Um eines einmal klarzustellen

Ralf und ich betreiben die Segelschule Rückenwind seit mehr als zehn Jahren. Wir bringen den Menschen das Segeln und das Motorbootfahren bei. Wir erklären die Theorie vom Anfängerkurs bis hin zu anspruchsvollen Yachtsegelscheinen, bei denen die Navigation schon das Niveau der Berufsschifffahrt erreicht. Vom Frühjahr bis in den Herbst verbringen wir viele Stunden mit unseren Teilnehmern auf dem Wasser.

Die Segelschule ist unsere Arbeit – nicht unsere Freizeit

Diese Arbeit macht uns Freude, und viele unserer Teilnehmer sind uns ans Herz gewachsen. Aber es ist trotz allem noch unsere Arbeit. Nicht unsere Freizeit. Nicht unser reines Vergnügen. Mit anderen Worten: Müssten wir unseren Lebensunterhalt nicht verdienen, würden wir die Arbeit nicht machen. Dann würden wir unsere Zeit auf andere Weise verbringen. Und damit bin ich beim Thema. Seit Jahren ärgere ich mich darüber, dass wir immer wieder Menschen begegnen, vor denen wir uns dafür rechtfertigen müssen, dass wir für unsere Arbeit Geld nehmen.

Gerade eben im Naturhafen Krummin: Ich habe diesen Beitrag geschrieben und gucke mal nicht so glücklich wie sonst. Wenn man an einem schönen Ort arbeitet und die Arbeit Freude macht, ist sie dann weniger wert?

Allzu oft wird es auch als selbstverständlich hingenommen, dass wir den Unterricht überziehen, um ein Thema zu vertiefen oder eine Navigationsaufgabe noch einmal zu erklären. Dass der Lehrer nach dem Unterricht oder in der kleinen Pause, die er zwischendurch braucht, um durchzuatmen, den einen oder anderen Seemannsknoten noch mal zeigt oder auf irgend ein anderes Problem eines Teilnehmers eingeht.

Wenn wir den Unterricht bei einem einwöchigen Theoriekurs an einem Abend mal eine halbe Stunde länger machen, ist das für uns okay. Aber wenn das drei, vier Mal passiert, arbeiten wir eineinhalb oder zwei Stunden gratis. Das Gleiche gilt natürlich für den praktischen Unterricht: wenn wir die Segelzeit überziehen, damit jeder das Manöver ein weiteres Mal üben darf, obwohl der Unterricht eigentlich schon zu Ende wäre.

Was würde der Handwerker machen?

Würde der Handwerker das auch machen, der Euer Auto repariert oder Euer Badezimmer fliest? Nein! Der schreibt die Arbeitsstunden auf, und hinterher kommt die Rechnung. Kein Mensch wundert sich dann über 50 oder 60 Euro Stundenlohn. Das ist eben so, da muss niemand etwas erklären.

Aber in der Segelschule, bei Katja und Ralf, da ist das doch anders! Die haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Es ist doch gerade so schön hier auf dem Boot. Da muss man doch nicht aufs Geld gucken. Die machen das ja schließlich gern. Die arbeiten da, wo andere Urlaub machen.

Ja, Ihr Lieben, wir arbeiten da, wo andere Urlaub machen. Von dem Geld, das wir erwirtschaften, müssen wir leben. Wir müssen Essen und Kleidung kaufen, unsere Krankenversicherung bezahlen, für unsere Altersvorsorge sparen, wir brauchen Strom und Heizung und vieles mehr. Wie alle anderen Menschen auch. Die Zeit, die wir mit Euch auf den Booten und im Theorieunterricht verbringen, ist – so nett das auch alles sein mag – unsere Arbeitszeit.

In dieser Zeit können wir zudem andere notwendige Arbeiten nicht erledigen. Zum Beispiel Bootspflege, Kundenberatung per E-Mail oder Telefon, Buchführung, Reinigungsarbeiten, Materialeinkäufe für die Segelschule und vieles mehr. Diese Dinge machen wir teilweise später abends oder nachts. Oder wir vergeben Aufgaben an externe Anbieter. Die Externen bekommen natürlich die üblichen Stundenlöhne.

