Ein kleiner Nachtrag oder die Entdeckung der Langsamkeit

In meinem Beitrag vom 11. Februar habe ich mich gefragt, warum die Corona-Inzidenzzahlen in unserem Landkreis Vorpommern-Greifswald so bemerkenswert schlecht sind. Das ist noch immer so: Auf der Homepage des NDR sind heute die Zahlen vom 13. Februar, also vom gestrigen Samstag, zu sehen. Während alle anderen Landkreise in Mecklenburg-Vorpommern längst bei weit unter 100 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche liegen, einige sogar schon bei unter 50 und Rostock wunderbar dasteht mit 20,1, liegen wir hier bei 188,0.

Das hat zur Folge, dass hier die meisten Kinder nach den Winterferien noch immer nicht zur Schule gehen werden. Und möglicherweise bleiben auch die Friseure in unserem Landkreis nach dem 1. März weiterhin geschlossen. Es gibt schon Aufforderungen an die Nachbarkreise, darauf zu achten, dass Menschen aus unserem Kreis dann nicht dort zum Friseur gehen. Wenn das so weiter geht, sind wir bald die Geächteten, und die Nachbarn wollen nicht mehr, dass wir zu ihnen rüberfahren.

Aus der Ostsee-Zeitung vom 12. Februar. Die Highlights habe ich mit Leuchtstift markiert.

Die Ostsee-Zeitung hat sich in der Freitagsausgabe der Problematik mit unseren hohen Inzidenzwerten angenommen, und dort habe ich einige bemerkenswerte Dinge gelesen. Wenn ich ein Ranking für Fehler und Versäumnisse aufstellen würde, hätte ich einen glasklaren Favoriten: das, was dem Industrie- und Umweltlaboratorium Greifswald widerfahren ist. Eine Mitarbeiterin dieses Laboratoriums wurde im Januar positiv getestet – und es dauerte geschlagene sechs Tage, bis das Gesundheitsamt die erste Kontaktperson anrief. (Im oben abgebildeten OZ-Text steht „Mitarbeiter“. In einem weiteren Artikel zum Thema ist aber ausdrücklich von einer „Mitarbeiterin“ die Rede.)

Chef bittet selbst um Benachrichtigung der Kontaktpersonen

Und das ist noch nicht die ganze Geschichte. Die OZ hat am Freitag noch einen zweiten Bericht veröffentlicht, in dem es ausschließlich um den Fall des Industrie- und Umweltlaboratoriums geht. Der Geschäftsführer des Laboratoriums habe selbst mehrmals beim Gesundheitsamt angerufen und um die offizielle Benachrichtigung der Kontaktpersonen gebeten, heißt es dort. Eine Reaktion seitens des Amtes gab es laut OZ auf die Anrufe nicht. Erst eine E-Mail an die Amtsleiterin und den Landrat habe schließlich Bewegung in die Angelegenheit gebracht.

Da die Mitarbeiter des Laboratoriums – also die Kontaktpersonen der positiv getesteten Frau – nach deren Testergebnis sofort in Quarantäne gegangen waren, lag der Betrieb lahm. Um die Arbeit wieder aufnehmen zu dürfen, mussten die Mitarbeiter negativ getestet werden. Um aber diesen Test überhaupt machen zu können, ist laut OZ der offizielle Anruf des Gesundheitsamtes Voraussetzung.

Nun hat das Laboratorium seine Mitarbeiter selbst in Quarantäne geschickt und dem Gesundheitsamt sämtliche Kontaktdaten übergeben. Das finde ich vorbildlich. Dass es in einem so gut organisierten Fall – und auch noch trotz der bittenden Anrufe des Geschäftsführers – noch so viele Tage dauert, bis das Amt den ersten Anruf tätigt, finde ich schlichtweg peinlich.

Nicht nur peinlich, sondern gefährlich

Und nicht nur peinlich, sondern gefährlich. Was bitte passiert denn in den Fällen, in denen die Betroffenen sich nicht in Erinnerung bringen? Wie lange dauert es dann, bis das Gesundheitsamt seine Arbeit getan hat? Zwölf Tage? 14?

Sechs Tage vergingen in dem beschriebenen Fall bis zum ersten Anruf, drei weitere bis zum letzten. Eine herrlich lange Zeit, um weiterhin in Geschäfte, in Arztpraxen, zu den Eltern oder wer weiß wohin zu gehen und das Virus zu verteilen. Vor allem, wenn man selbst gar nicht weiß, dass man Kontaktperson ist. Wer trägt die Verantwortung, wenn sich in der Zeit jemand ansteckt und dann an dem Virus stirbt?

Auf die langsame Reaktion seines Gesundheitsamtes angesprochen, hat der Landkreis einen Teil der Verantwortung von sich abgewälzt. Jedenfalls steht es so in der Ostsee-Zeitung: „Der Kreis Vorpommern-Greifswald verweist hingegen darauf, dass jeder Positiv-Getestete unabhängig von der Information der Verwaltung auch selbst dazu aufgefordert sei, seine Kontakte zu informieren.“
Ich gratuliere zu dieser genialen Ausrede.

Langsamkeit von Amts wegen ist tabu

Denn wie wir alle wissen und zu Pandemie-Zeiten auch sehr gut beobachten können, ist es um Mündigkeit, Verantwortungsbewusstsein und mitunter auch die Möglichkeiten der Bürger sehr unterschiedlich bestellt. Es gibt Menschen, die alles tun, um Schaden von anderen abzuwenden. Es gibt aber auch andere, die mit der Situation überfordert sind und deshalb gar nicht angemessen reagieren können. Und dann gibt es die, die den Ernst der Lage leugnen und denen es vollkommen egal ist, ob und wie sie sich und andere gefährden. Es ist also leider keine gute Idee, sich auf die Bürger zu verlassen.

Langsamkeit von Amts wegen ist in der derzeitigen Situation tabu. Welche Ursachen dieser Verfehlung zugrunde liegen – ob nun Personalmangel, fehlende technische Ausstattung, organisatorische Probleme oder etwas anderes – weiß ich nicht. Fest steht für mich aber, dass ein solcher Missstand behoben werden muss. Und zwar sofort.

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1 Kommentar

  1. Liebe Katja!
    Du hast teilweise recht. Ganz kann ich Dir nicht folgen. Ich schränke meine Kontakte zu den Mitmenschen nicht ein. Im Gegenteil, ich intensiviere sie jeden Tag. Das ist mein Beruf. So weiß ich auch, was die Menschen da draußen wirklich bewegt. Ich erfahre das jeden Tag.
    Ja, es gibt die Angst vorm Virus. Aber es gibt auch die Angst vor Verarmung und die Angst vor einem gnadenlosen Überwachungsstaat. Und alle Ängste sind gleichberechtigt zu behandlen. So habe ich das an der Uni gelernt. In einer Demokratie muß eine friedliche Kommunikation funktionieren. Nichts ist alternativlos. Miteinander reden ist das Tagesmotto. Gruß von Dr. Joe

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