Als das Guillain-Barré-Syndrom in unserem Leben einschlug

Ich beginne diesen Text in einem Obstgarten in Plau am See in Mecklenburg. Es ist der 27. Juni 2026. Ein Klapptisch aus Holz, zwei Stühle. Einer ist leer. Auf der Wiese, vor den Johannisbeersträuchern, zwischen Schatten spendenden Bäumen, steht unser „Eisbär“, ein zum Wohnmobil ausgebauter VW-Bus. Die Vögel zwitschern um die Wette. Ganz nah der See mit dem Badesteg. Ich kann das Wasser plätschern hören, denn der Wind bläst von der anderen Seeseite und schiebt kleine Wellen ans Ufer. Ich bin allein, es ist warm. Eine idyllische Szene, und doch ist da diese Unruhe. Was mache ich hier? Eigentlich wollten wir doch segeln, mein Mann Ralf und ich, dreieinhalb Wochen lang auf der Ostsee wie so oft im Juni, unserem Reisemonat. Der Törn würde in diesen Tagen zu Ende gehen. Erholt wollten wir zurückkommen, entspannt und bestens vorbereitet auf die Hauptsaison in unserer kleinen Segelschule.
Und dann kam alles anders.
„Meine Beine fühlen sich irgendwie schwach an.“
Sonntag, 17. Mai. Der Sonntag vor Pfingsten. Für uns ist das ein normaler Arbeitstag, denn wir geben unsere Kurse oft dann, wenn andere Menschen frei haben. Heute Morgen steht für Ralf Theorieunterricht zum Sportbootführerschein See auf dem Programm. Es ist ein sonniger Tag, alles wie immer. Aber nicht ganz.
„Mir haben heute Nacht die Knie ein bisschen weh getan“, sagt Ralf noch vor dem Aufstehen. „Aber nur ganz leicht, es ist nicht schlimm.“
„Beide Knie?“, frage ich.
„Ja. Beide gleich. Das hatte ich noch nie.“
Dann steht Ralf auf.
„Komisch. Meine Beine fühlen sich irgendwie schwach an.“
Er geht ins Bad. Er sagt wieder, es sei nicht so schlimm, gehe sicher gleich vorüber.
Wir frühstücken eine Kleinigkeit, und Ralf geht zum Unterricht. Er muss nur die Treppe hinunter, 16 Stufen mit einem Absatz in der Mitte, und über den Hof, dann ist er in der Segelschule. Er geht etwas langsamer als sonst.
Ich habe frei und laufe eine Runde. Die ganze Zeit mache ich mir Sorgen.
Nach dem Unterricht kann Ralf kaum noch die Treppe hochsteigen
Gegen eins ist der Unterricht zu Ende. Ralf schleicht über den Hof wie ein sehr alter Mann – und kommt kaum noch die Treppe hoch. Wir sind uns einig: Ab ins Krankenhaus, in die Notaufnahme. Da stimmt etwas ganz und gar nicht.
Also wieder die Treppe. Ralf schafft es noch gerade so hinunter. Ab in den „Eisbär“, der auch unser Alltagsauto ist. Bis zum Wolgaster Krankenhaus sind es nur wenige Minuten.
Die junge Ärztin in der Notaufnahme lässt ein EKG machen, telefoniert mit der Neurologie in der Universitätsklinik Greifswald und ruft einen Krankenwagen.
„Wir können hier nichts tun“, sagt sie. „Ich habe keinen Neurologen hier.“
Die Sanitäter sind schnell da, verfrachten meinen lieben Ralf auf eine Trage und schieben ihn hinaus zum Wagen. Ich fahre nach Hause und packe eine Tasche: Poloshirts, Unterhosen, Zahnputzzeug, Duschgel, Handtücher, Tablet, ein Buch. Dann mache ich mich auf den Weg nach Greifswald. Es sind etwa 30 Kilometer; ich brauche 40 Minuten.
Warten in der Uniklinik
Eine lange Zeit sitze ich im Wartebereich der Notaufnahme. Schließlich darf ich kurz zu Ralf. Er liegt auf einer Liege in einem Raum, in dem auch noch ein anderer Patient wartet. Er soll in der Klinik bleiben, aber es ist noch kein Bett frei. Außerdem wollen sie alle möglichen Untersuchungen machen, auch ein CT und eine Lumbalpunktion, um herauszufinden, was er hat. Bei der Lumbalpunktion wird aus dem Lendenteil des Wirbelkanals Nervenwasser entnommen und auf bestimmte Marker untersucht. So können Erkrankungen festgestellt oder ausgeschlossen werden. Der erste Verdacht war ein Schlaganfall, doch der wurde rasch wieder zurückgenommen. Dazu passt nicht, dass Ralfs Symptome symmetrisch sind, also beide Beine gleichermaßen betreffen.