Ich habe mich erst aufgeregt, dann war ich traurig

Warum ich diesen Beitrag heute bringe, hat einen Grund. Gestern habe ich mich erst total aufgeregt, und danach war ich traurig. Und am besten kann ich mir Luft machen, indem ich einfach alles aufschreibe. Da hatte jemand, der bald die Prüfung für den Sportbootführerschein See machen möchte, ein Problem mit einer Prüfungsaufgabe. Ralf wollte helfen und hat einen Termin vereinbart, den er noch irgendwie zwischen den Segelkurs und den abendlichen Theoriekurs in den Kalender zwängen konnte.

Die Kursteilnehmerin kam, und Ralf hat ihr eine halbe Stunde Nachhilfe gegeben. Dann fragte sie ihn, wie viel er dafür bekomme. Vielleicht war das ja eine rhetorische Frage, aus Höflichkeit gestellt, und eigentlich wurde die Antwort „nichts“ erwartet. Ralf aber, der selber ein gutmütiger, freigebiger und großherziger Mensch ist, sagte: „Bezahle einfach, was du möchtest. Du kannst ja deinen eigenen Stundenlohn nehmen und mir die Hälfte davon geben.“ Er hat damit gerechnet, dass sie das dann auch machen würde. So wie er selbst in dieser Situation übrigens gehandelt hätte.

Wie eine Ohrfeige für Ralf

Die Teilnehmerin kam dann zu mir, um zu bezahlen, denn ich war vorne im Büro. Fünf Euro war ihr die halbe Stunde wert. Das kam mir vor wie eine Ohrfeige für Ralf. Muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass sie selbst so wenig verdient? Oder fand sie tatsächlich, dass Ralfs Arbeit so wenig wert war? Er hat ihr geholfen, er hat sich die Zeit genommen, er hat sich extra beeilt und auf seine Pause verzichtet. So was macht mich echt wütend.

Ist Lohn nur ein Trostpflaster?

Wenn ein Mensch seine Arbeit gern tut, muss man sie ihm dann nicht bezahlen? Ist Lohn etwa nur ein Trostpflaster dafür, dass man seine Zeit mit einer Tätigkeit verbringt, die man nicht mag? Was ist dann mit den Handwerkern, Musikern, Schauspielern, Lehrern, Ärzten und vielen anderen, die ihren Beruf lieben? Ihr merkt, ich rege mich immer noch auf.

Deshalb beende ich diesen Text jetzt besser. Heute ist wieder Segelkurs, ein sehr netter Kurs übrigens, auf den ich mich freue. Trotzdem. Den Frust musste ich mir jetzt mal von der Seele schreiben.

Ich freue mich, wenn Du diesen Beitrag teilst:

20 Jahre Schatz und Schatz

Gestern hätten wir eigentlich feiern müssen. Denn gestern haben wir sie nun wirklich geschafft, die runde 20. Seit zwei Jahrzehnten segeln und stapfen und fahren wir zu zweit durch diese Welt. Und jedes einzelne davon war schön. Trotz der Rückschläge, Knochenbrüche, Krankheiten und traurigen Ereignisse, die wir zwischendurch natürlich auch erlebt haben.

Wie gesagt, wir hätten feiern müssen. Aber im Moment haben wir so viel Arbeit und an jedem Abend Theorieunterricht, so dass uns zum Feiern dann doch der Elan fehlte. Immerhin hat es für ein Selfie gereicht. 🙂 Und das schöne Spruchband am antiken Schrank in der Segelschule passt so wunderbar zu unserem Leben.

