Die Saison hat uns verschluckt

Endlich finde ich mal wieder ein bisschen Zeit, einen Blog-Beitrag zu schreiben. Eigentlich wollte ich das im Sommer ja mindestens alle zwei Wochen machen. Aber ich habe gemerkt: Das haut nicht hin. Diese Sommersaison ist in der Segelschule noch arbeitsintensiver als sonst. Vor ein paar Monaten, als wir noch nicht einmal wussten, ob wir überhaupt aufmachen dürfen, hätten wir das nicht gedacht.

Und nun ist die Nachfrage nach unseren Kursen groß. Die Saison hat uns Anfang Juli verschluckt und wird uns irgendwann im September wieder ausspucken. Bis dahin haben wir kaum ein soziales Leben, vernachlässigen alle Freunde und fallen abends früh ins Bett. Das ist in jedem Sommer so.

Wir spielen Teilnehmer-Tetris

Da wir die Corona-Einschränkungen nach wie vor ernst nehmen, lassen wir diesmal aber nur die Hälfte bis zwei Drittel der üblichen Teilnehmerzahl in unsere Kurse. Melden sich Paare oder Familien an, müssen diese nicht den Mindestabstand einhalten, und wir können etwas mehr Leute unterbringen. Kommen alles Einzelteilnehmer, ist bei der Hälfte Schluss. Wir spielen also regelmäßig Teilnehmer-Tetris. 🙂 Gleichzeitig dauert vieles länger. Vor allem in der Praxisausbildung benötigen wir entweder mehr Zeit oder mehr Lehrer und Boote gleichzeitig.

Es ist also immer noch so, dass wir für weniger Umsatz mehr arbeiten. Aber das ist nicht so schlimm, wir kommen einigermaßen gut durch das Jahr und hoffen jetzt, dass kein neuer Lockdown verhängt wird. Wenn ich die Bilder von den Leuten sehe, die dicht an dicht Partys feiern oder ohne jeglichen Abstand und ohne Masken Straßen und Plätze bevölkern, kommen mir ernsthafte Zweifel an der Hirnfunktionalität so mancher Zeitgenossen. Nur weil Deutschland relativ gut dasteht, nehmen sie die Pandemie nicht ernst. Oder sie glauben den Quatsch, den die Verschwörungstheoretiker und Pandemieleugner verbreiten. Passt auf Leute und guckt hin! Schaut euch an, was Corona in anderen Ländern anrichtet, wie viele Menschen sich weltweit täglich infizieren.

Heute mal Starkwind

Im Moment bin ich jeden Tag im Segelkurs. Heute habe ich nur deshalb Zeit zum Schreiben, weil der Wind so stark ist, dass wir nicht segeln können. Unser Segellehrer Emil unterrichtet gerade Theorie, und ich habe ein bisschen Luft. Die kann ich auch gut gebrauchen, denn im Moment bin ich unterschwellig dauermüde. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Ich liebe den Sommer, aber schon jetzt freue ich mich ein kleines Bisschen auf den Herbst, wenn es ruhiger wird und unsere Kurse nicht mehr jede Woche laufen. Obwohl die Arbeit Spaß macht, der Sommer schafft Ralf und mich jedes Mal. Wir sind ja nicht mehr die Jüngsten. Da steckt man wochenlanges Durcharbeiten nicht mehr so gut weg wie mit Mitte zwanzig oder dreißig.

Kleine Auszeit am Abend: Wir feiern 19. Hochzeitstag

Immerhin hatten wir vorgestern Abend Zeit, unseren 19. Hochzeitstag zu feiern. Wir haben uns nebenan im wunderschönen Speicher-Restaurant verwöhnen lassen, und es war ein sehr schöner und weinseliger Abend. 🙂 Wir haben von diesen 19 Jahren keinen einzigen Tag bereut.

Der ganz normale Wahnsinn: die bisher chaotischste Woche unseres Segelschul-Sommers

Die chaotischste Woche, die wir bislang in dieser Saison hatten, war die Zeit von Samstag, 11. Juli, bis Freitag, 17. Juli. Es war die Woche der monatlichen amtlichen Sportbootführerschein-Prüfung bei uns in Wolgast, und das bedeutet für uns, dass wir noch mehr arbeiten als in allen anderen Wochen. Wollt Ihr mal einen Einblick in den ganz normalen Wahnsinn einer kleinen und familiären Sportbootschule im Hochsommer haben? Dann lest hier einfach weiter.

Kennt Ihr das? Vor Euch liegt ein Berg von Arbeit, und Ihr wisst genau, dass Ihr diese ganze Arbeit unmöglich in der Zeit schaffen könnt, die Euch dafür zur Verfügung steht. Damit arrangiert Ihr Euch irgendwie und macht einen Plan, was jetzt zuerst erledigt werden muss. Und dann passieren plötzlich lauter ungeplante Dinge, und Euer ganzer Plan funktioniert vorne und hinten nicht mehr.