Der arme, arme Ralf. Was muss das für ein Gefühl sein, wenn man plötzlich nicht mehr laufen kann, wenn man noch nicht weiß, welche Krankheit da zugeschlagen hat, ob es schlimmer wird, wie es weitergeht. Doch Ralf wirkt so zuversichtlich und optimistisch wie immer.
Inzwischen ist klar, dass es dauern wird mit den Untersuchungen. Lange bei ihm bleiben darf ich nicht. Also beschließen wir, dass ich nach Hause fahre. Es ist schon spät. Als ich heimkomme, ist es dunkel.
Schlimme Stunden voller Angst
Es werden schlimme Stunden. Ich habe ganz fürchterliche Angst und möchte Ralf das nicht sagen. Mir ist permanent übel. Zwischen Brustbein und Bauchnabel herrscht ein ständiger Druck. Ich merke ihn während der Autofahrt, ich spüre ihn, als ich später zu Hause anfange, die Arbeitswoche vorzubereiten, ich fühle ihn bei jedem Atemzug. Das Atmen fällt schwerer als sonst. Ich kann nicht weinen, ich kann nicht schreien, all das ist wie gelähmt, aber irgendwie muss die Angst doch raus aus mir, sonst schnürt sie mir die Luft ab. Ich versuche, ruhig zu atmen. Ich zwinge mich, etwas zu essen. Denn jetzt brauche ich Kraft, damit nicht alles zusammenbricht.
Ab morgen werde ich doppelt arbeiten: Tagsüber gebe ich meinen Segelkurs und abends Ralfs Theoriekurs, der am Wochenende angefangen hat. Diesen Theoriekurs habe ich seit Jahren nicht gemacht, ich muss ihn also jeden Tag vorbereiten. Und morgen muss ich zwischen Segel- und Theoriekurs die Tische in unserem Unterrichtsraum umräumen, weil abends noch ein paar Kursteilnehmer hinzukommen. Ich bitte einen Freund um Hilfe beim Tischetragen. Er sagt sofort zu.
Kann man die Krankheit heilen, oder bleibt sie bis zum Ende?
Die Angst bleibt auch in der Nacht. Ich wache immer wieder auf, und sofort machen sich Druck und Übelkeit bemerkbar. Was hat Ralf nur für eine Krankheit? Wird es schlimmer werden? Kann man die Krankheit heilen, oder bleibt sie bis zum Ende? Ralf ist für mich der allerliebste und allerwichtigste Mensch der Welt. Wir hängen aneinander, wir harmonieren miteinander, wir sind am liebsten 24 Stunden am Tag zusammen, ohne dass wir einander einengen, kontrollieren oder stören. Ist er nicht da, ist alles nur halb. Ihm geht es genau so. Trotzdem tun wir auch Dinge allein, trennen uns mal für eine kurze Reise, haben sogar vier Jahre Wochenend-Ehe auf uns genommen, um die kleine Segelschule zu kaufen und zu bezahlen. Das war vor fast 20 Jahren. Es gab Krankheiten zwischendurch, auch Krankenhausaufenthalte, aber nichts davon war bedrohlich.
Und jetzt diese Angst. Die Krankheit hat Ralf gepackt, sie hätte mich packen können, die Angst wäre nicht größer.
Um nicht zu grübeln, lese ich ein Buch und schlafe zum Glück dabei ein.
Die Diagnose kommt schnell
Die Diagnose kommt schon am Montagmorgen. In der Uniklinik haben sie noch in der Nacht alle notwendigen Untersuchungen gemacht. Jetzt hat Ralf auch ein Bett in einem Krankenzimmer. Er liegt in der Post Stroke Unit; dort werden auch Neurologie-Patienten untergebracht. Ralf ruft mich an und erzählt, er schickt mir Links, damit ich mich informieren kann. Er sagt gleich das Allerwichtigste: „Die Krankheit ist heilbar.“ Der Druck lässt sofort etwas nach, ich kann freier atmen.
