicht. Es wäre nicht schön gewesen am nächsten Morgen: keine frische Wäsche, keine Zahnbürste, keine Creme, keine Flüssigkeit für meine Kontaktlinsen, und dann noch unausgeschlafen zur Arbeit radeln. Das, so fand ich, waren keine guten Voraussetzungen für die allererste gemeinsame Nacht. Also bestellte ich mir ein Taxi, der Fahrer lud mein Rad in den Kofferraum, und gegen halb vier oder vier war ich in meinem eigenen Bett.

Hochzeitsgeschenk ohne Hochzeit

Dann fuhr ich am Wochenende nach Remscheid, denn mein Cousin Thomas heiratete. Auf der Feier gab es ein paar Bemerkungen dazu, dass ich, 33 Jahre alt, nun schon seit einiger Zeit Single war. Oma Hilde sagte: „Ich mache mir Sorgen um dich, so ganz ohne Mann. Du musst doch bald mal einen Mann haben.“

Oma Hilde war schon ungeduldig gewesen, als ich noch mit meinem Freund Olaf zusammen gewesen war. Das war eine zwölf Jahre dauernde On-Off-Beziehung (gab es diesen Ausdruck damals überhaupt schon?). Irgendwann fragte die Oma Olaf und mich, wann wir denn nun endlich heiraten würden. Sie warte schon so lange auf unsere Hochzeit. Wir sagten ihr, dass wir nicht vorhätten zu heiraten. Da war sie fast ein bisschen beleidigt und sagte: „Wenn ihr nicht wollt, dann eben nicht. Dann kriegt ihr eben jetzt euer Hochzeitsgeschenk. Mir reicht’s mit der Warterei.“ Sprach’s, verließ das Wohnzimmer und kehrte mit einem kleinen Koffer zurück. Darin: ein vollständiges Besteck, Edelstahl mit Goldintarsien, zwölfteilig mit wirklich allem, was man so braucht.

So kam es, dass Ralf und ich heute unser Essen mit dem Hochzeitsgeschenk für Olaf und mich löffeln – eine Hochzeit, zu der es nie kam, denn bald darauf war die On-Off-Beziehung nur noch off, und Olaf und ich blieben einfach Freunde. So was gibt’s auch.

Kein Grund mehr zur Sorge für Oma Hilde: Ralf und Omi verstanden sich prima. Das Foto entstand vor zehn Jahren, als wir die Oma in Remscheid besucht haben. Oma Hilde ist 2017 gestorben, vier Monate vor ihrem 100. Geburtstag.

Bloß keine Spekulationen!

Auf Thomas’ Hochzeitsfeier habe ich beschlossen, Oma Hilde nichts von dem netten Mann mit den Silberfäden im Haar zu erzählen. Es war ja noch nichts passiert. Ich wollte keine Spekulationen und keine Nachfragen.

Oma Hilde hatte mir Ende der 90-er Jahre übrigens mal aus der Hand gelesen und festgestellt, dass ich eine lebenslange Liebe haben würde. Ich weiß nicht, wie sie darauf kam. Wahrscheinlich hatte sie etwas über die Handlinien gelesen und welche angeblich für welche Ereignisse oder Tendenzen im Leben steht. Das passte zu meiner Oma.

„Hast du denn immer noch keinen Mann?“

Als nächste kam Omas jüngere Schwester, Tante Herta. „Hast du denn immer noch keinen Mann? Es wird ja langsam mal Zeit.“ Tante Herta habe ich auch nix erzählt. Ich glaube, ich habe etwas gesagt wie: „Ich brauche keinen Mann, wieso denn?“ und ein Kopfschütteln geerntet.

Meinen Eltern habe ich ebenfalls nichts gesagt. Ich wollte keine Erwartungen wecken, keine Geschichte erzählen, die gerade erst anfing und von der nicht klar war, wie sie weitergehen würde.

Eine einzige Ausnahme habe ich gemacht an diesem sonnigen Hochzeitstag: Ich habe Papas Schwester Dorchen von Hildes und Hertas lästigen Fragen erzählt und dass ich tatsächlich einen sehr netten Mann kennengelernt habe. Dass die Geschichte aber noch offen und deshalb geheim ist.

Das erste Abendessen für Ralf: ein italienisches Menü

Es kam Pfingsten und damit ein sonniges, langes Wochenende in Hamburg. Irgendwie erscheint mir überhaupt diese ganze Zeit im Frühjahr 2000 wie eine lange Abfolge sonniger, heiterer Tage. Ich lud Ralf zu mir nach Hause zum Essen ein. Natürlich sollte es ein italienisches Menü geben. Am Freitag vor Pfingsten kaufte ich im italienschen Delikatessenladen nebenan eine stattliche Menge Antipasti, Mozzarella, Kalbsschnitzel, Parmaschinken, Salbei und frische Erdbeeren, und dann hatte ich den ganzen freien Tag Zeit, das Essen vorzubereiten. Es war der 9. Juni.

Am Abend kam Ralf dann und zog gleich die Schuhe aus und lief barfuß durch meine Wohnung. Das zeigte mir, dass auch er sich bei mir sofort zu Hause fühlte. Denn in Westdeutschland ist es – anders als hier im Osten – nicht üblich, sich die Straßenschuhe auszuziehen und Hausschuhe mitzubringen.

„Darf ich bei dir duschen?“, fragte Ralf. „Ich habe bis gerade eben bei einem Umzug geholfen.“ Klar durfte er. Und so begann der Abend völlig tiefenentspannt.

Ich koche gerne und viel, und seit dem 9. Juni 2000 habe ich ungezählte Mahlzeiten für Ralf und mich zubereitet. Das war die allererste:
1. Gemischte Antipasti (eingelegte Oliven, Pilze und andere Gemüse), Insalata Caprese (Tomaten mit Mozzarella, Basilikum und Olivenöl)

2. Spaghetti Olio Aglio Peperoncino (Spaghetti mit Olivenöl, Knoblauch, Chili und Petersilie)

3. Saltimbocca alla Romana (Kalbsschnitzel mit Salbei und Parmaschinken) und dazu gemischter Salat

4. Erdbeeren in Rotwein

Das war also der Tag, bis zu dem wir uns füreinander aufgespart hatten. Von diesem Abend an trennten wir uns nur noch, wenn wir mussten.