Alltag vor der Prüfung

In der Kurswoche vor der Juli-Prüfung ging es so richtig drunter und drüber. Einmal im Monat kommt die Prüfungskommission Mecklenburg-Vorpommern in unsere Segelschule, immer an einem Freitagnachmittag. Die Prüfungswoche sieht für uns so aus: Samstag und Sonntag unterrichtet Ralf vormittags Theorie für den Sportbootführerschein See. Nachmittags bin ich dran und gebe Unterricht für den Sportbootführerschein Binnen. Wer gerade nicht unterrichtet, macht Büroarbeit oder bereitet den Segelkurs vor, der am Montag beginnt oder erledigt andere dringende Aufgaben.

Wenn die Kurse ausgebucht sind, startet am Wochenende auch schon der praktische Motorboot-Unterricht mit unserem Motorbootlehrer Bernhard. Die Planung der Motorboot-Stunden ist auch ohne Corona-Einschränkungen schon ein Riesenakt, weil nicht jeder Schüler immer Zeit hat. Mindestens fünf Stunden lang hatte Ralf diesmal schon in der Vorwoche an dem Plan gearbeitet.

Nach dem Theoriewochenende geht’s mit voller Kraft weiter: Jeden Tag von morgens bis in den Nachmittag Segelkurs im Naturhafen Krummin, danach hat Ralf, wenn es gut läuft, noch eine kleine Pause, und abends unterrichtet er von Montag bis Donnerstag die Theorie für den Sportbootführerschein See. Das dauert immer bis ca. 21:30 Uhr. Zwischendurch muss mal was an den Booten gemacht werden, außerdem fällt vor allem im Sommer sehr viel Büroarbeit an. Die erledige dann hauptsächlich ich nach dem Segelkurs, abends oder nachts. Und unseren Unterrichtsraum müssen wir natürlich auch in Ordnung halten und am Donnerstagabend für die Prüfung vorbereiten. Schon wenn alles normal läuft, sind wir nach so einer Prüfungswoche urlaubsreif.

Ups! Die Schraube ist weg.

Bis Sonntagnachmittag sah alles so aus wie immer: Viel Arbeit, aber alles ging seinen Gang. Dann kam der Anruf von Bernhard: Die „Ina“, so heißt unser Motorboot, fährt nicht mehr. Der Motor läuft, aber Vortrieb gibt’s nicht. Das ist äußerst ungünstig, wenn man eine beachtliche Menge Kursteilnehmer auf die Prüfung vorbereiten will. Zum Glück ist das wenigstens erst passiert, als die letzte Gruppe des Tages an Bord war. Aber was nun? Auch für die folgenden Tage waren jede Menge Fahrstunden eingeplant. Bernhard und Ralf haben das Boot also noch am Sonntagnachmittag in die Werft schleppen lassen. Dort fuhr man auf Sparflamme, da der Chef und die meisten Mitarbeiter in Urlaub waren. Trotzdem haben sie das Boot am Montag aus dem Wasser gehoben. Und siehe da: Die Schraube war futsch. Einfach abgefallen, warum auch immer.

Nun liegen Schrauben nicht einfach irgendwo im Regal, können gekauft und drangebaut werden. Nein, erst mal muss man schauen, ob irgendwo eine zu diesem Bootstyp passende Schraube vorrätig ist, die man bestellen und sich schicken lassen kann. Ist das nicht der Fall, muss eine neue Schraube angefertigt werden. Nun war klar: Das dauert. Und unsere „Ina“ fällt für den weiteren Unterricht und die Prüfung am Freitag aus. Wir sind eine kleine, familiäre Segelschule und haben zwar für unsere Größe stattliche elf Boote – aber ein zweites Ausbildungs-Motorboot ist nicht dabei. Was also tun? Allen Teilnehmern absagen? Versuchen, irgendwo ein Mietboot aufzutreiben? Und Boot ist ja auch nicht gleich Boot. Jedes Boot verhält sich anders. Man muss die Manöver unterschiedlich fahren. Wer auf einem Boot gelernt hat, kann nicht sofort ein anderes genau so gut fahren, sondern muss sich erst daran gewöhnen.

Einsatz für den „Gummibär“

Am Ende hat Ralf sich für den „Gummibär“ entschieden. Das ist unser Begleitboot für die Segelkurse, ein Festrumpf-Schlauchboot mit Außenborder. Der liegt im Naturhafen Krummin auf der Insel Usedom und musste nun extra nach Wolgast gefahren werden. Der „Gummibär“ ist aber kleiner als die „Ina“, und die komplette Ausbildung mit allen Teilnehmern hätten wir mit ihm in der einenWoche nicht geschafft. Also hat Ralf seinen mühevoll aufgestellten Ausbildungplan in den Papierkorb geworfen und einen neuen Plan gemacht: Alle einheimischen Teilnehmer sollten ihre Fahrpraxis und die praktischen Motorbootprüfung auf den August oder einen anderen Monat verschieben. Nur die Feriengäste, die extra wegen des Kurses zu uns gekommen waren, haben auf dem Gummibär ihre Fahrstunden genommen und dann auch die Prüfung gemacht.