Ralf hat eine sehr seltene Autoimmunerkrankung, die laut Statistik nur einer von hunderttausend Menschen bekommt: das Guillain-Barré-Syndrom (GBS). Das Immunsystem produziert Antikörper, die das eigene Nervensystem angreifen. Es gibt unterschiedliche Varianten, doch oft beginnt die Krankheit mit einer Lähmung der Beine und schreitet dann nach oben fort. Im schlimmsten Fall kann der Patient sich überhaupt nicht mehr bewegen und muss sogar beatmet werden.
Was diese extreme Immunreaktion auslöst, ist nicht klar. Es gibt Krankheiten und Viren, die das GBS auslösen können. Dazu gehören unter anderem grippale Infekte, eine Darm-Infektion mit dem Bakterium Campylobacter Jejuni, außerdem das Epstein-Barr-Virus, das das Pfeiffer-Drüsenfieber auslöst, das Varizella-Zoster-Virus, dem wir die Windpocken und die Gürtelrose verdanken, und SARS-CoV-2. Auch nach Impfungen ist das GBS schon aufgetreten. Ralf hatte zehn Tage vorher eine Impfung gegen Gürtelrose und danach einen Schnupfen, der nur leicht war, aber erstaunlich lange blieb. Vielleicht war die Impfung der Auslöser oder Impfung plus Schnupfen.
Die meisten werden gesund – aber es dauert
Ich klicke Ralfs Links an, recherchiere im Internet. 80 bis 85 Prozent der GBS-Patienten werden wieder ganz gesund, lese ich dort. Doch das dauert. In der Regel mehrere Monate bis ein Jahr, manchmal auch länger. Das ist bei jedem Patienten anders. Wie auch das Tempo, in den die Krankheit voranschreitet. Bei Ralf war es ein Turbotempo: Der Samstag war ganz normal, am Sonntag wurden seine Beine stündlich schwächer. Seine Finger kribbeln, er kann Arme und Hände aber bewegen. Die Feinmotorik leidet.
Jetzt soll er Blutwäschen bekommen, so genannte Plasmapheresen, bei denen sein Blutplasma entfernt und durch neues Plasma ersetzt wird. Im Plasma stecken die schädlichen Antikörper, und die müssen weg, damit die Schädigung seines Nervensystems nicht fortschreitet. Fünf Plasmapheresen in zehn Tagen sind geplant.
Es hilft nichts, ich muss in den Segelkurs, und da sollte mir niemand die Belastung ansehen. Keiner bucht einen Segelkurs und nimmt sich Urlaub, um sich dann die Sorgen seiner Segellehrerin anzuhören. Der Kurs beginnt heute; bislang kenne ich noch keinen der Teilnehmer.
Bevor ich losfahre, sitze ich noch am Computer und beantworte E-Mails.
Am Montag kann Ralf nicht mehr laufen. Und ich renne im Hamsterrad
So geht die Woche für mich dahin: Büroarbeit ab etwa sieben Uhr, dann Segelkurs bis etwa 16 Uhr, dann den Theoriekurs zum Sportbootführerschein See für abends vorbereiten, von 17:30 bis etwa 21 Uhr Unterricht, dann noch aufräumen, gegen halb zehn abends komme ich nach Hause und mache mir etwas zu essen. Zwischendurch telefoniere ich mit Ralf. Am Montag kann er gar nicht mehr laufen. Er hat einen Rollstuhl und rollt damit ins Bad, wo er sich mit einiger Mühe ans Waschbecken stellen kann. Duschen geht nur im Sitzen. Zum Haarewaschen braucht er Hilfe, da in seinem Hals ein Zugang für die Plasmapheresen steckt, der nicht nass werden darf. Besuchen kann ich ihn nicht, denn ich habe einfach keine Zeit. Obwohl ich nichts lieber tun würde als zu ihm zu fahren.
Ich fühle mich wie ein Hamster im Rad, vollkommen vereinnahmt durch die Segelschule. Buchführung muss ich auch noch machen; Kunden rufen an und möchten beraten werden, und im Unterrichtsraum steht noch jede Menge Werkzeug und Malermaterial, das auf den Dachboden getragen werden muss. Denn in der unterrichtsfreien Zeit im Winter haben wir den Raum benutzt, um Bootszubehör zu pflegen und zu lackieren.
„Da kommt ein Päckchen für dich“
„Da kommt heute ein Päckchen für dich“, sagt Ralf am Telefon.
