Melancholie

Schöne Erinnerungen können so weh tun.
Eigentlich müsste man lachen, sich daran erfreuen, glücklich sein, dass man diese wunderbaren Momente erleben durfte.
Und was passiert wirklich?
Man sitzt da und heult.

Heute Morgen habe ich für meine Mutter den Antrag auf Witwenrente vervollständigt. Wegen Corona war ein Besuch im Amt nicht möglich, so dass die Antragstellung vor ein paar Tagen telefonisch stattfand. Dann wurde mir alles fertig ausgefüllt zugeschickt, und jetzt musste ich noch die entsprechenden Unterlagen zusammenstellen.

Da war einst so viel Zukunft

Als ich das Familienstammbuch meiner Eltern aufgeschlagen und die Heiratsurkunde herausgenommen habe, ist es dann passiert. So viel Glück war da gewesen am 5. August 1965. So viel Erwartung. So viel Zukunft. Der Standesbeamte in Remscheid hieß Epe mit Nachnamen, und meine Oma hatte eidesstattlich versichert, dass ihr Sohn im März 1940 in Kolberg zur Welt gekommen war.

Plötzlich war ich unendlich traurig, dass das alles so endgültig vorbei ist. Dass meine Eltern keine gemeinsame Zeit mehr haben. Dass der Papa für immer weg ist. Dass man niemals zurückkehren kann, um in schönen Zeiten zu verweilen. Dass wir schöne Momente nicht festhalten können.

Die nächste Seite im Familienstammbuch ist meine Geburtsurkunde. Immer noch Glück, Erwartung, Zukunft.
Jetzt sitze ich hier im Segelschulbüro neben dem Kopierer, und Erinnerungen stürzen auf mich ein. Es sind nur einige Szenen, die aber gleichzeitig auftauchen und zu einem dichten Ganzen werden. Das alles ist plötzlich so präsent, als würde tatsächlich alles auf einmal passieren. Der Papa ist da, hier bei mir.
Und ich sitze hier und heule.

Papa und ich in den 60-er Jahren, beinahe noch mit Eis.

Vier Kreise und ein Trapez – daraus wird ein Pferd

Ein Tag irgendwann Anfang der 70-er Jahre. Ich habe mich mit Papier und Buntstiften am Tisch niedergelassen, denn male und zeichne alles, was mir in den Sinn kommt. Jetzt muss es unbedingt ein Pferd sein. Ich bin verrückt nach Pferden. Ich muss etwa sieben oder acht Jahre alt sein, und meine gemalten Pferde lassen noch zu wünschen übrig. Manchmal ist der Kopf zu dünn, mal der Körper zu lang, dann wieder sind die Beine zu kurz.

Der Papa kommt und guckt mir über die Schulter. „Pass mal auf“, sagt er. „Eigentlich ist es ganz einfach. Ich zeige dir einen Trick.“ Er zeigt mir, welche Formen ich im Pferd sehen muss. Große und kleinere Kreise. Ein lang gestrecktes Trapez. Erst zeichne ich die Formen. Zwei Kreise und das Trapez für den Kopf. Zwei Kreise für den Körper. Das ist nur das Gerüst. Außen rum entsteht das Pferd. Und plötzlich klappt es. Das Pferd sieht total echt aus.

Wenn’s kein Pferd gibt, muss schon mal der Papa herhalten –
wie hier am Strand in Petten an der holländischen Nordseeküste.

Von der Kunst, zwischen zwei Schneehaufen zu parken

Ein Wintertag Ende 93 oder Anfang 94. Ich bin morgens mit meinem Fiat Panda auf abgenutzten Sommerreifen von Münster, wo ich studiere, nach Remscheid gefahren und habe meine Großeltern besucht. Als ich von dort aus die paar Kilometer zu meinen Eltern fahre, fängt es an zu schneiden. Ich schaffe es irgendwie noch bis in unsere Straße.