Der 9. Juni 2000 war ein Freitag, ein schöner, heißer Tag. Es war der Freitag vor Pfingsten, und ich hatte frei. Für diesen Abend hatte ich zum allerersten Mal Ralf zum Essen eingeladen. Also bin ich den ganzen Nachmittag in der Küche herumgewirbelt. Ralf kannte meine Wohnung am Mühlenkamp in Hamburg-Winterhude noch gar nicht. Und ich hatte richtig Lampenfieber vor dem Abend. Würden wir uns genug zu erzählen haben? Würde er mein Essen mögen? Oder würde am Ende alles im Desaster enden?

Das besondere Menu: italienisch mit vier Gängen

Weil wir beide gern italienisch essen, habe ich damals italienisch gekocht. Das Menü werde ich nie vergessen, und noch heute koche ich es im Frühsommer, wenn wir uns an diesen allerersten Abend bei mir zu Hause erinnern möchten. Es ging mit den Antipasti los: selbst gemachte Mozzarellatomaten und dazu eingelegte Oliven, Pilze und Gemüse aus dem italienischen Geschäft nebenan. Dann kam die Pasta – Spaghetti aglio e olio, mit Knoblauch, Peperoncini und viel Olivenöl. Als Hauptgericht gab es Saltimbocca, klassisch aus Kalbfleisch, mit Parmaschinken und großen Salbeiblättern. Dazu italienischen Salat. Und zum Nachtisch Erdbeeren in Rotwein. Es ist für uns immer noch das eine besondere Menu.

Barfuß und in Shorts – hurra, er fühlt sich wohl!

Ralf kam ganz verschwitzt an, denn er hatte vorher bei einem Umzug geholfen. Er fragte, ob er mal eben duschen dürfe. Klar, kein Problem. Wenige Minuten später kam er aus dem Bad, barfuß und in Shorts. Da wusste ich: Er fühlt sich wohl. Dann saßen wir stundenlang am Esstisch in meiner kleinen gemütlichen Küche. Dort standen Möbel im Landhausstil mit einer runden Messingspüle, am Fenster hingen gelbe Vorhänge, und wenn man rausguckte, sah man die Feuerleiter. Und zu erzählen hatten wir uns eine Menge. Es wurde ein wunderschöner Abend.

Die Zeit hält uns zum Narren

Mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen. Dabei haben wir so viel erlebt in diesen zwanzig Jahren. Die Zeit kann einen ganz schön zum Narren halten. Da reißt sie einen mit und bringt ständig neue Wendungen, Ereignisse, Überraschungen, Herausforderungen, Veränderungen – und dann tut sie auf einmal so, als wäre sie nie dagewesen.

Ralf hat sich neulich „mal wieder Saltimbocca“ gewünscht. Ab Ende nächster Woche geht es bei uns wieder etwas ruhiger zu. Da stehen die Chancen gut für ein italienisches Menü. 🙂

Ich freue mich, wenn Du diesen Beitrag teilst:

Premiere geschafft

Unser erster Segelkurs zu Corona-Bedingungen ist zu Ende

Ein paar Impressionen vom Segelkurs bekommt Ihr in unserem Video.

Wir haben angefangen. So richtig mit echten Segelschülern auf den Booten. Direkt am 25. Mai, denn seit diesem Tag dürfen wir als Sportbootschule in Mecklenburg-Vorpommern ja wieder ausbilden. Seit diesem Tag kommen wir übrigens nicht mehr zur Ruhe. Denn das Telefon klingelt ständig, vielen Menschen mailen uns und fragen nach Kursen.

Kein ungebremster Start

Darüber freuen wir uns natürlich sehr. Doch wir können leider nicht ungebremst in die verspätete Saison starten. Die Pandemie ist ja nicht vorbei, weiterhin gibt es Einschränkungen, und natürlich wollen wir nicht, dass sich das Virus durch unsere Schule verbreitet. Also haben wir ein Hygienekonzept erarbeitet, unseren Unterrichtsraum umgeräumt, einen Profi-Spender mit Handdesinfektionsmittel besorgt und noch mehr Desinfektionsmittel gekauft, um Tische, Türklinken, Rettungswesten und alles Notwendige zu desinfizieren. Wahnsinn, was das alles kostet – jetzt, wo diese Dinge so stark nachgefragt sind.