„Was für ein Päckchen?“, wundere ich mich.
Er tut geheimnisvoll. Ich bin sehr neugierig und kann es kaum erwarten, nachmittags nach Hause zu kommen und das Päckchen zu finden.
Es ist eine DVD. Ein Film mit dem Titel „Kein Ort ohne Dich“.
„Den Film habe ich neulich nachts gesehen, als ich nicht schlafen konnte“, erzählt Ralf. Es ist ein Liebesfilm. Ein junges Paar und ein alter Herr, der den jungen Leuten die Geschichte seiner großen Liebe erzählt. „Da gibt es Parallelen zu uns“, sagt Ralf.
Eine wunderschöne Liebeserklärung
Ich schaue den Film noch am selben Abend nach der Arbeit, obwohl es schon spät ist und ich früh wieder raus muss. Er ist herzerweichend und gleichzeitig ist er eine ganz besondere Liebeserklärung von Ralf.
Am Freitagnachmittag enden die Kurse mit den Segelschein- und Bootsführerschein-Prüfungen. Alles läuft gut.
Nach dieser Woche bin ich völlig platt. Aber ich freue mich auch, dass ich es geschafft habe und dass ich nun endlich Ralf besuchen kann. Außerdem muss ich einkaufen; mein Kühlschrank ist inzwischen ziemlich leer.
Endlich wieder zu Ralf
Gleich am Samstag fahre ich in die Uniklinik. Ralf ist guter Dinge, er fühlt sich dort gut aufgehoben. Inzwischen kann er wieder ein paar Meter gehen. Er hat dafür eine Art Riesenrollator, an dem er sich festhalten kann, den er anfangs auch benutzt hat. Allmählich geht es wieder ohne, aber der Weg in die Caféteria ist zu weit. Da schiebe ich ihn im Rollstuhl und gebe zwischendurch auch mal richtig Gas. Wir haben eine Menge Spaß miteinander und freuen uns einfach, dass wir zusammen sind. Und vor allem, dass es Ralf ganz allmählich besser geht.

Ich fahre jetzt fast jeden Tag zu ihm, denn in der Segelschule gebe ich bis Ende Juni keine Kurse. Eigentlich wollten wir ja Urlaub machen und das ist jetzt mein Glück. Denn so habe ich Zeit, die liegen gebliebene Büroarbeit nachzuholen, unseren Raum zu Ende aufzuräumen, mich um die Boote zu kümmern und unser Sommerprogramm neu zu organisieren. Ein paar Kurse muss ich absagen, denn alles schaffe ich alleine nicht. Zum Glück haben wir Volker, unseren Lehrer für den Unterricht auf dem Motorboot. Dieser soll auch im Juni stattfinden.
Schlechtes Gewissen ist nicht erlaubt
Nach zehn Tagen kommt Ralf zurück nach Hause. Jetzt wartet er auf einen Platz in einer Reha-Klinik. In der Wohnung kann er herumgehen, und auch die Treppe schafft er wieder. Doch er hat Schmerzen, kann nachts nicht durchschlafen, geht in der Wohnung auf und ab oder liegt oder sitzt auf dem Sofa und sieht fern. Trotzdem geht es jeden Tag ein bisschen besser. Ralf kämpft mit seinem schlechten Gewissen, weil er mich in der Segelschule und bei der Hausarbeit nicht unterstützen kann. „Du darfst kein schlechtes Gewissen haben“, sage ich. „Du hast nichts falsch gemacht. Für Deine Krankheit kannst du nichts. Also mach dir bitte keine Vorwürfe.“ Es fällt ihm schwer, denn er möchte so gerne helfen.
„Ich bin ein Bulldozer“
„Es tut mir so leid, dass du jetzt alles machen musst. Und dass du so viel Arbeit in der Segelschule hast. Das ist doch viel zu viel“, sagt er. Er hat recht. Es ist zu viel. Doch es ist zeitlich überschaubar; die Hauptsaison endet Mitte September. Ich bin verzweifelt, aber noch mehr als Verzweiflung spüre ich eine unbändige Kraft, dass ich es schon irgendwie schaffen werden. „Ich bin ein Bulldozer“, sage ich. „Notfalls walze ich alle Hindernisse platt. Hauptsache, du wirst wieder gesund.“
Alles in allem glauben wir, dass es jetzt aufwärts geht. Zwar langsam, aber es wird schon werden. Rückfälle sind sehr selten, treten nur bei etwa drei bis fünf Prozent der Patienten auf.
