Kann man eine Landschaft erben?

Ein paar Gedanken über das Leben in Pommern – und warum es für mich etwas Besonderes ist

Endlich Frühling! Hier in Pommern lässt er sich ja immer ein bisschen mehr Zeit, aber in diesem Jahr kam er besonders spät. Die meisten Tulpen auf unserem Balkon sind erfroren, bevor sie blühen konnten. Ständig wehte ein kalter Wind. Erst jetzt, im Mai, sind die Bäume richtig grün geworden. Der Raps blüht. Die wärmeren Tage werden mehr. Plötzlich ist die Landschaft voller Farben. Zu dieser Zeit gehört es für mich zu den schönsten Erlebnissen, durch Wald und Feld zu laufen, nie weit vom Wasser weg, und immer wieder neue Aussichten zu genießen. Natürlich bin ich auch sehr gern auf dem Wasser unterwegs – aber genau so wichtig sind mir die Streifzüge durch die Landschaft. Mit diesem Pommern, dem „Land am Meer“ – das bedeutet der Name wörtlich übersetzt – hat es für mich etwas Seltsames auf sich.

Ein Frühling, in dem sich Sonne und Regen abwechseln – mit wunderbaren Farben.

Ich spüre eine starke Verbundenheit mit dieser Landschaft. Sie lässt in mir etwas anklingen, das andere Menschen vielleicht Heimatgefühl nennen würden. Ich meine damit Menschen, die wirklich ein solches Gefühl für ihre Heimat empfinden. Aber Pommern ist ja gar nicht meine Heimat. Aufgewachsen bin ich im Bergischen Land, hunderte Kilometer südwestlich von hier, eben ganz weit im Westen der alten Bundesrepublik. Das Bergische Land ist mir natürlich vertraut, doch ein Heimatgefühl im engeren Sinne habe ich dafür nie gehabt. Woher also stammt die Bindung an eine Landschaft, in die ich doch nur zugereist bin?

Einsame Alleen, endlose Felder. Und dazu dieser…
… wunderbare weite Himmel. Und immer wieder…
… Wasser. Hier der Blick von der Peenebrücke in Wolgast.

Da hat es früher andere Landschaften und Städte gegeben; ich habe in Bonn gelebt, in Münster, in Hamburg, in der Altmark. Doch wie gut ich all diese Regionen auch kennengelernt habe, wie gern ich auch dort war – eine tiefere Beziehung dazu habe ich nicht. Eigentlich war ich immer auf der Suche.

Meine Empfindung war immer die Heimatlosigkeit

Ich gehöre zu der in den vergangenen Jahren viel untersuchten und beschriebenen Generation der Kriegsenkel, und da gibt es ja eine ganze Reihe von Erscheinungen, Defiziten und lange unverarbeiteten Empfindungen. Meine war immer die Heimatlosigkeit. Das Nirgendwohingehören als Basis für ein ganzes Leben. Damit meine ich nicht, dass es keine Menschen gibt, zu denen ich gehöre. Die gibt es sehr wohl, ich bin bei liebevollen Eltern aufgewachsen, ich habe einen wunderbaren Mann und liebe Verwandte und Freunde. Aber den einen Ort, an dem meine Wurzeln liegen, habe ich nicht.

Jetzt also Pommern. Seit ich mit Anfang 20 von zuhause ausgezogen bin, habe ich in keiner Region so lange gelebt wie hier. Es sind jetzt schon über zehn Jahre, und ich habe nicht das Bedürfnis, woandershin zu gehen. Dabei wollte ich, als ich jung war, immer in der Großstadt wohnen. Kein Gedanke, aufs Land zu ziehen. Um Himmels willen! Hätte mir das einer vor 30 Jahren vorgeschlagen, hätte ich ihn wohl ausgelacht. Wie kommt es nun, dass mich diese sanften Hügel, die riesigen Felder, die Wälder, das Wasser und der weite Himmel so berühren? Kann man eine Landschaft erben? Von Generationen, die man selber nie kennengelernt hat?