Aber das Einparken zwischen zwei alten Schneehaufen geht nicht mehr. Die Straße liegt am Hang, die Räder drehen durch, und da steht nun mein kleines rotes Auto mitten im Weg. Wütend steige ich aus und bombardiere unser Haus mit Schneebällen, um Dampf abzulassen und meinen Ärger loszuwerden. Da kommt auch schon der Papa heraus, lacht mich aus und parkt mal eben mein Auto ein.

Papa schippt Schnee. Davon hatten wir in manchen Wintern reichlich.

Was soll ich hier? Sehnsucht nach Papa

Dezember 1999. Vor kurzem bin ich nach Hamburg gezogen und habe meinen Job bei der Bildzeitung angefangen. Ich werde nicht richtig warm damit. Meine Freunde habe ich in Münster zurückgelassen, in Hamburg kenne ich kaum jemanden. Und meine Wohnung ist eine Baustelle. Kurz vor meinem Einzug wurde Hausschwamm entdeckt, und jetzt hat das Wohnzimmer keinen Boden. Es gibt nur noch Balken, und ich kann von der Tür aus gleich in die Etage drunter gucken. Meine Möbel und Kartons stapeln sich in den anderen Räumen. Sofa und Fernseher haben die Möbelpacker in ein kleines Zimmer gequetscht, und da sitze ich nun am Samstagabend und fühle mich so unendlich einsam.

Im Fernsehen läuft „Feivel der Mauswanderer“. Der kleine Kerl verliert seine Familie auf einem sinkenden Auswandererschiff und sucht sie nun in Amerika. Als er glaubt, seinen Vater zu sehen, ruft er voller Hoffnung: „Papa! Papa?“ Und da habe ich plötzlich eine unbändige Sehnsucht nach meinem Papa und frage mich: Was mache ich hier eigentlich?

Überraschung! Ralf hält um meine Hand an

Ein Tag im Herbst 2000. Zum ersten Mal fährt Ralf mit mir nach Remscheid zu meinen Eltern. Kennen gelernt haben sie sich schon, als meine Eltern mich im Sommer in Hamburg besucht haben. Nun soll Ralf auch mein Zuhause kennen lernen. Und er möchte – ganz herzzerreißend altmodisch – um meine Hand anhalten. Als wir zusammen in der großen Wohnküche sitzen, tut Ralf genau das. Meine Eltern staunen und freuen sich. Der Papa guckt ganz perplex und sagt natürlich ja, und danach haben wir ordentlich was zu feiern. Papa hätte niemals damit gerechnet, gefragt zu werden. Das hat er mir später gestanden.

Fröhliche Feste

27. Juli 2001. Ralf und ich feiern unsere Hochzeit bei strahlendem Sommerwetter in Hamburg an der Alster. Papa hat die ganze Zeit gefilmt, aber nun steht er auf und hält seine Rede, die er liebevoll vorbereitet hat. Da steht er in seinem grauen Anzug, und man spürt, dass er sich über die Hochzeit und seinen Schwiegersohn freut.
Er konnte so gut reden, der Papa. Er hatte eine sehr schöne Stimme, und ich höre sie noch immer ganz deutlich.

13. März 2005. Papas 65. Geburtstag. Er hat zur „Speicherparty“ eingeladen. Die Dachgeschosswohnung in meinem Elternhaus steht gerade leer und bietet viel Platz zum Feiern. Wir haben Bierzeltgarnituren aufgebaut und jede Menge Essen gemacht. Viele Gäste sind gekommen, und wir haben so viel Spaß. Der Papa ist überall gleichzeitig, lacht und verbreitet gute Laune. Ralf und ich sind da schon seit fast fünf Jahren ein Paar, und wir feiern kräftig mit. An diesem Abend sehe ich einen liebenswerten Menschen wohl zum letzten Mal: den Vater meines früheren Lebensgefährten Olaf. Aber das weiß ich natürlich noch nicht. Es ist ein freudiger, lustiger Tag.