Wir haben uns zu früh gefreut.
Nach zehn Tagen geht es wieder los
Ralf ist zehn Tage zu Hause, da geht es wieder los. Plötzlich kann er kaum noch gehen. Also alles wieder von vorne. Besuch beim Hausarzt, Einweisung in die Uniklinik, erneut fünf Plasmapheresen. Meine Angst ist auch wieder da. Was, wenn es jetzt immer so weitergeht? Ich versuche, positiv zu denken. Auf keinen Fall will ich mir ausmalen, was werden soll, wenn er sich nicht erholt. Wenn er nie mehr in der Segelschule arbeiten kann. Und tatsächlich schaffe ich es, solche Gedanken ganz und gar auszublenden. Was nicht typisch für mich ist. Ich bin ganz groß darin, mir Katastrophenszenarien auszudenken. Diesmal nicht. Das würde ich gar nicht aushalten. Ralf ist zum Glück nicht so. Er ist positiv und zuversichtlich und hat eine beneidenswerte innere Ruhe.
Was ganz wunderbar ist: Viele Menschen bieten ihre Hilfe an. Nachbarn, Freunde, Bekannte. Sie sagen, ich soll mich melden, wenn ich jemanden brauche. Das ist sehr schön, und ich fühle mich gut aufgehoben. Doch meinen Segelunterricht für den Sommer kann niemand von ihnen übernehmen, und auch viele andere Arbeiten in der Schule lassen sich nicht an Außenstehende delegieren.
Eigentlich sollte es ein ganz besonders schöner Sommer werden
Der Sommer 2026 sollte eigentlich unser Sommer werden. Auf diesen Sommer haben wir uns ganz besonders gefreut. Am 27. Juli haben wir Silberhochzeit und wollten diese in Hamburg feiern, wo wir uns kennengelernt und geheiratet haben. Ich storniere das Hotel, und wir sind beide ein bisschen traurig. Aber nicht zu sehr: Wir verschieben die Reise auf den Sommer 2027 und hoffen, dass uns dann keine Krankheit und nichts anderes dazwischenkommt.
Im August habe ich Geburtstag, und weil es ein runder ist, haben wir Fähre, Bahnfahrt und ein schönes Hotelzimmer in Stockholm gebucht. Bis dahin ist noch etwas Zeit. Diese Reise storniere ich erst mal nicht.
Auch das noch: Motorschaden in der Segelschule
Drei Tage vor der Sportbootführerschein-Prüfung im Juni geht unser Motorboot kaputt. Es muss ein neuer Wärmetauscher her. Die Werft bestellt ihn in Dänemark, doch das Teil kommt und kommt nicht. Der Motorboot-Kurs ist voll, doch ich muss die Prüfung absagen. Tagelang rotiere ich, trete wie eine Irre im Hamsterrad, organisiere einen Ersatz-Prüfungstermin außer der Reihe, schreibe einen neuen Stundenplan, muss den Ersatztermin absagen und den Stundenplan in den Mülleimer werfen. Manchmal möchte ich am liebsten die Segelschule abschließen, den Schlüssel wegwerfen und schreiend wegrennen.
Ich tue es nicht.
Ralf bekommt nach den Plasmapheresen jetzt noch zwei Infusionen mit Immunglobulinen. Das ist eine alternative Behandlungsmöglichkeit beim Guillain-Barré-Syndrom. Die Ärzte wollen sicher gehen, dass sich die Symptome bei ihm nicht erneut verschlechtern. Deshalb soll er ein halbes Jahr lang alle vier bis sechs Wochen diese Infusionen bekommen. Er kann auch wieder ganz gut gehen und schafft es in der Uniklinik ohne Rollstuhl bis in die Caféteria. Einen Reha-Platz hat er jetzt auch. Am Mittwoch wird er in Greifswald entlassen, und am Freitagmorgen holt ihn der Fahrdienst ab zur Reha in Plau am See.
Endlich ein bisschen Zeit. Auf nach Plau!
Der Wärmetauscher für das Motorboot ist angekommen und wird jetzt eingebaut. Die nächste Sportbootführerschein-Prüfung ist Mitte Juli. Bevor die Kurse losgehen, habe ich ein paar Tage Zeit. Ich bereite also den „Eisbär“ vor, suche mir im Internet einen Stellplatz in Plau aus, wische einmal durch den Wagen, bunkere Wasser und packe Bettzeug, Handtücher und ein paar Sachen ein. Am Samstag starte ich früh in Richtung Plau, um wenigstens ein paar schöne Stunden mit Ralf zu verbringen, bevor die Saison in der Segelschule so richtig durchstartet.