Der Kurs war schön – und für uns lehrreich

Unser erster Segelkurs war ein Versuchsballon. Er hat uns Spaß gemacht. Und er war für uns sehr lehrreich. Wir wollten das Arbeiten unter Corona-Bedingungen erst einmal üben und haben deshalb nur vier Teilnehmer aus Mecklenburg-Vorpommern in den Kurs aufgenommen. Nun sind unsere Schulungsjollen sehr geräumige und stabile Boote, zugelassen für jeweils sechs Personen an Bord. In normalen Jahren kalkulieren wir mit vier Kursteilnehmern auf jedem Boot.

An den ersten zwei bis drei Tagen fährt außerdem auf jedem Boot ein Segellehrer mit, da wir hier doch recht oft viel Wind haben und unsere Schüler deshalb nicht gleich allein losschicken möchten. Andere Segelschulen machen es teilweise von Anfang an so, dass ein Lehrer im Motorboot sitzt und mehrere Segelboote begleitet, auf denen die Schüler dann allein üben.

Segelkurse sind jetzt eher Privatunterricht

Nun müssen und wollen wir aber den Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten. Und das geht nur, wenn auf jedem Boot nur zwei Kursteilnehmer mit dem Lehrer fahren. Mehr Personen können wir nur dann auf ein Boot setzen, wenn diese zum selben Haushalt gehören. Und auch da müssen wir dann aufpassen, dass die Schüler dem Lehrer nicht zu nahe kommen. Anders geht es im Moment nicht. Das haben uns die Erfahrungen aus dem ersten Kurs sehr deutlich gezeigt.

So sind also Ralf und ich mit jeweils zwei Teilnehmern auf zwei Booten gesegelt. Das bedeutet praktisch Privatunterricht – sehr intensiv, aber dafür kürzer als in „normalen“ Kursen. Denn bei nur zwei Schülern auf dem Boot ist jeder ständig gefordert. Sei es beim Steuern oder beim Führen der Segel – es gibt keine Pausen, keine Möglichkeit, sich zwischendurch mal zu erholen oder einfach nur die anderen zu beobachten.

Wir organsieren unsere Segelkurse neu

Ralf und ich haben auf der Basis dieser Erfahrung die Planung für unsere künftigen Segelkurse umorganisiert. Wir müssen die Teilnehmerzahl in allen Kursen reduzieren. Das bedeutet, dass bereits jetzt bis Ende August bis auf einen oder zwei Einzelplätze alle Segelkurse ausgebucht sind. In den vergangenen Tagen hatte ich etliche enttäuschte Anrufer am Telefon, die gern noch einen Platz gebucht hätten. Also habe ich Wartelisten angefangen. Enspannter sieht es im Moment noch bei den Motorbootkursen für den Sportbootführerschein See aus. Aber auch das kann sich schnell ändern.

Klingt luxuriös – aber das Gegenteil ist der Fall

Das alles klingt vielleicht jetzt sehr luxuriös. In Wirklichkeit bedeutet es aber, dass wir durch die Reduzierung der Teilnehmerzahlen in allen unseren Kursen – denn auch in den Theorieraum und aufs Motorboot passen jetzt ja viel weniger Menschen als sonst – weniger Einnahmen haben. Da wir den Unterricht jetzt anders organisieren müssen und für Theoriekurse teilweise Zusatztermine mit halber Teilnehmerzahl ins Programm genommen haben, fällt für uns in dieser Saison geschätzt 50 Prozent mehr Arbeit an. Und das bei weniger Umsatz als in „normalen“ Jahren.

In der Segelkurswoche Ende Mai habe ich fast jeden Abend bis Mitternacht am Computer gesessen, Büroarbeit erledigt und Kundenanfragen per Mail beantwortet. Dazu kamen dann auch noch Bootspflegearbeiten und Saisonvorbereitungen für unser kleines Charterboot. Arbeiten, die wir selber nicht schaffen, müssen wir an externe Unternehmen vergeben – und dafür aber die üblichen Stundenlöhne bezahlen.