Nicht nur leckeres Essen ist wichtig – auch ein schönes Gläschen Wein muss mal sein. Ralf und ich voriges Jahr bei einem Tagesausflug auf der Seebrücke in Koserow auf Usedom.

Am Anfang waren wir nur im Hier und Jetzt

Und wir nahmen uns weiterhin Zeit, uns im Hier und Jetzt kennenzulernen. Am Anfang erzählten wir uns kaum etwas über unsere Vergangenheit. Sie spielte ganz einfach keine Rolle. Als ich meiner Freundin Susanne von Ralf erzählte, wollte sie alles Mögliche wissen, mit wem er vorher zusammen war, ob er Kinder hatte, lauter solche Sachen. Und ich wusste es nicht. Es war zu dieser Zeit, ganz am Anfang unseres gemeinsamen Lebens, nicht wichtig.

Natürlich dauerte diese Phase nicht sehr lange. Nach und nach erzählten wir uns, wer wir waren. Ralf war, wie ich, Single. Es gab keine Kinder. Es gab überhaupt keine Konflikte. Wir haben uns gefunden, und alles war gut. Unsere Geschichte taugt nicht für einen Roman. Wir mussten uns nicht durch Irrungen und Wirrungen schlängeln, nicht unser altes Leben aufräumen, wir haben niemanden verletzt, wir waren beide gesund, es gab für unser Glück keine Hindernisse.

Im September zogen wir zusammen: Wir mieteten in Hamburg-Rotherbaum eine Altbauwohnung.

Am 27. Juli 2001 haben wir geheiratet.

Es war alles goldrichtig

Und gerade an diesem Wochenende in Pirna und Dresden haben wir uns wieder gegenseitig gesagt, dass alles goldrichtig war. Dass wir daran in all den Jahren keine Sekunde gezweifelt haben.

Wir waren und sind sehr glücklich. Unsere Liebe ist nicht weniger geworden, sondern mehr. Und ich bin noch immer verliebt in diesen tollen Mann mit den fast weißen, welligen Haaren (am Hinterkopf sind sie noch ein klein wenig dunkler, aber nicht viel), den liebevollen braunen Augen und dem schönsten Lächeln der Welt.

Toller Mann mit (fast) weißen Haaren: Ralf am Wochenende in Pirna an der Elbe

So etwas kann man nicht planen. Man geht in einen Segelkurs und trifft die Liebe seines Lebens. Das ist Zufall oder Schicksal, wer kann das wissen?

Wir waren damals beide nicht auf der Suche nach einer Partnerin oder einem Partner. Ich war erst seit wenigen Monaten in Hamburg und noch damit beschäftigt, mich dort einzufinden, nachdem ich in Münster einen liebenswerten Freundeskreis zurückgelassen hatte.

Und dann ist es einfach passiert.

Kurz vor dem Ziel in Dresden. Und bei Ralf schon seit 25 Jahren angekommen. Ich hätte früher nie gedacht, dass mir so etwas Schönes passieren würde.

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Ein ganz persönlicher Weihnachtsgruß

Hier sitze ich an unserem langen Esstisch, die Adventskranzkerzen leuchten, und die Spülmaschine läuft. Wir haben wunderbar gefrühstückt, im Radio läuft ruhige Musik, immer mal wieder auch ein Weihnachtslied, und ich habe noch ein bisschen Zeit, bis Ralf und ich heute Abend mit Ralfs Mutter essen gehen. Wir hatten schöne Tage miteinander, entspannt und mit viel Musik. Doch Weihnachten fühlt sich anders an als früher. Längst ist es vom Fest der Erwartung zum Fest der Erinnerung geworden. So viele Stimmen sind verklungen, neue, stille Gäste eingezogen.

Melancholie, Wehmut und Erinnerung

Weihnachten war früher ein fröhliches Fest. Auch wenn es zwischendurch mal ein bisschen Streit gab, auch wenn Besuche und Verpflichtungen nicht immer so gelegen kamen – insgesamt war es doch eine fröhliche Angelegenheit. Die ganze Adventszeit lang habe ich mich darauf gefreut. Auch dieses Jahr übrigens wieder. Ein paar besondere Tage mit den liebsten Menschen, schöne Lieder, leckeres Essen, liebevolle Überraschungen.

Doch längst ist die Melancholie eingezogen, sitzt Weihnachten mit am Tisch, nimmt jedes Jahr ein bisschen mehr Platz ein. Und ihre Schwester, die Wehmut, ist auch dabei. Sie sitzt direkt neben der Erinnerung, die zum Glück oft fröhlich ist. Das sind sie, unsere neuen Gäste. Sie haben die Plätze derjenigen eingenommen, die uns einst so nahe waren und die es heute nicht mehr gibt. Und die doch gerade jetzt auf eine besondere Art bei uns sind.

Ich habe vor ein paar Jahren schon einmal einen Blogbeitrag über das Weihnachtsfest geschrieben, darüber, wie es sich früher angefühlt hat. Und es ist alljährlich ein aktuelles Thema. Denn auch wenn Ostern das höchste kirchliche Fest des Christentums ist, so ist doch Weihnachten bei uns das wichtigste regelmäßig wiederkehrende Familienfest. Es funktioniert auch jenseits seines christlichen Ursprungs. Man verbringt Zeit mit seiner Familie, man versucht, etwas Besonderes daraus zu machen mit gutem Essen und schöner Stimmung. Die Menschen zünden Kerzen an, schmücken ihre Häuser, machen aus den dunkelsten Wochen des Jahres irgendwie eine helle Zeit.

Bücher, Bücher, Bücher!

Als Kind habe ich mich immer sehr auf die Bücher gefreut, die ich mir zu Weihnachten gewünscht habe. Denn die habe ich tatsächlich auch bekommen. Natürlich habe ich mir nicht nur Bücher gewünscht. Da gab es auch andere Dinge. Einen Plattenspieler zum Beispiel oder Schlittschuhe. Aber die Bücher waren irgendwie immer das Wichtigste. Als Kind (und manchmal auch heute noch) habe ich alles von Erich Kästner aufgesogen, außerdem so liebenswerte Bücher wie die Mutzi-Reihe, Geschichten von James Krüss und, als ich noch klein war, alle Urmel-Bücher von Max Kruse.