Es allen recht machen? Geht nicht.

Das wiederum hat die Mutter eines jugendlichen Kursteilnehmers von der Insel Usedom verärgert, die am Prüfungstag anrief und schnippisch fragte, mit welchem Maß wir eigentlich messen würden. Ihrem Sohn hätten wir gesagt, im Juli kann aufgrund des Schadens am Boot keine Ausbildung stattfinden. Und nun habe der Sohn gemerkt, dass doch einige Leute auf einem anderen Boot gefahren seien. Meine Argumentation, dass es sich ausschließlich um ein Notprogramm für Urlauber handelte, die nicht einfach in einem anderen Monat hunderte von Kilometern anreisen können, hat ihr nicht gefallen. Ihr Sohn hat im August Schule. Dann kann er die Prüfung nicht machen. Das hätten wir berücksichtigen müssen.

Manche Eltern sind echt anstrengend, und ich finde außerdem, ein Sechzehnjähriger kann auch schon ganz gut für sich selbst sprechen. Meine Eltern hätten sich da früher nicht eingemischt. Selbstständigkeit lernt man nicht unter dem Flügel einer Glucke. Sorry, jetzt bin ich vom Thema abgeschweift und habe vielleicht das eine oder andere fürsorgliche Elternteil geärgert. 😉

Zwischendurch mit Mama ins Hanse-Klinikum

Es gibt noch einen ganz privaten Grund, warum die Prüfungswoche im Juli eine Ausnahmewoche war. Bei meiner Mutter ist vor wenigen Wochen Krebs entdeckt worden, der möglichst schnell operiert werden sollte. Der Tumor war schon ganz schön groß. Meine Mama lebt im Pflegeheim und braucht Hilfe, wenn sie zum Arzt oder ins Krankenhaus muss. Am Donnerstag ist sie auf Anraten ihrer Ärztin ins Hanseklinikum in Stralsund gekommen, am Freitag war die Operation. Also habe ich mir den Donnerstag trotz Segelkurs frei genommen und bin nach Stralsund gefahren. Das ist nicht gleich um die Ecke, die Fahrt dauert eine gute Stunde, wenn kein Stau ist.

Eigentlich können wir uns Krankheiten und Operationen im Sommer nicht leisten. Hört sich blöd an, ist aber so. Trotzdem hätte ich meine Mutter nicht allein lassen können. Sie braucht mich bei den Arztgesprächen, und es ist auch besser, wenn ein vertrauter Mensch dabei ist, wenn sie sich schon in einer gänzlich ungewohnten Umgebung befindet. Zum Glück ist die Operation gut verlaufen, und schon zu Beginn der folgenden Woche konnte meine Mutter in ihr Pflegeheim zurück.

Am Ende war alles gut

Und auch die Sportbootführerschein-Prüfungen sind gut gelaufen, obwohl es mit den ganzen An- und Ummeldungen diesmal kompliziert und chaotisch war. Der Berg an Büroarbeit, den ich vor mir herschiebe, ist aber immer noch da. Wenn ich die älteren Anfragen, Anmeldungen und Buchführungsarbeiten erledigt habe, sind schon wieder neue da. 🙂 Aber so muss es ja auch sein, wir freuen uns natürlich, wenn viele Leute unsere Kurse buchen möchten.

Noch eine Frage zum Schluss

Eine Sache nervt mich aber manchmal trotzdem: Warum gibt es immer wieder Interessenten, die in ihren Mails oder am Telefon Fragen stellen, die wir auf unserer Homepage längst beantwortet haben? Kurstermine, Preise, Kursinhalt – steht alles auf der Seite. Trotzdem wird genau danach gefragt. Meist noch mit dem Hinweis: „Ich bin da gerade auf Ihrer Seite…“ Woran liegt das? Sind manche Menschen nicht mehr in der Lage, die Struktur einer Seite zu überblicken? Können sie nicht so viel Text lesen und mental verarbeiten? Oder sind sie einfach zu bequem dazu? Andererseits sagen uns viele unserer Teilnehmer, dass sie die Homepage sehr gut und informativ finden. Irgendwie passt das nicht zusammen.

Vor ein paar Jahren habe ich auf spiegel.de über einen Test gelesen, der Erkenntisse zum Textverständnis ganz normaler Bundesbürger liefern sollte. Die Probanden mussten einen kleinen Text lesen, in dem es um Kita-Öffnungszeiten und Organisatorisches ging, und danach Fragen zum Inhalt beantworten. Die Ergebnisse waren erschreckend.

So, jetzt bin ich schon wieder vom Thema abgekommen. Jetzt beende ich den Beitrag besser mal. Da wartet ja noch der Berg an Büroarbeit…

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