Mein Vater ist im März 1940 in Kolberg geboren. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er zu einem großen Teil im Haus seiner Großeltern mütterlicherseits im Dorf Podewils in Hinterpommern, etwa 50 Kilometer von Kolberg entfernt. Die Familie Bielitzki war groß; meine Urgroßeltern hatten sieben Kinder, und jeder spielte ein Instrument. Alle zusammen waren sie die „Kapelle Edelweiß“ und traten – die Jungs lustigerweise in Lederhosen – auf vielen Festen in den Dörfern der Gegend auf. Bevor mein Urgroßvater als Obermelker auf dem Gut Podewils anfing, lebte die Familie im Dorf Mersin bei Köslin, noch ein Stück weiter östlich.

Macht offenbar Spaß: Mein Papa trommelt am Schlagzeug der Kapelle Edelweiß.

Sehnsucht nach dem „versunkenen Land“

Meine Großeltern haben viel erzählt, und ich habe viel gefragt. Ich weiß, dass mich das von anderen Kriegsenkeln unterscheidet, in deren Familien geschwiegen wurde. Oft beharrlich geschwiegen. Bei Oma Hilde und Opa Walter nicht. Ich bin aufgewachsen mit Geschichten aus Pommern und auch aus der früheren Grenzmark Posen-Westpreußen an der Warthe, aus der mein Opa stammt. Als Kind und Jugendliche hatte ich Sehnsucht nach diesen Orten. Ich wollte sie sehen und wissen, wie sich das Leben dort anfühlte. Doch das ging nicht, sie lagen im versunkenen Land. So habe ich das für mich im Stillen genannt. Das „versunkene Land“, das es nicht mehr gibt und wo man auch nicht hinfahren kann. Versunken im Strom der Geschichte.

Astrid Lindgren schreibt in ihren Kindheitserinnerungen vom „entschwundenen Land“, vom „Pferdezeitalter“, von einer Zeit, die vergangen ist und dabei das Land und das Leben, wie es damals war, mitgenommen hat. Das trifft natürlich auch für das Land und Leben meiner Urgroßeltern und die Jugend meiner Großeltern zu. In das Leben von damals kann man nicht zurückkehren, man kann es sich aber vorstellen. Wer einen Eindruck von Astrid Lindgrens „versunkenem Land“ bekommen will, konnte und kann jederzeit nach Småland fahren und sich Landschaft und Häuser ansehen. Ich konnte damals aber nicht nach Pommern fahren. Schon gar nicht nach Hinterpommern. Damals lagen all diese Orte hinter dem Eisernen Vorhang und waren für mich schlicht nicht zugänglich. Das wiederum machte sie ganz besonders geheimnisvoll.

Inzwischen bin ich längst in Hinterpommern gewesen. Im Sommer 2009 sind Ralf und ich mit einem kleinen Schwarz-Weiß-Foto durch Podewils – es heißt heute Podwilcze – gezogen und haben das Haus meiner Urgroßeltern gesucht. Wir haben Menschen auf der Straße das Bild gezeigt, auf dem mein Papa als kleiner Junge neben meiner Großtante Herta auf der Treppe vor dem Haus steht. Doch niemand konnte oder wollte das Haus erkennen.

Ungefähr 80 Jahre her: der kleine Kurt mit Tante Herta auf der Treppe vor dem Haus.
Das Haus wurde verputzt, die Fenster verändert. Aber Tür und Treppe sind gut zu erkennen.

Geholfen hat schließlich Oma Hilde. Ich habe mich vor das Rentamt in der Dorfmitte gestellt und sie mit dem Handy angerufen. „Hallo Oma, wir stehen hier in Podewils vor dem Rentamt und suchen euer Haus. Wo muss ich langgehen?“ Sie hat sich total gefreut. „Nein, wirklich! Da ruft mich tatsächlich jemand aus Podewils an! Da hätte ich nie mit gerechnet.“ Sie beschrieb mir den Weg, es war nicht weit. Podewils ist klein, es gibt nur drei Straßen.