Und dann war ich verrückt nach Krimis und habe sämtliche Reihen von Enid Blyton verschlungen. Jedes Jahr an Heiligabend kamen Oma Else und Opa Karl, meine Großeltern mütterlicherseits, nach dem Gottesdienst zu uns, und als Geschenk brachten sie mir ein Fünf-Freunde-Buch mit. Also saß ich dann stundenlang zufrieden da und las.

Weihnachtsbraten? Ach nö, nicht schon wieder!

Am nächsten Morgen war dann Stress angesagt, denn mein Vater fuhr gegen Mittag los und holte seine Eltern zum Essen ab. Und die Mama hat den Weihnachtsbraten zubereitet, obwohl sie da gar keine Lust zu hatte, und das hat sie auch unmissverständlich gesagt. Also, meinem Vater und mir hat sie es gesagt, natürlich nicht den Großeltern. Ich habe lieber beim Kochen geholfen als beim Abtrocknen. Eine Spülmaschine hatte damals noch kaum jemand, also musste das ganze Geschirr von Hand gespült und dann abgetrocknet und weggeräumt werden – und das fand ich ganz furchtbar langweilig.

Kochen fand ich gar nicht langweilig, das war genau mein Ding. Ich habe Kochen gelernt, als ich neun war, und das ganz auf eigenen Wunsch. Lieber habe ich nach der Schule für meine Eltern das Mittagessen gemacht als das Geschirr abzutrocknen, aber das ist eine andere Geschichte.

Oma und Opa laden zum Brunch – mit Mohnklößchen

Einmal haben Papas Eltern alle ihre Kinder und Enkel an einem der Weihnachtsfeiertage zum großen Brunch eingeladen. Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr das war, aber ich war so zwischen 20 und 25 Jahre alt. Das war ein schönes Fest, und es gab mal wieder jede Menge zu essen. Vor allem aber hatte Oma Hilde extra für meinen Papa Mohnklößchensuppe gemacht, die er als Kind so gern gegessen hatte.

Damals dachte ich, das Gericht stamme aus Omas Heimat Pommern. Erst später habe ich gelernt, dass es ein typisch schlesisches Gericht ist. Es muss also in der Zeit in die Familie gekommen sein, in der meine Urgroßeltern im schlesischen Bolkenhain einen Kolonialwarenladen betrieben haben. Das waren die Eltern von meinem Opa Walter. Wer meine Familiengeschichten im Blog gelesen hat, hat sie schon kennen gelernt.

Zauberhafter Schnee

Als ich klein war, gab es im Winter oft Schnee. Vielleicht nicht immer an Weihnachten, aber es gab diesen Schnee, und ich bin täglich zum Schlittenfahren losgezogen. Auf der Terrasse habe ich mir ein Iglu gebaut und ab und zu auch einen Schneemann. Manchmal waren wir auch mit den Cousinen und Cousins, den Eltern und Großeltern im Stadtwald in Remscheid-Lennep, und wir Kinder durften Schlitten fahren. Dick lag der Schnee auf den Tannen, und es sah wunderschön aus.

Zu Beginn der 2000-er Jahre, als Ralf und ich zusammen in Hamburg lebten, hatten wir dort tatsächlich auch einmal Schnee zu Weihnachten. Wir sind an der Alster spazieren gegangen, an überzuckerten Bäumen und Wiesen vorbei, und überall duftete es nach Glühwein. Die Sonne schien, und viele gut gelaunte Menschen waren unterwegs. So ein bisschen Schnee an Weihnachten zaubert eine schöne Stimmung. Man schaut aus dem Fenster und freut sich. Dieses Jahr ist es hier bei uns in Pommern ganz grau, und es gibt oft Nieselregen. Und da wir bei diesem Wetter keine Lust zu einem Strandspaziergang hatten, sitze ich jetzt hier und schreibe.

Alle Fenster hell erleuchtet

Später, als wir in Salzwedel in Sachsen-Anhalt wohnten, haben Ralf und ich unsere Eltern zu Weihnachten zu uns eingeladen. Ich hatte die Idee irgendwann im Herbst 2006. Wir wohnten damals in einem schnuckeligen, 400 Jahre alten Fachwerkhaus mit vielen kleinen Zimmern, und wir hatten Platz genug, um alle unterzubringen. Außerdem stand für mich Weihnachten kein Dienst auf dem Programm.

Kurz vor Weihnachten hatte der Chefredakteur die leitenden Redakteure zum Weihnachtsessen eingeladen, und so verbrachte ich den Abend in einem italienischen Restaurant in Magdeburg und fuhr danach die etwa 100 Kilometer zurück nach Salzwedel. Ich habe damals für die Volksstimme gearbeitet, eine Zeitung mit einem sehr großen Verbreitungsgebiet. Weite Fahrten waren nicht ungewöhnlich.

Nun war es genau der Abend, an dem meine Schwiegerelten bei uns zu Hause eintrafen. Sie wohnten damals in Spanien und sind wohl nach Hamburg oder Berlin geflogen und dann mit der Bahn zu uns gekommen. Ich weiß noch genau, wie es war, als ich spät abends zuhause in Salzwedel ankam. Schon während der ganzen langen Autofahrt durch die Dunkelheit der altmärkischen Wälder hatte ich mich darauf gefreut, nach Hause zu kommen, in ein Haus mit lieben Menschen, und so war es dann auch. Alle Fenster waren erleuchtet, es sah warm und anheimelnd aus. Ich stieg aus dem Auto und guckte. Es war so schön.

Drinnen saßen Ralf und seine Eltern Irmi und Fred schon bei guter Stimmung, und wir feierten Wiedersehen und tranken noch den einen oder anderen Wein.