Wir sitzen in der Zwickmühle

Wir sitzen also ein bisschen in der Zwickmühle. Denn wir können ja keine Kurse geben, die unter dem Strich so unwirtschaftlich sind, dass wir erst arbeiten und dann aus unserer privaten Kasse noch draufzahlen. Uns bis zum Umfallen selbst ausbeuten können und wollen wir auch nicht. Unsere Teilnehmer verärgern möchten wir ebenso wenig. Trotzdem müssen wir so arbeiten, dass wir von unseren Einnahmen leben können.

Was also tun? Die Preise erhöhen? Nachträglich noch Aufschläge auf die Kurspreise verlangen? Sicher würde es bei jemandem, der im Januar den Sommerkurs für den Preis X gebucht hat, Unmut erregen, wenn er plötzlich den Preis Y zahlen soll. Aber so wie im Moment geht es auch nicht weiter, denn die Segelschule ist ein kostenintensives Geschäft. Wenn alle Liegeplätze, Versicherungen, Wartungs-, Reparatur- und Pflegearbeiten, Mieten und anderen Kosten bezahlt sind, bleiben wahrlich keine Reichtümer übrig.

Die Nachricht, dass ab Juli die Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr gesenkt wird, kam da für uns genau richtig. Denn das hilft uns, die finanziellen Einbußen zumindest teilweise auszugleichen. Wir werden zunächst also keine Aufschläge auf die Kurspreise machen und dann mal sehen wie es läuft. Das ist unsere Art, diese Steuersenkung an unsere Kunden weiterzugeben. Es wird dadurch ohnehin noch eine Menge Mehrarbeit auf mich zukommen, bis ich diese Veränderung buchhalterisch organisiert habe. Das bedeutet wohl noch ein paar Nächte am Computer, bis alles funktioniert. Aber besser als Preisaufschläge ist das allemal.

Gestern hat mich bereits jemand, der einen Kurs buchen wollte, gefragt, ob wir unsere Preise jetzt senken. Da musste ich dann erst mal einen kleinen Vortrag halten und die Situation erklären. Das war dann auch in Ordnung, denn die meisten Menschen haben ja Verständnis. Ich hoffe nur, dass ich diese Erklärung jetzt nicht dauernd wiederholen muss wie eine alte Schallplatte, die hängen geblieben ist.

Nächste Herausforderung: der Prüfungstag

Als nächste große Herausforderung steht jetzt die erste amtliche Sportbootführerscheinprüfung in Wolgast ins Haus. Die Prüfungen im März, April und Mai waren ja abgesagt worden. Dementsprechend groß ist jetzt der Andrang. Trotzdem müssen auch die Prüfer auf die Einhaltung des Mindestabstands achten. Die Prüfungen finden immer in unserem Unterrichtsraum statt. Der wird nicht größer. Wir sind gespannt, wie der Prüfungsausschuss das organisieren wird. Die Prüfung ist am 19. Juni. Danach sind wir schlauer.

Mein Blog geht weiter

Zum Bloggen hatte ich in den vergangenen beiden Wochen einfach keine Zeit mehr. Das wird sich in der Sommersaison wahrscheinlich so fortsetzen. Es kann also sein, dass ich es manchmal nur etwa alle zwei Wochen schaffe, etwas zu schreiben. Aber der Blog geht weiter.

Ich freue mich, wenn Du diesen Beitrag teilst:

Morgen geht’s los

Ab morgen dürfen die Sportbootschulen in Mecklenburg-Vorpommern wieder ausbilden. Wir haben erst einmal einen sehr kleinen Segelkurs eingeplant, damit wir uns langsam an das Arbeiten unter Berücksichtigung der Corona-Einschränkungen herantasten können. Denn das alles ist für uns ja neu; wir müssen erst einmal sehen, wie es am besten funktioniert.