Noch einmal ein Aufbruch

Juli 2008. Die Sonne strahlt vom knalleblauen Himmel. Es ist warm. Im Wolgaster Museumshafen schnattern die Enten und kreischen die Möwen. Der Umzugswagen ist da, und unsere jungen Segellehrer helfen fleißig beim Kistenschleppen. Ganz aufgeregt wuseln meine Eltern durch ihre neue Wohnung. Sie haben es tatsächlich getan: ihr Haus in Remscheid verkauft und eine schöne sonnige Wohnung in Wolgast gekauft. Sie sind in unsere Nähe gezogen, damit uns nicht länger mehrere hundert Kilometer trennen. Sie freuen sich auf den neuen Lebensabschnitt am Meer. Das ist ihnen richtig anzumerken. Wir bestellen eine große Platte Fischbrötchen unten im Restaurant Fischer Klaus und essen uns erst mal alle richtig satt.

Noch ein paar schöne Jahre: Meine Eltern 2008 in ihrer Wohnung in Wolgast. Die Bilder an der Wand hat der Papa gemalt; sie hingen mein Leben lang im Wohnzimmer.

Ein wunderbares Netz aus Freude und Geborgenheit

Da sind natürlich noch viel mehr Erinnerungen. Seltsam, wenn sie alle auf einmal aus der Vergangenheit auftauchen und von der Gegenwart Besitz ergreifen. Mir wird richtig bewusst, was für ein wunderbares Netz aus liebevollen Menschen, Zuhause, Geborgenheit und Freude das gewesen ist, was mein Leben so lange ausgemacht hat. Nun wird das Geflecht loser. Mein altes Zuhause gibt es nicht mehr; auch die lange vertrauten Menschen gehen nach und nach. Aber meine Mutter ist noch da. Sie ist der Mensch, dem der Papa am allermeisten fehlt.

Endlich wieder die Mama besuchen

Heute Nacht werden es drei Monate, dass mein Vater gestorben ist. Einen Monat lang konnten wir uns noch um meine Mutter kümmern und sie jeden Tag im Pflegeheim besuchen. Meine Eltern haben dort die letzten zwei Jahre gemeinsam verbracht. Sie waren Tag und Nacht zusammen. Und dann war die Mama also plötzlich allein.

Als die Corona-Beschränkungen kamen, durften wir nicht mehr zu ihr. Seitdem sitzt sie tagein, tagaus allein mit ihrer Trauer in ihrem Zimmer. Zum Glück kann sie auch mal im Park spazieren gehen, und sie kommt bei den Mahlzeiten mit den anderen Bewohnern zusammen. Aber das ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben jeden Tag zwei Mal telefoniert, und sie ist so tapfer. Jetzt endlich darf ich sie wieder besuchen. Einmal in der Woche eine Stunde, nach vorheriger Terminvereinbarung. Das ist nicht oft, aber immerhin etwas. Mein Termin ist am Montagnachmittag. Darauf freuen wir uns beide schon sehr.

Leise, ganz leise schweben die Erinnerungen davon

Trotzdem herrscht heute die Wehmut vor. Die Melancholie. Die schönen Erinnerungen sind wie die alten Volks- und Wanderlieder, die der Papa mit mir gesungen hat, als ich noch ein Kind war. Sie klingen nach. Sie schwellen an und werden leiser.
„Da haben wir so manche Stund‘ gesessen wohl in froher Rund‘
und taten singen; die Lieder klingen
im Eichengrund.
und taten singen; die Lieder klingen
im Eichengrund.“

Und leise, ganz leise schweben die letzten Töne davon.

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Die Sache mit der Logik

Was seht Ihr auf diesem Bild?
Richtig. Ihr seht eine Segeljolle mit zwei Segelschülern. Das Foto stammt aus der Zeit vor Corona. Hinten stehe ich, die Segellehrerin. Was seht Ihr noch? Genau. Das Boot ist recht geräumig, der Abstand zwischen den drei Menschen an Bord ist relativ groß, er dürfte ungefähr eineinhalb Meter betragen. Gehen wir mal davon aus, dass wir nur zu zweit auf dem Boot fahren – dann sind 1,50 Meter Abstand gar kein Problem. Und noch dazu sind wir ja auf dem Wasser, der Wind weht uns um die Nase. Frischer kann die Luft nicht sein.