Turmblasen in Salzwedel

Am nächsten Tag kamen dann meine Eltern aus Remscheid. Wir verbrachten eine fröhliche Zeit zu sechst mit einem großen Weihnachtsmenü an Heiligabend, mit Ausflügen und Restaurantbesuchen. In Salzwedel gibt es die schöne Tradition des Turmblasens am Heiligen Abend. Um 18 Uhr spielten Blasmusiker oben vom Rathausturm aus vier Weihnachtslieder. Und dazu versammeln sich hunderte Menschen auf dem Rathausturmplatz mitten in der Stadt. Es gibt Glühwein, man trifft Bekannte, es ist schön. Dort gingen wir mit unseren Eltern natürlich hin, und von da an auch in den restlichen Jahren, die wir noch in Salzwedel verbrachten.

Wir waren sechs fröhliche Menschen

Auch aus unseren gemeinsamen Weihnachtsfesten ist eine kleine Tradition geworden, die wir über Jahre aufrechterhielten. Erst in Salzwedel, dann hier an der Ostsee, und recht bald sind unsere Eltern dann auch hierher gezogen. Wir waren sechs fröhliche Menschen bei diesen Festen.

Doch das Leben ist Veränderung, sonst wäre es kein Leben. Und nicht jede Veränderung ist schön. Erst kamen Krankheiten, dann der Tod. Und dann gab es keine fröhlichen gemeinsamen Weihnachtsfeste mehr. Jetzt sind wir zu dritt. Und die, die nicht mehr da sind, fehlen uns. Aber so ist es nun einmal, und eigentlich ist es auch keine traurige, sondern eine ganz normale Geschichte.

Denn es ist Teil des Lebens, dass Menschen sterben, und wenn die Eltern alt werden und dann vor ihren Kindern sterben, ist das richtig so. Andersherum wäre es schlimm. Und wir sind noch da und sind natürlich trotzdem traurig, aber diese Traurigkeit ist doch eher Wehmut und Melancholie, und sie wird nicht vergehen, so lange wir leben.

Tasten, aus denen Töne kommen

Das hindert Ralf und mich aber nicht daran, sehr glückliche Menschen zu sein. Das Leben ist eben immer auch ambivalent. Seit ein paar Jahren machen wir Musik: Ralf lernt Bass- und ich Klavierspielen, außerdem habe ich eine tolle Gesangslehrerin und jede Menge Pläne und Projekte. Dass ich so selten in diesen Blog schreibe, hat zurzeit auch damit zu tun, dass ich oft lieber die Tasten drücke, aus denen Töne kommen, als die, die Buchstaben produzieren. Es ist ein großes Geschenk, dass wir Neues lernen dürfen in einem Alter, das nicht alle Menschen erreichen. Denn nicht nur Eltern und Großelten, auch die ersten Freunde sind schon gegangen.

Euch allen eine friedliche Zeit

Ich wünsche Euch allen noch schöne Tage und einen guten Start ins neue Jahr. Und uns allen wünsche ich eine lebenswerte Zukunft in einer friedlichen Welt.

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Wie will ich leben – und wie will ich nicht leben?

Zwei Fragen, über die alle einmal nachdenken sollten. Hier kommen meine persönlichen Antworten darauf

Ich will frei leben. Nicht frei in dem Sinne, dass ich mich an keine Regeln halten muss. Sondern frei auf eine Art, die die Würde der anderen Menschen respektiert. Die nichts zerstört und auch anderen ihren Raum lässt. Auf eine Art, die keine Gewalt braucht und keine Häme zulässt. Freiheit war mir immer wichtig. Keine Regierung soll mich für meine Meinung bestrafen, ausgrenzen oder einsperren. Kein Staat soll darüber bestimmen, wohin ich reisen darf und wohin nicht.

So bin ich aufgewachsen, von meinen Eltern und später in der Schule immer dazu angehalten, selbst zu denken, nicht zu urteilen, ohne Fakten und Beweggründe zu kennen, meine Meinung zu sagen und dafür einzustehen. Ich sollte ruhig gegen den Strom schwimmen, wenn ich das wollte. Aber immer auch anderen zuhören und sie respektieren. Meine Ansichten begründen, diskutieren, mich mit anderen einigen oder zu einer friedlichen Koexistenz finden – das war der Leitfaden, nach dem ich gelernt habe, mich im zwischenmenschlichen Mit- und Durcheinander zu orientieren. Meinungsfreiheit war für mich von Kind an selbstverständlich. Ich bin in einer Demokratie aufgewachsen, und damals schien mir auch diese selbstverständlich. Heute weiß ich, dass das nicht so ist.

Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen unterdrückt werden und für Ansichten, die von den Vorgaben ihrer Regierung abweichen, eingesperrt werden oder im schlimmsten Fall einfach verschwinden. Wie so etwas geht, sehen wir zum Beispiel gerade in Russland. Wer in einem solchen Land lebt, hat irgendwann nur noch die Wahl, zu verstummen, einzuknicken oder sich in große Gefahr zu begeben. Bei uns darf jeder sein Weltbild laut verkünden. Das tut leider manchmal weh – vor allem, wenn man diejenigen hört, die „Widerstand“ brüllen und behaupten, die Bundesregierung „klaue“ ihnen ihre Freiheit. Aber das müssen wir eben aushalten. Sollen sie doch brüllen.

Freiheit heißt für mich nicht, mich über Recht und Gesetz hinwegzusetzen, sondern innerhalb eines gesetzlichen Rahmens zu handeln, der ein friedliches Zusammenleben ermöglicht. Dazu gehört die gewaltfreie Lösung von Konflikten. Und immer wieder die Notwendigkeit, Kompromisse zu finden. Das ist anstrengend. Aber es ist die beste Art zu leben.

Manchmal braucht es mehr Worte, als auf ein Plakat passen. Obwohl manche kurze Zeile auf einem Plakat oder Schild beeindruckend in die Tiefe gehen, uns bewegen und zum Nachdenken bringen kann. Auch ich möchte zum Nachdenken anregen. Und damit nicht abstrakt bleiben wie ein Pressebericht. Deshalb habe ich formuliert, wie ich leben möchte. Es hilft, sich angesichts der komplexen Probleme, mit denen sich die Welt auseinandersetzen muss, einmal ruhig hinzusetzen und sich zu überlegen: Was will ich eigentlich? Wie will ich leben? Und wie will ich nicht leben?