Ein wunderschöner Sonntag

Wir haben den ganzen Sonntag zusammen und gehen in Plau spazieren. Ein paar Stunden verbringen wir in einem schönen Lokal an der Elde. Die Sonne scheint, es ist warm und wunderschön zu zweit. Für Montagnacht bekomme ich sogar ein Zimmer in der Reha-Klinik. Und am Dienstagmorgen fahre ich nach Hause.
Denn bevor die Hauptsaison in der Segelschule so richtig los geht, möchte ich zum 40-Jahre-Abi-Treffen nach Remscheid fahren. Das ist am Freitag. Das lässt sich ja nicht nachholen, und ich war seit damals nicht mehr in meinem alten Gymnasium. Also steige ich am Donnerstag früh in den Zug und bin abends tatsächlich fast pünktlich da. Meine Freundin holt mich am Bahnhof ab. Und am Samstag geht’s schon wieder zurück. Auch da fahren alle Züge, und ich bin abends wie geplant wieder in Wolgast.
Jetzt arbeite ich drei Wochen durch und kann Ralf leider bis zum Ende der Reha nicht mehr besuchen.
Und wieder kommt ein Päckchen
„Da kommt bald ein Päckchen“, sagt er ein paar Tage später am Telefon.
„Was ist drin?“
„Sag ich nicht. Aber es ist für dich.“
Das Paket wird gebracht. Es ist quaderförmig und leicht, und als ich es aufreiße, sehe ich drinnen erst mal Papier und dann diese Styropour-Chips, die den Inhalt schützen sollen. Im Paket ist noch mal ein kleiner Pappkarton und darin – ein gelber Caterpillar-Spielzeugbulldozer. Ich muss furchtbar lachen. Das ist sooooo sehr Ralfs Humor. Ich mache ein Foto von dem Teil und schicke es Ralf per WhatsApp mit einem Smiley, der Tränen lacht.

Ralf ruft an. „Der kleine Bulldozer soll uns immer an diese doofe Zeit erinnern, mein geliebter Bulldozer“, sagt er zu mir.
Ralf ist wieder zu Hause
Inzwischen ist der Juli fast vorbei. Ralf ist wieder zu Hause und erholt sich weiter. Ich habe zum ersten Mal den Kurs zum Segelschein Yacht gegeben, den Ralf erarbeitet und schon einige Male gemacht hat. Das war neu für mich und manchmal auch ganz schön aufregend, weil ich mit den Abläufen noch nicht so vertraut bin. Aber alles hat geklappt, obwohl ein paar anstrengende Starkwindtage dabei waren. Meine privaten Projekte – ein Buch schreiben, Klavier und Gesang üben, Familienforschung betreiben – ruhen derzeit fast vollständig. Nur für diesen Blogbeitrag habe ich mir Zeit genommen, denn ich hatte einfach das Bedürfnis, diese Geschichte zu erzählen.
Die meisten Menschen erleben Ähnliches
Wir sind ja nicht allein mit solchen Problemen: eine schlimme Krankheit, die Angst, das Abwarten, die Geduld. Wer von unseren gleichaltrigen oder älteren Freunden und Verwandten ist nicht betroffen, hat nicht schon Ähnliches durchgemacht oder macht es gerade durch? Es geht nicht immer gut aus. Es sind nicht mehr alle da, auch Gleichaltrige nicht, auch Jüngere nicht. Aber es geht auch nicht immer schlecht aus. Mut und Hoffnung, Zuversicht und Optimismus lohnen sich. Manchmal sind sie so leicht zu fühlen. Und dann wieder gewinnt die Angst.
Wie können wir mit der Angst umgehen?
Wie weit wollen wir uns die Zukunft vorstellen? Welche Gedanken lassen wir zu? Welche besser nicht? Wenn böse Gedanken kamen, hat es mir geholfen, ihnen in Gedanken ein Stoppschild aufzustellen. Stopp, aus, keinen Schritt weiter! Diesen Gedanken nicht zu Ende denken. Das hat funktioniert.
Kann man Geduld lernen? Kann man lernen, keine Angst zu haben? Denn sie ist ja in diesem Fall kein guter Ratgeber.