Das alte Rentamt in Podewils. Zu dem Storch auf dem Dach gibt es eine lustige Geschichte. Als mein Vater zwei Jahre alt war, wurde sein Bruder Peter geboren. Man sagte ihm, der Storch habe ihn gebracht. Der kleine Kurt wollte aber kein Brüderchen. Er lief zum Rentamt und schrie zum Storchennest hinauf, man möge den Bruder gefälligst wieder abholen.

Mit Papa in Podewils – eine Rückkehr nach 71 Jahren

Sieben Jahre später waren wir mit meinen Eltern noch einmal dort, und mein Vater hat das alte Haus wiedergesehen. Es hatte schon bei unserem ersten Besuch leergestanden; nun hatte der Verfall eingesetzt. Ein netter junger Mann, den mein Vater ansprach, erzählte uns, das Haus gehöre der Kirche. Am liebsten wäre ich hineingegangen in das baufällige Haus. Ich habe mich nicht getraut. Das tut mir heute noch leid.

In unserem Wohnzimmer hängt ein Bild, das Oma Hilde einst aus der Erinnerung gemalt hat. Es zeigt das Haus der Familie in Podewils. Sie hatte ein gutes Gedächtnis, man erkennt es wieder. Die Backsteinmauern wurden später verputzt, und ein Fenster wurde zugemauert, ein weiteres vergrößert. Doch anhand der Umgebung und anhand des Schattens zur Mittagszeit konnten wir es eindeutig identifizieren.

71 Jahre nach der Flucht: Papa steht am Gartentor des Hauses, in dem er seine ersten Lebensjahre verbrachte. Mit dabei sind Ralf und meine Mutter.

In Hinterpommern liegen die Dörfer weit auseinander. Man muss mitunter lange durch den Wald fahren, bevor man die nächste Ansiedlung erreicht. Bei uns in Vorpommern geht es ein klein wenig enger zu, aber so viel macht es nicht aus. Auch hier findet man viel Landschaft mit wenigen Menschen. Gegenden wie der Lieper Winkel auf der Insel Usedom zum Beispiel könnten genau so gut in Hinterpommern liegen. Wenn ich in dieser Umgebung unterwegs bin, fühle ich mich eingefügt in ein Ganzes.

Ein menschliches Bedürfnis: das Finden von Wurzeln und Wegen

Es geht hier viel um Erde. Um Land und Scholle und solche Dinge. Aber um Besitz geht es mir dabei nicht. Ich möchte einfach die Orte spüren, von denen ich schon so viel gehört habe, an denen meine (Ur)urgroßeltern lebten und meine Geschichte begann. Ich glaube, das Finden von Wurzeln und Wegen ist ein urmenschliches Bedürfnis. Da ist ja nicht nur Pommern. Ich möchte mir auch das Land an der Warthe ansehen, das die Familie der Mutter von Opa Walter jahrhundertelang bewirtschaftete und wo mein Opa schon als kleiner Junge die Ochsen einspannen und pflügen musste.

Meine Vorfahren kamen aus allen möglichen Gegenden. Auch aus Ostpreußen, aus Schlesien, aus Sachsen und natürlich aus dem Rheinland. Einige trugen slawische Namen: Bielitzki, Murawski, Sobczak und noch ein paar mehr. Schon lange vor meiner Zeit gab es in dieser Familie Wandervögel. Und jede Menge interessanter Geschichten. Auch eine Legende gibt es und ein Rätsel, das ich gerne lösen möchte. Doch das will ich jetzt und hier nicht weiter vertiefen. Vielleicht mache ich eines Tages ein Buch daraus. Einige Texte sind bereits fertig.

Mit dem Kassettenrekorder zum Interview

Ich bin den Eltern meines Vaters und auch meinen Eltern sehr dankbar, dass sie offen waren für meine Fragen. Ungezählte Male saß ich bei Oma und Opa im Wohnzimmer und hörte den Berichten von früher zu. Sie haben keine rosa gefärbten Geschichten voller Heimatkitsch erzählt, sondern ich denke, sie haben tatsächlich versucht, alles so darzustellen, wie es war oder wie sie sich daran erinnerten.