Demos gegen rechts – wenn viele kommen, wissen wir: Wir sind nicht allein

Ralf und ich haben uns an einer Kundgebung für ein weltoffenes und buntes Wolgast beteiligt – für eine lebendige Demokratie und gegen rechte Gewalt, Rassismus und Hass. Wir hätten uns in unserer kleinen Stadt hier oben im Nordosten schon über 50 Teilnehmer gefreut. Gekommen sind etwa 200. Es blieb friedlich, die Stimmung war toll. Weitere Veranstaltungen sollen folgen. Ich finde es enorm wichtig, dass die Menschen, die weiterhin in einer weltoffenen Demokratie leben möchten, jetzt auf die Straße gehen und das zeigen. Wenn viele kommen, wissen wir: Wir sind nicht allein. Ralfs und meine Freunde sind im ganzen Land verteilt, und viele von ihnen haben uns in den vergangenen Tagen geschrieben, dass sie an einer der Demos teilgenommen haben. Weiter so!

Viele Menschen haben Angst – und brauchen dringend eine Vision für die Zukunft

Vieles macht den Menschen Angst in diesen Zeiten. Ein Krieg tobt, uns so nah, in Europa. Jetzt gibt es noch einen weiteren in Nahost, der durchaus eskalieren kann. Die schrecklichen Bilder aus diesen Kriegen sind allgegenwärtig. Sie sind kaum zu ertragen. Es sind Menschen wie wir, deren Leben dort zerstört wird. Ralf und ich sehen hin. Meistens. Aber an manchen Tagen brauchen wir einfach eine Nachrichtenpause.

Der Ukraine-Krieg macht vielen Menschen in Europa Angst. Putin könnte durch einen Angriff im Baltikum den Nato-Bündnisfall auslösen, und der nächste Weltkrieg wäre da. Einige Experten warnen bereits davor. Dass es so weit kommt, ist übrigens meine größte Angst.

Aber selbst wenn das nicht passiert, sorgen die beiden Kriege bei vielen Menschen für große Unsicherheit, wie es mit ihrem Leben weitergeht. Wie werden sich die Energiepreise entwickeln? Kann man sich die warme Wohnung in Zukunft noch leisten? Der deutschen Wirtschaft droht eine Rezession, doch es ist unklar, wie stark diese sein und wie lange sie dauern wird. Dazu kommt die noch junge Erfahrung mit der Corona-Pandemie. Die Maßnahmen, die die Bevölkerung schützen sollten, haben sie gespalten. Aus manchen Freunden wurden Gegner.

Die Bundesregierung macht ihre Arbeit, und sie macht natürlich auch Fehler. Alle machen Fehler, niemand ist perfekt, auch eine Regierung nicht. Und jeder wird diese Fehler anders bewerten. Leider ist sich die Ampel-Koalition aber untereinander in vielen Dingen nicht einig und versteht es vor allem nicht, der Bevölkerung Zuversicht zu vermitteln. Es fehlt eine Vision für die Zukunft, die dem gesellschaftlichen Leben eine Richtung gibt und den Menschen Mut macht. Doch vielleicht können wir uns eine solche Vision noch erarbeiten. Es ist höchste Zeit dafür.

Wer einen Sündenbock verfolgt, bleibt irgendwann im Schlamm stecken

Da haben es jene leicht, die anderen Angst einhämmern und dabei oft laut sind. Und die dann einen Sündenbock benennen, der aus dem Weg geräumt werden muss, damit danach alles besser ist. Es ist ein uraltes Schema: Schuld sind die „Fremden“, die „Migranten“, die, die „anders“ sind. Dieser Methoden bedienen sich die Parteien rechts außen schon seit Jahrzehnten, doch sie haben sich in den krisengeschüttelten vergangenen Jahren weit in die Mitte der Gesellschaft vorgearbeitet.

Und noch einen „Schuldigen“ prügeln sie vor sich her: die „da oben“, zurzeit eben die Ampelkoalition. Es kursiert die absurde Lüge, wir würden in einer „Scheindemokratie“, also in Wirklichkeit längst in einer Diktatur leben. Es ist erschreckend, dass es Menschen gibt, die diesen Unsinn tatsächlich glauben.

Die Fortsetzung der Lügengeschichte geht so: Man muss nur „die da oben“ wegfegen und dann am besten noch die Menschen aus dem Land jagen, die nicht „deutsch“ genug sind, und dann wird alles gut. Jetzt können wir uns noch fragen, wer diesen Blödsinn in die Welt setzt. Da gibt es mehrere Quellen. Russische Bots (also keine Menschen, sondern von Computern erstellte Posts, die in den sozialen Netzwerken verbreitet werden, die man als Laie aber gar nicht als solche erkennt), Parteien rechts außen, Youtuber von zweifelhafter Gesinnung und ähnliche weitere. Doch Vorsicht mit den Sündenböcken: Wer sich von Hass und Häme anstecken lässt und den Sündenbock jagt, merkt erst, dass er sich verrannt hat, wenn er im Schlamm stecken geblieben ist.

Es gibt oft keine einfachen Lösungen

Wer Angst hat, seine Existenz zu verlieren, zu verarmen, in kommenden Wintern zu frieren, ist anfälliger für „einfache Lösungen“. Bei manchen wächst auch die Wut schneller als die Angst. Und das, was es eigentlich braucht – Besonnenheit, Nachdenken, sich sachlich informieren und die Lage analysieren, kommt zu kurz oder findet bei einigen Menschen auch gar nicht statt. Nicht jeder ist in der Lage, komplex zu denken. Aber jeder sollte doch in der Lage sein, anständig zu sein.

Ein Rückblick für mehr Durchblick

Die Zwanziger Jahre, deren Mitte wir uns gerade nähern, sind nicht gleichzusetzen mit den Zwanziger Jahren im vorigen Jahrhundert. Doch es gibt Parallelen. Wer sich mit der Weimarer Republik auseinandersetzt, erkennt, wo die nicht genutzten Möglichkeiten lagen und welche Fehler in das Desaster der 30-er Jahre und in den Zweiten Weltkrieg geführt haben. Einige dieser Fehler können wir auch heute machen, und da ist ganz große Vorsicht geboten. Wer sich über damals informieren möchte, findet sehr viel Literatur. Ein sehr gutes Buch habe ich vor kurzem gelesen: „Höhenrausch“ von Harald Jähner.