Ich bin ein rationaler Mensch, aber wie gut funktioniert die Ratio bei starken Emotionen? Wie viel Ratio geht überhaupt?
Wie schaffen wir es, ruhig zu bleiben, wenn wir nur abwarten können und noch keine Gewissheit haben, wie es weitergeht?
Seien wir achtsam und machen das Beste aus unserem Leben
Dass Ralf gesund wird, ist das Allerwichtigste. Und selbst wenn er es nicht würde, so würden wir immer versuchen, das Beste aus unserem Leben zu machen. Zusammen sein und zusammen alt werden, das wollen wir. Wir wollen uns selbst gegenüber achtsam sein, Unzulänglichkeiten zulassen und offen darüber sprechen. Wir gönnen uns Auszeiten und lassen uns auch mal fallen. Eine Freundin, deren Mann ebenfalls schwer krank geworden ist, gab uns den Rat: „Man darf auch mal zusammen heulen, wenn man nicht weiter weiß.“ Sie hat recht. Aber wir hatten dieses Bedürfnis bisher nicht. Statt dessen haben wir in den vergangenen Wochen zusammen gelacht, wann immer wir einen Grund dazu fanden.
Ab August wird Ralf ganz allmählich wieder anfangen zu arbeiten. Erst mal bleibt es beim Bürojob, zwei Stunden am Tag. Denn sein Gleichgewichtsgefühl ist noch sehr unsicher, so dass er nicht auf einem Boot Unterricht geben kann.
Und dann wird seine Arbeitszeit im Laufe der Wochen langsam gesteigert. Im Oktober will er wieder voll einsatzfähig sein. Wir werden sehen, ob das klappt und wünschen uns, dass er wieder ganz gesund wird.
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Liebe Katja, lieber Ralf,
alles Liebe und Gute zur Silberhochzeit!
Ihr schafft das – logisch: Bulldozer und Optimismus, das ist alles, was es braucht.
❤️
Liebe Katharina, ganz herzlichen Dank für Deine lieben Wünsche. Wir hatten einen sehr schönen Tag, auch wenn er anders war als ursprünglich geplant.
Liebe Katja du hast wieder einmal sehr gut geschrieben, den Kummer, die Sorgen um den geliebten Ehemann, es ist mehr als nur schwer und dann noch alles am laufen halten! Du hast es gut geschafft, aber du musst auch gut auf dich selbst aufpassen!!!
Wir wünschen Ralf baldige Genesung und das er wieder richtig fit wird.
Euch wünschen wir für die nächsten 25 Ehejahre
Glück -Liebe – Gesundheit-
und ganz viele glückliche Momente!!!
Eure Honsberger
Hallo Ihr lieben Honsberger, ganz herzlichen Dank für Eure netten Worte. Ralf geht es langsam immer ein bisschen besser, und wir hoffen, dass es so weitergeht. Liebe Grüße
Liebe Katja, vielen Dank für die wunderschönen Zeilen, die mich sehr berührt haben… Fühlt Euch beide umarmt von mir. Herzlichst, Sonja
Liebe Sonja, ganz lieben Dank für Deinen schönen Kommentar und die Umarmung. Wir sind zuversichtlich, dass Ralf gesund wird. Liebe Grüße
Liebe Katja, es ist lange her, dass ich euch in eurer schönen Segelschule besucht habe. Nicht oft bin ich so herzlich, freundlich und meistens mit Gebäck im Strandkorb empfangen worden. Danke für die Zeilen, die mich berührt haben. Richte Ralf bitte gute Besserung aus, dass ist jetzt das Wichtigste! Wenn ich irgendwie unterstützen kann, lass es mich gerne wissen…
Liebe Grüße aus Frankreich
Georg (DK)
Lieber Georg, das war ja eine schöne Überraschung, von Dir zu lesen. Ganz herzlichen Dank für Deine netten Worte und guten Wünsche. Du hast recht, das Wichtigste ist, dass es Ralf besser geht. Und zurzeit ist es auch so: Es geht langsam bergauf. Wir sind zuversichtlich. Liebe Grüße von uns beiden, und lass es Dir gut gehen in Frankreich.
Was für eine Geschichte aus Eurem Leben. Ergreifend, berührend, voller Liebe, voller Humor. Alles Liebe für Euch! ❤️💐🌹
Dankeschön, lieber Frank!