Ansteckungsgefahr ist auf dem Boot kleiner als im Auto

Was schließen wir also daraus? Na klar. Wenn wir mit unseren Kursteilnehmern segeln, ist die Gefahr, sich mit dem Corona-Virus anzustecken, geringer als in vielen anderen Lebensbereichen. Noch dazu, wenn wir Masken und Handschuhe tragen. Ich denke gerne logisch. Denn Logik ist eindeutig. Handfest. Und nach logischen Gesichtspunkten komme ich zu dem Schluss: Das Infektionsrisiko auf einem Segelboot oder einem offenen Motorboot ist kleiner als in einem Auto.

Nun hat unsere Landesregierung am Donnerstagabend lange getagt und über weitere Corona-Lockerungen für Mecklenburg-Vorpommern befunden. Ralf und ich haben uns im Internet die anschließende Pressekonferenz angesehen. Über die Nachricht, dass die Fahrschulen ab Montag, 12. Mai, wieder öffnen dürfen, haben wir uns gefreut. Aber nur, bis wir am Freitagmorgen in den online veröffentlichten Plan der Landesregierung geschaut haben. Es handelt sich um die „Fortschreibung MV-Plan 2.0“, Stand 7. Mai 2020, 21:00 Uhr – also Donnerstagabend nach den Beratungen.

Autofahrschulen dürfen öffnen, Bootsfahrschulen nicht

In der Anlage zu diesem MV-Plan ist zu lesen, dass Autofahrschulen in der Phase 2 unter Auflagen öffnen dürfen. Mit „Phase 2“ ist der Zeitraum vom 7. bis 18. Mai gemeint. Bootsfahrschulen sind erst in Phase 3 an der Reihe. Die beginnt am 25. Mai. Das heißt im Klartext: Fahrlehrer und Fahrschüler dürfen ab kommender Woche zusammen in einer engen Blechkabine über unsere Straßen rollen. Bootsfahrlehrer und Bootsfahrschüler dürfen aber nicht gemeinsam auf einem offenen Boot über unsere weiten Wasserflächen schippern. Und die Logik? Ist die bei den ganzen Beratungen vielleicht unbemerkt unter den Tisch gefallen?

Schauen wir doch mal auf den theoretischen Teil der Ausbildung. Ich kenne natürlich nicht alle Autofahrschulen. Aber die, die ich kenne, haben recht kleine Schulungsräume. Man muss ja auch keine Seekarte ausbreiten, wenn man den Pkw-Führerschein machen möchte. Unser Unterrichtsraum ist dagegen so geräumig, dass unsere Teilnehmer auch bei anspruchsvollen Navigationsarbeiten auf einer großen Karte immer genug Platz haben. Abstand zu halten ist bei uns also auch während des Theorieunterrichts nicht schwer. Zudem können wir die Kurse kleiner machen als üblicherweise.

Eine Sache, die mir im MV-Plan nebenbei aufgefallen ist: Sowohl bei Auto- als auch bei Bootsfahrschulen wird das Gefährdungspotenzial als „mittel“ eingeschätzt, die wirtschaftlichen und sozialen Schäden aber als „hoch“. Auch hier ist die Ungleichbehandlung also nicht nachvollziehbar.

Bisher hat das niemand verstanden

Zahlreiche Kursteilnehmer haben schon angerufen oder gemailt. Sie hätten gehört, die Fahrschulen machen nächste Woche wieder auf. Dann findet der Kurs doch statt? Ob sie noch einen Platz bekommen können? Jedes Mal erkläre ich, dass die Öffnung leider nur für die Autofahrschulen gilt. Und niemand hat das bisher verstanden.

Ich rege mich über Ungerechtigkeit auf. Und zwar so sehr, dass ich dann sofort etwas tun muss. Am besten mit jemandem reden und die Sache klären. Also habe ich gleich gestern Morgen beim Bürgertelefon der Landesregierung angerufen. Und tatsächlich bekam ich eine sehr kompetente und freundliche Mitarbeiterin ans Telefon. Die sagte mir, die Verordnung, auf der die oben zitierte Anlage beruht, gelte bis zum 10. Mai. Am Wochenende werde die neue Verordnung geschrieben und der MV-Plan dann aktualisiert.