Ich freue mich, dass jetzt im ganzen Land so viele Menschen auf die Straßen gehen und den rechten Parteien und Gruppen zeigen, dass sie mit deren Art, Angst zu schüren, Hass und Häme zu verbreiten und menschenverachtende Pläne zu schmieden, nicht einverstanden sind. Dass diese Parteien und Gruppen eben nicht „das Volk“ vertreten, wie sie sich selber und anderen so gerne vormachen. Überhaupt, das „Volk“, was soll das sein? Die Deutschtümelei wird in Teilen der Gesellschaft schon wieder laut vor sich hergetragen. Den Menschen, die damit sympathisieren, kann man nur nahelegen, sich mal mit der Geschichte der Völkerwanderungen auseinanderzusetzen und mit der darauf bezogenen Genforschung.

Jeder kann mitmachen und Demokratie wählen

Damit wir frei leben können, reichen die Demonstrationen und Kundgebungen aber nicht aus. Es geht auch darum, dass bei den anstehenden Wahlen diejenigen, die die Demokratie letztendlich abschaffen wollen, nicht gewählt werden. Wer von diesen fest überzeugt und längst vereinnahmt ist, wird für sie stimmen. Aber was ist mit den anderen, den Unentschlossenen, Unzufriedenen, den Ratlosen und „Protestwählern“? Selbst wenn jemand mit der Regierung nicht zufrieden ist, kann es nicht die Lösung sein, Leute zu wählen, die uns die Freiheit nehmen wollen. Denkt also genau nach, was Ihr wollt und was nicht. Ihr könnt auch eine Partei wählen, die Euch nicht zu hundert Prozent überzeugt. Auch das ist eine Möglichkeit, seine Stimme gegen Rechtsaußen abzugeben.

Teilt nicht unüberlegt jeden Mist auf Social Media!

Und noch etwas hat jeder in der Hand: Wir alle können entscheiden, welche Botschaften wir weiterleiten möchten und welche nicht. Wer gedankenlos oder von Unmut erfüllt in den sozialen Medien Bildchen und Parolen teilt, macht sich mitschuldig daran, dass sich Lügen, Häme und Hetzereien ausbreiten. Es ist doch gar nicht so schwer, erst mal innezuhalten und darüber nachzudenken, was man da weitergibt, aus welcher Ecke es kommt, und was es bei anderen Menschen bewirkt, bevor man auf „Teilen“ klickt. Mich kotzt es jedenfalls an, wenn ich auf WhatsApp oder Facebook Bilder von Ampeln an Galgen oder Sprüche wie „Knipst der Ampel das Licht aus“ lese. Das hat mit Diskussion, Problemlösungen oder Meinungsaustausch nichts zu tun. Das ist im besten Fall einfach nur dumm.

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Tsunami

Manchmal ändert ein Ereignis unser Leben, aber wir selber merken das erst viel später. Das Ereignis löst so etwas wie eine Welle aus, die lange läuft und das, was sie auf ihrem Weg berührt, verschiebt und neu ordnet. Warum bin ich da, wo ich bin? Wie viele Zufälle und unreflektierte Zusammenhänge haben mich in genau dieses Leben gebracht, das ich führe? Vielleicht habt Ihr Euch diese Fragen auch schon mal gestellt. Ich mache das ab und zu und bin zum Jahresende eher zufällig mal wieder auf diese Gedanken gekommen.

Diesmal habe ich zwischen den Jahren mehr ferngesehen als sonst. Das lag daran, dass ich an Weihnachten Corona hatte und deshalb alle Unternehmungen auswärts nicht stattfinden konnten. Sofa statt Weihnachtsessen im Restaurant. Sofa statt Eislaufen und Glühwein trinken in Heringsdorf. Und so weiter. Jetzt kenne ich eine Menge romantischer Weihnachtsfilme mit traurigem Start und Happy End.

Die zweite Welle

Weil aber immer nur Herz-Schmerz irgendwann langweilig wird, habe ich mir die Serie „Die zweite Welle“ angesehen. Sie erzählt die Geschichte von ein paar Freunden, die im Weihnachtsurlaub 2004 in Khao Lak in Thailand in den Tsunami geraten. Danach ist nichts mehr wie vorher. 15 Jahre später holen die Ereignisse von damals jeden einzelnen von ihnen wieder ein. Das Ganze ist spannend erzählt, und an Bildern der verheerenden Auswirkungen des Tsunami fehlt es nicht. Die zweite Welle ist das, was den Freunden später passiert.

Die Bilder aus Thailand, das Szenario, dass die Welle weiterläuft und Jahre später indirekter Auslöser für eine Reihe von Ereignissen ist, brachten mich dazu, über die vielen Zufälle und Vorfälle nachzudenken, von denen unser Leben oder der Verlauf unseres Lebens abhängen. Ein Erdbeben löst eine Welle aus. Doch was löst die Welle alles aus?

Während ich die Serie sah, wurden bei mir ganz persönliche alte Bilder wieder lebendig. Ein Tsunami schafft Veränderung. Das haben wir 2004 gesehen und dann in bedeutendem Maße wieder 2011, als es nach dem Tsunami in Japan im Atomkraftwerk Fukushima zu einem Super-GAU kam.

Der Tsunami 2004 war der erste, der weltweit eine so große Aufmerksamkeit erfuhr. Er brachte für hunderttausende Menschen in mehreren Ländern Tod und Zerstörung. Aber damit war es noch nicht zu Ende. Wellen laufen lange; sie können sich im abstrakten Bereich immer weiter fortsetzen, weil die Zerstörungen und Veränderungen, die sie primär bewirken, Folgen nach sich ziehen. Diese betreffen vielleicht das eigene Leben, auch dann, wenn man mit dem Ereignis selbst gar nichts zu tun hatte.