Für unsere Teilnehmer haben wir ein Hygiene-Konzept geschrieben, das wir allen vorher zugemailt haben. Auf jeden Fall sind wir guter Dinge und freuen uns auf die kommende Woche. Für alle, die in diesem Sommer bei uns segeln möchten, habe ich dieses kleine Gute-Laune-Video gemacht:

Ich freue mich, wenn Du diesen Beitrag teilst:

Melancholie

Schöne Erinnerungen können so weh tun.
Eigentlich müsste man lachen, sich daran erfreuen, glücklich sein, dass man diese wunderbaren Momente erleben durfte.
Und was passiert wirklich?
Man sitzt da und heult.

Heute Morgen habe ich für meine Mutter den Antrag auf Witwenrente vervollständigt. Wegen Corona war ein Besuch im Amt nicht möglich, so dass die Antragstellung vor ein paar Tagen telefonisch stattfand. Dann wurde mir alles fertig ausgefüllt zugeschickt, und jetzt musste ich noch die entsprechenden Unterlagen zusammenstellen.

Da war einst so viel Zukunft

Als ich das Familienstammbuch meiner Eltern aufgeschlagen und die Heiratsurkunde herausgenommen habe, ist es dann passiert. So viel Glück war da gewesen am 5. August 1965. So viel Erwartung. So viel Zukunft. Der Standesbeamte in Remscheid hieß Epe mit Nachnamen, und meine Oma hatte eidesstattlich versichert, dass ihr Sohn im März 1940 in Kolberg zur Welt gekommen war.

Plötzlich war ich unendlich traurig, dass das alles so endgültig vorbei ist. Dass meine Eltern keine gemeinsame Zeit mehr haben. Dass der Papa für immer weg ist. Dass man niemals zurückkehren kann, um in schönen Zeiten zu verweilen. Dass wir schöne Momente nicht festhalten können.

Die nächste Seite im Familienstammbuch ist meine Geburtsurkunde. Immer noch Glück, Erwartung, Zukunft.
Jetzt sitze ich hier im Segelschulbüro neben dem Kopierer, und Erinnerungen stürzen auf mich ein. Es sind nur einige Szenen, die aber gleichzeitig auftauchen und zu einem dichten Ganzen werden. Das alles ist plötzlich so präsent, als würde tatsächlich alles auf einmal passieren. Der Papa ist da, hier bei mir.
Und ich sitze hier und heule.

Papa und ich in den 60-er Jahren, beinahe noch mit Eis.

Vier Kreise und ein Trapez – daraus wird ein Pferd

Ein Tag irgendwann Anfang der 70-er Jahre. Ich habe mich mit Papier und Buntstiften am Tisch niedergelassen, denn male und zeichne alles, was mir in den Sinn kommt. Jetzt muss es unbedingt ein Pferd sein. Ich bin verrückt nach Pferden. Ich muss etwa sieben oder acht Jahre alt sein, und meine gemalten Pferde lassen noch zu wünschen übrig. Manchmal ist der Kopf zu dünn, mal der Körper zu lang, dann wieder sind die Beine zu kurz.

Der Papa kommt und guckt mir über die Schulter. „Pass mal auf“, sagt er. „Eigentlich ist es ganz einfach. Ich zeige dir einen Trick.“ Er zeigt mir, welche Formen ich im Pferd sehen muss. Große und kleinere Kreise. Ein lang gestrecktes Trapez. Erst zeichne ich die Formen. Zwei Kreise und das Trapez für den Kopf. Zwei Kreise für den Körper. Das ist nur das Gerüst. Außen rum entsteht das Pferd. Und plötzlich klappt es. Das Pferd sieht total echt aus.

Wenn’s kein Pferd gibt, muss schon mal der Papa herhalten –
wie hier am Strand in Petten an der holländischen Nordseeküste.