Vielleicht ändert sich doch noch was

Es kann also sein, dass sich noch etwas ändert. Auch der Verband Deutscher Sportbootschulen, dem wir angehören, ist am Freitag noch aktiv geworden und hat in einem Schreiben ans Wirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern darum gebeten, auch den Sportbootschulen die Ausbildung wieder zu erlauben. In anderen Bundesländern ist das bereits geschehen. Es ist beinahe schon eine Farce, dass ausgerechnet in einem Bundesland an der Ostsee, in dem Wassersport eine vergleichsweise große Rolle spielt, der Segel- und Motorbootunterricht länger verboten wird als die Fahrstunden im Auto.

Warum unlogische Maßnahmen ernst nehmen?

Wer die bisherigen Beiträge in meinem Blog gelesen hat, weiß, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die gern meckern und ihre Unzufriedenheit ins Internet hinausschreien. Im Gegenteil. Mein Mann Ralf und ich sind bisher positiv mit der Krise umgegangen und haben das Beste daraus gemacht. Wir wollen weder uns selbst noch andere anstecken und sind bereit, unseren Unterricht der Situation anzupassen und Auflagen zu erfüllen, die der Sicherheit unserer Teilnehmer dienen.

Wozu wir aber nicht bereit sind, ist, uns einfach wegzuducken, wenn uns die Landesregierung ohne nachvollziehbaren Grund unsere Arbeit verbietet. Die Corona-Maßnahmen sind in Ordnung, solange sie dem Infektionsschutz dienen und solange sie sich mit logischen Argumenten begründen lassen. Wenn die Maßnahmen aber diese Voraussetzungen nicht erfüllen, warum sollen wir sie dann ernst nehmen? Was unterscheidet uns von der Autofahrschule, außer dass das Infektionsrisiko bei uns kleiner ist?

Wir können weder Lehrer noch Boote aus dem Hut zaubern

Unsere nächsten Kurse für die Sportbootführerscheine See und Binnen sollen am 16. Mai beginnen. Vom 18. bis 22. Mai haben wir einen Segelkurs geplant. Die Kurse sind gut gebucht. Auch einige Teilnehmer, die im März und April nicht kommen durften, haben Interesse an den Mai-Kursen. Am Donnerstag, 19. Mai, ist Feiertag. Die Kurswoche kommt unseren Teilnehmern wegen des Brückentags entgegen, und sie haben extra deswegen Urlaub genommen. Es handelt sich ausnahmslos um Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern. Diejenigen aus anderen Bundesländern haben ohnehin schon wegen des Einreiseverbots auf spätere Termine verschoben.

Nur können aber nicht alle unbegrenzt ihre Kurse nach hinten schieben. Zum einen bekommen sie dann vielleicht keinen Urlaub mehr. Zum anderen können wir im Sommer auch nicht plötzlich zehn Boote dazukaufen und noch ein paar Lehrer aus dem Hut zaubern, die dann mit allen Teilnehmern Einzelunterricht machen, weil man vielleicht nur zu zweit aufs Boot darf.

Infektionsschutz ja – aber kein willkürliches Ausbremsen von Branchen

In den vergangenen Tagen ist mir aufgefallen, dass bei vielen Menschen Unruhe und Frust größer werden. Vor allem dann, wenn Lasten ungleich verteilt und Verbote grundlos aufrechterhalten werden. Es fällt immer mehr auf, dass diejenigen, hinter denen große Verbände oder eine umtriebige Lobby stehen, mehr bekommen, während die anderen hinten in der Schlange warten müssen oder einfach vergessen werden. So hat zum Beispiel der Hotel- und Gaststättenverband für seine Mitglieder laut und lange ins Horn geblasen. Die Restaurants in Mecklenburg-Vorpommern dürfen ab dem heutigen Samstag wieder öffnen, und auch Ralf und ich freuen uns, dass wir jetzt mal wieder essen oder ein Bier trinken gehen können.