Wir ahnten nicht, dass sich gerade unser Leben änderte

Ralf und ich haben – wie die meisten Menschen – am 26. Dezember 2004 im Fernsehen von der Katastrophe erfahren. Wir waren erschüttert über die ungeheure zerstörerische Kraft, über das viele Leid, das die Welle hinterlassen hat. Doch wir waren weit weg, wir kannten niemanden, der sich gerade in einem der betroffenen Länder aufhielt. Und dort gewesen waren wir auch noch nie. Was wir nicht ahnten, als wir Weihnachten 2004 in Salzwedel vor unserem Fernseher saßen, war, dass sich gerade unser Leben änderte. Die Welle würde uns schon bald auf einen Weg bringen, den es ohne sie gar nicht gegeben hätte.

Noch Monate später Kahlschlag in Khao Lak

Lange bevor wir die Abzweigung erreichten und uns dafür entschieden, den neuen Weg zu gehen, landete ich auf einer Pressereise in den vom Tsunami verwüsteten Urlaubsregionen in Thailand. Das war im August 2005, gut acht Monate nach der Welle. Auf der Insel Phuket kamen die Wiederaufbauarbeiten schnell voran. Im so paradiesisch gelegenen Khao Lak war der Kahlschlag, den die Welle hinterlassen hatte, noch deutlich zu sehen. Wo einst Bäume, gar ein ganzes Wäldchen gestanden hatten, gab es nur noch öde Flächen. Unten, nahe des Strandes, wo die Gäste der Lodges und Ferienresorts ihren Urlaub in kleinen Bungalows verbracht hatten, war von den Häuschen kaum noch etwas übrig. Aber es wurde schon wieder eifrig gebaut.

August 2005 in Khao Lak: Noch sind die Spuren des Tsunami deutlich zu sehen.

Zwei Kilometer im Landesinneren lag ein Polizeiboot, das am Tag des Tsunami angeblich einen der thailändischen Königssöhne beim Surfen begleitet hatte. Die Welle hatte es dorthin geworfen. In der Nähe standen einfache Wohnhäuser, teilweise noch immer mit großen Rissen in den Wänden. Andere waren komplett zerstört, da gab es nur noch die Fundamente.

Etwa zwei Kilometer landeinwärts in Khao Lak. Hierhin hat die Welle das Polizeiboot gespült.

Und doch, beim Blick vom Berghang hoch über dem langen Strand von Khao Lak auf den Indischen Ozean fiel es mir schwer, mir vorzustellen, wie sich das Meer zurückzieht und dann eine riesige Welle heranrauscht. Oder mehrere Wellen. Man berichtete uns Journalisten vom geplanten Tsunami-Frühwarnsystem. Und warb dafür, dass die Menschen keine Angst haben sollten, nach Thailand zu reisen.

Trügerische Idylle: Blick vom „Tsunami Point“ auf den Strand von Khao Lak.

Wir wohnten in einem Fünf-Sterne-Resort in Phuket, in dem von den Folgen des Tsunami schon nichts mehr zu sehen war. Das Resort war weitläufig und lag an einem Hang. Mein Zimmer, eigentlich eher eine kleine Suite, war eines von nur zweien im Hotel, die durch die Welle zerstört worden waren. Davon war aber nichts mehr zu merken, das Zimmer war wie neu. Es befand sich im Erdgeschoss, mit einer eigenen Terrasse zum Ozean hin. Die Außenwand bestand aus einer Glasfront mit großen Schiebetüren. Ich sah die sich im starken Monsunwind biegenden Palmen und direkt dahinter das Meer. Auf den Fenstertüren klebte ein Film aus Salz und Gischt. Die Vorstellung, dass das Wasser jederzeit wieder in dieses Zimmer krachen konnte, war unheimlich, aber irgendwie auch sehr abstrakt.

Mein Zimmer in Phuket. Der Tsunami hatte es komplett zerstört. Zu sehen war davon nichts mehr.

Kaum jemand fragt noch nach dem Tsunami

Über die Thailand-Reise schrieb ich einen Artikel für die Volksstimme, die Tageszeitung im nördlichen Sachsen-Anhalt, für die ich damals arbeitete. In Thailand hatte ich Menschen kennengelernt, die in den Hotels oder als Reiseführer arbeiteten. Der damalige Gouverneur der Provinz Phuket nahm an einem Abendessen mit uns teil und berichtete von den Tsunami-Folgen und den Zukunftsplänen der Region. Ein aus Australien stammender Hotelmanager in Krabi erläuterte uns die Evakuierungspläne seines Luxus-Resorts im Falle einer Tsunami-Warnung. Sie alle wollten natürlich, dass wieder Urlauber kamen.

Tatsächlich lief es bald wieder mit dem Tourismus in Thailand. Zehn Jahre später florierte Khao Lak. Offenbar interessierte sich da kaum noch jemand von den Gästen für die Sicherheit in Sachen Tsunami, hieß es in einem Stern-Artikel von 2014.

Mittlerweile gibt es ein Tsunami-Frühwarnsystem. Im Indischen Ozean installierte Messbojen sollen regelmäßig Daten senden und im Ernstfall so früh wie möglich warnen. Ob es wirklich zuverlässig funktioniert, daran gibt es Zweifel. Eine Karte zeigt, wo die Bojen sich befinden sollten und ob sie in den vergangenen acht Stunden gesendet haben oder nicht.

Wichtig ist vor allem die „letzte Meile“: Eine Warnung muss die Menschen vor Ort erreichen. Sie darf nicht in irgendwelchen Institutionen stecken bleiben. Mit der Problematik setzt sich unter anderem das WDR-Format Quarks auseinander. Hätte es 2004 ein funktionierendes Frühwarnsystem gegeben, hätten die Menschen eine Chance gehabt, sich in Sicherheit zu bringen. In Khao Lak und Phuket wäre die Warnung mehr als eine Stunde vor dem Tsunami möglich gewesen – genug Zeit, um den Strand und die tiefer gelegenen Gebiete zu verlassen. Eine Betrachtung des zeitlichen Ablaufs findet Ihr auf zeit.de.