Von der Kunst, zwischen zwei Schneehaufen zu parken

Ein Wintertag Ende 93 oder Anfang 94. Ich bin morgens mit meinem Fiat Panda auf abgenutzten Sommerreifen von Münster, wo ich studiere, nach Remscheid gefahren und habe meine Großeltern besucht. Als ich von dort aus die paar Kilometer zu meinen Eltern fahre, fängt es an zu schneiden. Ich schaffe es irgendwie noch bis in unsere Straße.

Aber das Einparken zwischen zwei alten Schneehaufen geht nicht mehr. Die Straße liegt am Hang, die Räder drehen durch, und da steht nun mein kleines rotes Auto mitten im Weg. Wütend steige ich aus und bombardiere unser Haus mit Schneebällen, um Dampf abzulassen und meinen Ärger loszuwerden. Da kommt auch schon der Papa heraus, lacht mich aus und parkt mal eben mein Auto ein.

Papa schippt Schnee. Davon hatten wir in manchen Wintern reichlich.

Was soll ich hier? Sehnsucht nach Papa

Dezember 1999. Vor kurzem bin ich nach Hamburg gezogen und habe meinen Job bei der Bildzeitung angefangen. Ich werde nicht richtig warm damit. Meine Freunde habe ich in Münster zurückgelassen, in Hamburg kenne ich kaum jemanden. Und meine Wohnung ist eine Baustelle. Kurz vor meinem Einzug wurde Hausschwamm entdeckt, und jetzt hat das Wohnzimmer keinen Boden. Es gibt nur noch Balken, und ich kann von der Tür aus gleich in die Etage drunter gucken. Meine Möbel und Kartons stapeln sich in den anderen Räumen. Sofa und Fernseher haben die Möbelpacker in ein kleines Zimmer gequetscht, und da sitze ich nun am Samstagabend und fühle mich so unendlich einsam.

Im Fernsehen läuft „Feivel der Mauswanderer“. Der kleine Kerl verliert seine Familie auf einem sinkenden Auswandererschiff und sucht sie nun in Amerika. Als er glaubt, seinen Vater zu sehen, ruft er voller Hoffnung: „Papa! Papa?“ Und da habe ich plötzlich eine unbändige Sehnsucht nach meinem Papa und frage mich: Was mache ich hier eigentlich?

Überraschung! Ralf hält um meine Hand an

Ein Tag im Herbst 2000. Zum ersten Mal fährt Ralf mit mir nach Remscheid zu meinen Eltern. Kennen gelernt haben sie sich schon, als meine Eltern mich im Sommer in Hamburg besucht haben. Nun soll Ralf auch mein Zuhause kennen lernen. Und er möchte – ganz herzzerreißend altmodisch – um meine Hand anhalten. Als wir zusammen in der großen Wohnküche sitzen, tut Ralf genau das. Meine Eltern staunen und freuen sich. Der Papa guckt ganz perplex und sagt natürlich ja, und danach haben wir ordentlich was zu feiern. Papa hätte niemals damit gerechnet, gefragt zu werden. Das hat er mir später gestanden.

Fröhliche Feste

27. Juli 2001. Ralf und ich feiern unsere Hochzeit bei strahlendem Sommerwetter in Hamburg an der Alster. Papa hat die ganze Zeit gefilmt, aber nun steht er auf und hält seine Rede, die er liebevoll vorbereitet hat. Da steht er in seinem grauen Anzug, und man spürt, dass er sich über die Hochzeit und seinen Schwiegersohn freut.
Er konnte so gut reden, der Papa. Er hatte eine sehr schöne Stimme, und ich höre sie noch immer ganz deutlich.

13. März 2005. Papas 65. Geburtstag. Er hat zur „Speicherparty“ eingeladen. Die Dachgeschosswohnung in meinem Elternhaus steht gerade leer und bietet viel Platz zum Feiern. Wir haben Bierzeltgarnituren aufgebaut und jede Menge Essen gemacht. Viele Gäste sind gekommen, und wir haben so viel Spaß. Der Papa ist überall gleichzeitig, lacht und verbreitet gute Laune. Ralf und ich sind da schon seit fast fünf Jahren ein Paar, und wir feiern kräftig mit. An diesem Abend sehe ich einen liebenswerten Menschen wohl zum letzten Mal: den Vater meines früheren Lebensgefährten Olaf. Aber das weiß ich natürlich noch nicht. Es ist ein freudiger, lustiger Tag.