Nun gibt es weit weniger Segelschulen als Gasthäuser. Uns hört man nicht so schnell zu. Wir sind im großen Ganzen zu unbedeutend. Das ist aber nicht in Ordnung. Unsere Landesregierung beginnt, das Vertrauen zu verspielen, das sie sich bisher in der Krise erarbeitet hat. In der Corona-Krise geht es um Infektionsschutz und nicht um das willkürliche Ausbremsen einzelner Branchen. Auch wenn das nicht aus böser Absicht, sondern womöglich eher aus Versehen passiert.

Na ja, wir warten mal ab, wie die Verordnung aussieht, die am Wochenende geschrieben wird. Am Montag schauen wir uns den MV-Plan dann noch mal an.

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Corona-Blüten

Die Corona-Krise treibt zuweilen seltsame Blüten. Das wird jetzt, wo es immer mehr um Lockerungen geht, besonders deutlich. Manchmal würde ich am liebsten laut lachen. Aber der Ernst der Lage lässt mir das Lachen dann doch eher im Hals stecken bleiben.

Sieben Wochen Erfahrung

Mittlerweile haben wir sieben Wochen Erfahrung darin, mit der Corona-Krise zu leben. Wir erinnern uns: Am 16. März haben die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder sich für weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens entschieden: Kein Kino, kein Barbesuch und keine Gottesdienste mehr. Fitnessstudios und andere Freizeiteinrichtungen mussten schließen. Wie alle anderen Bildungseinrichtungen darf auch unsere Segelschule seitdem nur noch Online-Unterricht anbieten.

Eine Steigerung gab es dann noch mal am 22. März. Seitdem gelten Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperre. Auf dieser Grundlage hat jedes Bundesland in Nuancen eigene Regelungen beschlossen. Deutschlands Föderalismus wird im Ausland übrigens als sehr positiv wahrgenommen: Man ist dadurch hier in der Lage, Maßnahmen besonders schnell umzusetzen und auf regionale Besonderheiten einzugehen. Einen interessanten Artikel dazu hat das Handelsblatt kürzlich veröffentlicht.

Auf dem Grat zwischen Sinn und Unsinn

Nun steht also immer mehr die Frage im Mittelpunkt, wie und in welcher Reihenfolge man die Einschränkungen wieder lockern kann. Denn anders als in vielen anderen Ländern gibt es in Deutschland relativ wenig Neuinfektionen und im Verhältnis zur Zahl der gemeldeten Erkrankten auch wenig Todesfälle. Das soll auch so bleiben.

Deshalb sind derzeit in etlichen Gremien und Behörden Menschen damit beschäftigt, Möglichkeiten zu ersinnen, wie man – auch wenn nach und nach Lokale, Sport- und Bildungsstätten, Friseure, Häfen, Campingplätze, Hotels und andere Einrichtungen wieder öffnen – weiterhin dafür sorgen kann, dass sich die Menschen nicht anstecken. Sicher kommt durchaus Sinnvolles dabei heraus. Aber manchmal auch haarsträubender Unsinn.

Mal vorweggenommen: Die Leute, die die Sicherheitsregeln ausarbeiten, meinen es nicht böse. Im Gegenteil: Sie wollen, dass die Menschen in unserem Land sich möglichst nicht mit dem Virus anstecken. Niemandem ist an Schikane gelegen. Doch es schadet sicher nicht, wenn jemand, der einen Themenbereich bearbeitet, auch genügend Sachkenntnis darüber mitbringt.

Leider ernst gemeint: die lustigen Vorschläge vom Städteverband Schleswig-Holstein

Ein Vorgang, der unsere Branche betrifft, ist mir besonders aufgefallen. Da hat eine Dezernentin des Städteverbands Schleswig-Holstein ein „Phasenmodell und Konzepte zur (Wieder-)Öffnung der Sportboothäfen in Schleswig-Holstein“ erarbeitet und dieses an das entsprechende Landesministerium weitergeleitet. Stolze sechs DIN-A4-Seiten lang ist das Werk, eng bedruckt und üppig ausgestattet mit Paragraphen und amtsdeutschen Formulierungen.