Traumurlaub mit tödlichem Ende

Damals war keine Zeit mehr. Da krachte das Wasser ohne jede Vorwarnung in den sonnigen Weihnachtsmorgen, nahm Menschen, Liegestühle, Sonnenschirme, Strandpavillons, Häuser, Bäume, Autos und auch sonst alles Mögliche mit, und als die Welle sich zurückzog, sog sie vieles – auch Menschen – mit hinaus in den Ozean. Unter den vielen Urlaubern in Thailand war ein Paar aus Norddeutschland. Es betrieb die Segelschule Rückenwind in Wolgast, erst vor gut sechs Jahren gegründet und auf dem Weg in eine gute Zukunft. Und nun, im Dezember, als alle Boote an Land waren und in die Segelschule im Winterschlaf ruhte, war die Gelegenheit für einen Traumurlaub in Sonne und Wärme.

Von den beiden kehrte nur Elke zurück. Ihr Partner hat den Tsunami nicht überlebt. Sie machte erst noch weiter mit der Segelschule, beschloss dann aber, sie zu verkaufen. Und diese Verkaufsanzeige in der Zeitschrift Yacht entdeckte Ralf dann eher zufällig, weil er sich auf einer Zugfahrt im Herbst 2006 so sehr langweilte, dass er, nachdem er alle Artikel der Zeitschrift durch hatte, auch noch sämtliche Kleinanzeigen las. Die Geschichte findet Ihr hier im Blog unter dem Reiter Segelschule.

Den letzten Impuls geben wir oft selbst

Wäre das Erdbeben im Indischen Ozean nicht passiert, wäre unser Leben heute ein anderes. Doch das allein war es ja nicht. Hätte Ralf sich auf dieser Zugfahrt 2006 nicht gelangweilt, hätte er noch ein Buch oder eine andere Zeitschrift dabei gehabt, hätte er die Anzeige wohl nicht gelesen. Eine Katastrophe also und ein Zufall. Beides zusammen stellte uns an eine Abzweigung, und wir konnten uns nun entscheiden: Sollen wir den alten Weg weiter gehen? Oder den neuen nehmen?

Der alte Weg hätte bedeutet, es nicht mit der Segelschule zu versuchen, sondern bei unseren eigentlichen Berufen zu bleiben. Es gehört schon Entschlusskraft dazu, das Leben komplett zu ändern und etwas völlig Neues zu beginnen. Man weiß vorher ja nicht, ob das klappt. Wir haben es versucht und es hat funktioniert. Wenn es schief gegangen wäre, hätten wir einen anderen Weg suchen müssen.

Den letzten Impuls geben wir oft selbst. Zufälle, Entwicklungen und Ereignisse, auf die wir keinen Einfluss haben, führen uns an einen Punkt, an dem wir eine Entscheidung treffen können oder manchmal auch müssen. Manchmal erfordert diese Entscheidung Mut oder eine gewisse Bereitschaft zum Risiko. Wer immer nur dem eingefahrenen Weg vertraut, wird den steinigen, verschlungenen Pfad, der da abzweigt, nicht erklimmen. Er wird dann nicht in die Tiefe stürzen – aber auch die überwältigende Aussicht, zu der dieser Pfad sich irgendwann öffnet, nicht erleben.

Glück auf Unglück aufbauen – geht das?

„Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist einer von diesen Sprüchen, die jeder kennt. Auf Holztäfelchen graviert und in die Diele gehängt, auf Leinen gestickt und der Aussteuer beigefügt oder einfach in der Schule von innen auf die Klotür gekritzelt. Dieser Spruch ist nicht verkehrt, wenn es darum geht, aus den vorhandenen Möglichkeiten das Beste zu machen. Aber alles haben wir eben doch nicht in der Hand. Katastrophen, Unfälle, Zufälle, Krankheiten können uns treffen, ohne dass wir das verhindern können.

Im Zusammenhang mit dem Tsunami fällt mir noch so ein Spruch ein. Den habe ich in meiner Jugend öfter gelesen, auf einen Tisch in der Schule geschrieben oder einfach im Poesiealbum oder Freundschaftsbuch. „Du sollst dein Glück nicht auf dem Unglück anderer aufbauen.“ Ja, das haben wir tatsächlich geglaubt, als wir zwölf oder dreizehn waren und gute Menschen sein wollten. Immer, wenn etwas jemand anderen unglücklich macht, ist es nicht anständig, daraus für sich selbst Glück abzuleiten. Wir haben damals nicht verstanden, das diese Interpretation Unsinn ist. Es wäre besser gewesen, „Du sollst versuchen, kein Unglück in das Leben anderer Menschen zu bringen“ zu schreiben. Für den Tsunami konnten wir nichts. Er brachte Elke und ihrem Partner Unglück. Das Leben mit der Segelschule macht Ralf und mich glücklich. Kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Außerdem hätte es Elke ja nichts genützt, wenn niemand die Schule gekauft hätte.

Jeder von uns wird in seiner Geschichte oder in der Geschichte seiner Vorfahren Ereignisse finden, die – obwohl lange vorbei und vielleicht ganz woanders geschehen – einen direkten Einfluss auf seine heutige Existenz haben. Und das waren oft keine schönen oder glücklichen Wendungen. Was zum Beispiel für sehr viele Menschen in Deutschland zutrifft, ist die Tatsache, dass sie nicht geboren worden wären, wenn es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben hätte. Das gilt übrigens auch für Ralf und mich. Dieser Krieg löste die größte Fluchtwelle innerhalb Europas aus. Unsere Väter waren Flüchtlingskinder aus dem Osten, unsere Mütter kamen im Rheinland beziehungsweise im Ruhrgebiet zur Welt.

Achtsamer leben

Ich finde es gut, ab und zu innezuhalten und über Zufälle, Ereignisse und Zusammenhänge im eigenen Leben nachzudenken. Und auch immer aufmerksam zu sein, ob sich nicht hier oder da eine Chance bietet, eine Abzweigung, eine Möglichkeit, etwas zum Besseren zu ändern. Oder einfach die Folgen einer Handlung oder Entscheidung zu bedenken. Das bedeutet, achtsamer zu leben, sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft bezogen. Denn das, was wir tun, löst oft etwas aus. Weitere Handlungen, Ereignisse, Entwicklungen. Wellen laufen lange. Auch später noch.

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