Noch einmal ein Aufbruch

Juli 2008. Die Sonne strahlt vom knalleblauen Himmel. Es ist warm. Im Wolgaster Museumshafen schnattern die Enten und kreischen die Möwen. Der Umzugswagen ist da, und unsere jungen Segellehrer helfen fleißig beim Kistenschleppen. Ganz aufgeregt wuseln meine Eltern durch ihre neue Wohnung. Sie haben es tatsächlich getan: ihr Haus in Remscheid verkauft und eine schöne sonnige Wohnung in Wolgast gekauft. Sie sind in unsere Nähe gezogen, damit uns nicht länger mehrere hundert Kilometer trennen. Sie freuen sich auf den neuen Lebensabschnitt am Meer. Das ist ihnen richtig anzumerken. Wir bestellen eine große Platte Fischbrötchen unten im Restaurant Fischer Klaus und essen uns erst mal alle richtig satt.

Noch ein paar schöne Jahre: Meine Eltern 2008 in ihrer Wohnung in Wolgast. Die Bilder an der Wand hat der Papa gemalt; sie hingen mein Leben lang im Wohnzimmer.

Ein wunderbares Netz aus Freude und Geborgenheit

Da sind natürlich noch viel mehr Erinnerungen. Seltsam, wenn sie alle auf einmal aus der Vergangenheit auftauchen und von der Gegenwart Besitz ergreifen. Mir wird richtig bewusst, was für ein wunderbares Netz aus liebevollen Menschen, Zuhause, Geborgenheit und Freude das gewesen ist, was mein Leben so lange ausgemacht hat. Nun wird das Geflecht loser. Mein altes Zuhause gibt es nicht mehr; auch die lange vertrauten Menschen gehen nach und nach. Aber meine Mutter ist noch da. Sie ist der Mensch, dem der Papa am allermeisten fehlt.

Endlich wieder die Mama besuchen

Heute Nacht werden es drei Monate, dass mein Vater gestorben ist. Einen Monat lang konnten wir uns noch um meine Mutter kümmern und sie jeden Tag im Pflegeheim besuchen. Meine Eltern haben dort die letzten zwei Jahre gemeinsam verbracht. Sie waren Tag und Nacht zusammen. Und dann war die Mama also plötzlich allein.

Als die Corona-Beschränkungen kamen, durften wir nicht mehr zu ihr. Seitdem sitzt sie tagein, tagaus allein mit ihrer Trauer in ihrem Zimmer. Zum Glück kann sie auch mal im Park spazieren gehen, und sie kommt bei den Mahlzeiten mit den anderen Bewohnern zusammen. Aber das ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben jeden Tag zwei Mal telefoniert, und sie ist so tapfer. Jetzt endlich darf ich sie wieder besuchen. Einmal in der Woche eine Stunde, nach vorheriger Terminvereinbarung. Das ist nicht oft, aber immerhin etwas. Mein Termin ist am Montagnachmittag. Darauf freuen wir uns beide schon sehr.

Leise, ganz leise schweben die Erinnerungen davon

Trotzdem herrscht heute die Wehmut vor. Die Melancholie. Die schönen Erinnerungen sind wie die alten Volks- und Wanderlieder, die der Papa mit mir gesungen hat, als ich noch ein Kind war. Sie klingen nach. Sie schwellen an und werden leiser.
„Da haben wir so manche Stund‘ gesessen wohl in froher Rund‘
und taten singen; die Lieder klingen
im Eichengrund.
und taten singen; die Lieder klingen
im Eichengrund.“

Und leise, ganz leise schweben die letzten Töne davon.

Ich freue mich, wenn Du diesen Beitrag teilst:
Auch ich benutze diese komischen kleinen Cookies in meinem Blog. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.