Inhaltlich ist es eine wunderbare Persiflage auf die Art überkorrekter Instanzen, unsere Bevölkerung mit Auflagen zu versorgen. Wer das liest und sich mit Häfen und dem Segelsport auskennt, hätte demnach viel zu lachen. Es gibt nur ein Problem: Die Dame des Städteverbands meint das alles ernst.

Das „Phasenmodell“ aus Schleswig-Holstein schlägt zum Beispiel zum Saisonauftakt folgendes vor:
1. Alle Boote kommen ins Wasser.
2. Erst danach werden auf allen Segelbooten die Masten gesetzt.
3. Erst wenn alle Masten stehen, darf gesegelt werden.
Nun haben Sportboothäfen oft nur einen Kran. Normalerweise läuft das Ganze so ab: Das Segelboot wird an den Kran gehängt und ins Wasser gelassen. Dann kommt der Mast an denselben Kran. Der Kranführer manövriert den Mast an die richtige Stelle über das Boot, und dort wird er dann in den Mastfuß gesetzt und mit Drahtseilen zu den Seiten hin, nach vorn und nach hinten befestigt. Diese Drahtseile heißen „Wanten“ und „Stage“. Danach wird das Boot an seinen Liegeplatz gebracht, und das nächste Boot kann gekrant werden.

Fröhliches Masten-Aufstell-Ballett

So ein Mast kann locker zwischen 100 und 200 Kilo wiegen und zehn bis 20 Meter hoch sein, manchmal sogar mehr. Es kommt auf die Größe des Bootes und das Material an, aus dem der Mast besteht. Die meisten Masten sind also viel zu schwer und zu lang, um sie zu den Liegeplätzen zu tragen und dort aufzustellen. Was hat sich die Mitarbeiterin dabei gedacht? Ein fröhliches Masten-Aufstell-Ballett? Alle Boote liegen brav nebeneinander an ihren Plätzen, und dann schreit einer: „Die Masten hoooooooch!“, und alle heben synchron ihre Masten an?

Aber auch die reale Umsetzung dieses Phasenvorschlags wäre vollkommen absurd. Ich stelle mir das bildlich vor: Ein Boot nach dem anderen wird gekrant und zum Liegeplatz gebracht, während alle Masten irgendwo an Land herumliegen. Wenn dann alle Boote im Wasser sind, fährt man eines nach dem anderen wieder zum Kranplatz zurück, findet hoffentlich den richtigen Mast, stellt ihn mit Hilfe des Krans und motort erneut zum Liegeplatz.

Das alles dauert viel länger als sonst. Das Team im Hafen muss länger arbeiten, die Eigner, die warten, bis ihr Boot fertig ist, stehen länger dort herum, insgesamt kommen sich die Menschen also längere Zeit näher. Und auch derjenige, dessen Boot schon fertig ist, darf ja noch nicht segeln, so lange nicht alle anderen Boote auch fertig sind. Das steht ausdrücklich im Konzept: Es kann noch nicht gesegelt werden!

Segeln nach Kalendertagen

Richtig lustig wird es in dem Vorschlag der Dezernentin in Phase 3: Segeln. Ja, aber bitte nicht alle gleichzeitig! Ihre Idee: An geraden Kalendertagen sollen diejenigen mit den geraden Liegeplatznummern segeln dürfen, an ungeraden die mit den ungeraden Nummern.

Ich weiß nicht, welche Ängste die Verfasserin dieses Werks umgetrieben haben. Wo soll man denn mehr Abstand zu anderen halten als auf dem Wasser? Dort muss man sich allenfalls um den Abstand auf dem eigenen Boot kümmern, falls man mit jemandem an Bord ist, der nicht im selben Haushalt wohnt. Die Leute auf den anderen Booten sind weit weg; es gibt praktisch keine Berührungspunkte.

Und auch im Hafen sind die Menschen normalerweise auf ihren Booten. Sie liegen nicht wie Ölsardinen auf den Stegen rum. Es gibt normalerweise keine großen Menschenansammlungen. Wo auch, wenn die Hafenkneipe geschlossen ist? Aufpassen muss man natürlich bei den sanitären Einrichtungen. Aber sonst?