Ende der 90-er Jahre habe ich mit Oma Hilde und Opa Walter Kassetten aufgenommen. Sie haben von ihren Eltern und Geschwistern erzählt, von Leben in ihrer Kindheit und Jugend, von der Zeit, in der sie sich kennenlernten. Dazu haben sie alles auf den Esszimmertisch gelegt, was sie bei der Flucht aus der alten Heimat mitnehmen konnten. Eine Reihe von Fotos und sogar alte Geburts- und Heiratsurkunden meiner Urgroßeltern waren dabei. Es war allerhöchste Zeit für die Interviews. Opa Walter ist im August 1999 gestorben. Seine Stimme und seine Geschichte sind mir geblieben.

Meine Oma hat noch bis 2017 gelebt, sie wurde fast 100 Jahre alt. Auf die Bitten ihrer Kinder hin hat sie ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben bis zu der Zeit, in der die Familie Anfang der 50-er Jahre in Remscheid ein neues Zuhause fand. Auch mein Vater hat seine Geschichte aufgeschrieben. So liegen die alten Erinnerungen nun bei mir im Vertiko, und ich finde, das gehört zu dem Besten und Wertvollsten, was mir diese geliebten Menschen hinterlassen haben. Mein Vater ist voriges Jahr gestorben. Drei Monate danach habe ich darüber einen Beitrag für diesen Blog geschrieben.

Ein Einschnitt, der über mehrere Generationen wirkt

Niemand kommt aus dem Nichts. Alle Menschen gehören in ein Gefüge, ein Geflecht, das sich zusammensetzt aus ihren Vorfahren und aus deren Landschaften, Erlebnissen und Erfahrungen. Zu allen Zeiten haben Menschen ihre Heimat verlassen und sind weitergezogen. Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, ob jemand freiwillig geht und zurückkommen kann oder ob das nicht so ist. Dieser tiefe Einschnitt – dass meine Vorfahren nicht zurückkommen konnten, sofern sie den Krieg überhaupt überlebten – hat in meinem Unterbewusstsein immer eine große Rolle gespielt. Obwohl ich erst zwei Generationen später zur Welt gekommen bin.

Eingebunden in die Landschaft – ich bin eben doch ein Bauernkind.

Vielleicht trägt jeder Mensch die Landschaft seiner Vorfahren in sich, und vielleicht einen Teil davon mehr als den Rest: den Teil, in den – aus welchen Gründen auch immer – eine ganz besonders starke Wurzel hinreicht. Womöglich ist auch das eine Art Erbe – auch wenn es nicht in unserer DNA, liegt, sondern sich auf einer anderen, einer geistig-emotionalen Ebene vollzieht.

Ich jedenfalls habe einen spürbaren Anteil pommersches Bauernkind in mir – allerdings mit einer gehörigen Portion Fernweh und einer Neigung zum Reisen auf dem Wasser.

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4 Kommentare

  1. Ein sehr guter Beitrag. Danke dafür.
    Da ich eine ähnliche Vergangenheit teile, ging mir dieser Beitrag sehr nah und zu gleich ermutigte er mich.
    Ich freue mich schon auf eine Fortsetzung Ihres Blogs.
    Danke.
    M.J.

    1. Lieber Herr Joschko,
      ganz herzlichen Dank für Ihr nettes Feedback. Es freut mich, dass Sie sich mit Ihrer Geschichte in dem Beitrag wiederfinden. Ich werde mich auf jeden Fall weiter mit der Geschichte meiner Familie beschäftigen und versuchen, Spuren zu finden und offene Fragen zu beantworten. Ich weiß aus Gesprächen und aus Mails, die ich bekommen habe, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Das Bedürfnis, sich auf persönlicher Ebene mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und das eigene Leben dadurch besser einordnen zu können, ist offenbar gerade bei Menschen in unserer Generation (ich vermute mal, wir sind in einem ähnlichen Alter) groß.

  2. Moin Katja,
    Du hast mich ein bisschen zum Weinen gebracht.
    Liebe Grüße
    Olaf

    1. Hallo Olaf,
      das klingt jetzt paradox, aber das freut mich.
      Liebe Grüße zurück 🙂

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