Die Sache ist vom Tisch, hurra!

Solche Blüten können also austreiben, wenn Leute mit einem Thema betraut werden, mit dem sie sich gar nicht oder kaum auskennen. Sicher hat die betreffende Dezernentin viele Stunden an ihrem Phasenmodell gearbeitet. Es enthält noch mehr erstaunliche Ideen, aber die beiden Beispiele genügen ja vollkommen. Zum Glück hat das Land Schleswig-Holstein diese Beispiele nicht in seinen Beschluss zum weiteren Vorgehen in den Sportboothäfen übernommen. Die Sache ist also inzwischen vom Tisch.

Möglichst wenig falsch machen

Unkenntnis des betroffenen Bereiches kann also ein Grund für problematische, für manche Branchen existenzgefährdende Vorschläge sein. Ein anderer Grund, warum geforderte Maßnahmen übertrieben oder in Einzelfällen fast schon absurd erscheinen, ist, dass die Entscheidungsträger möglichst wenig falsch machen möchten.

So gibt es zum Beispiel in unserer Branche Überlegungen der Prüfungsausschüsse, wie die Prüfungen für die amtlichen Sportbootführerscheine ohne Gefahr für die Gesundheit ablaufen könnten. Dabei dreht sich vieles um Abstand, Desinfektion sowie Mund- und Nasenschutz, und es ist vollkommen nachvollziehbar und erscheint mir sinnvoll.

An einer Stelle habe ich sogar etwas von Schutzvisiren verlauten hören. Hier musste ich dann doch mal schlucken. Denn diese würden die Verständigung an Bord erschweren, weil man dann unter Umständen nicht mehr verstehen kann, was der andere bei Wind und Wetter unter seinem Visir ruft. Bei Regen könnte man dann wohl auch nichts mehr sehen. Man sollte berücksichtigen, dass der Bootssport sehr oft draußen stattfindet und nicht in einer engen Kajüte. 🙂

Ein Amtsträger, der zu viel erlaubt, läuft womöglich Gefahr, verklagt zu werden, wenn sich aufgrund dieser Erlaubnis nachweislich Menschen mit dem Covid-19-Virus infizieren. Da bleibt man also lieber etwas zu vorsichtig. Auch das ist absolut nachvollziehbar.

Das Ganze ist ein Lernprozess

Wir dürfen eines nicht vergessen: Die Situation ist für uns alle immer noch neu. Wir sehen an den „Corona-Blüten“, dass wir noch keine Erfahrung damit haben. Die sieben Wochen sind allenfalls der Einstieg in ein weitgehend unbekanntes Problem. Es gibt eben keine Fallbeispiele aus früheren Pandemien, an denen wir uns entlanghangeln können. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass immer wieder Fehler passieren, falsche Entscheidungen getroffen und auch mal sinnlose Vorschläge gemacht werden können. Das Ganze ist für uns alle ein Lernprozess. Wichtig ist, dass wir nachbessern und korrigieren, wenn wir einen solchen Fehler bemerkt haben.

Verschwörungstheorien – nichts als klebriger Flüssigschleim

Eines liegt mir besonders am Herzen: die Verschwörungstheorien, die sich wie klebriger Flüssigschleim durchs Internet wälzen und für die Menschen tatsächlich in so genannten „Hygienedemonstrationen“ auf die Straße gehen. Sie gelangen überall hin und sind kaum noch wegzukriegen. Und dabei sind sie geballter Unsinn. Unser Staat benutzt nicht ein fiktives Corona-Virus als Ablenkung, um die Bevölkerung zu versklaven und eine Dikatur zu errichten. Bill Gates ist nicht der Urheber der Pandemie. Der Mobilfunkstandard G5 ist nicht schuld daran. Corona ist kein Plan, um eine Weltregierung durchzusetzen.

Eigentlich sind derartige Behauptungen so lächerlich, dass es weh tut, doch wir dürfen sie trotzdem nicht mit einer verächtlichen Handbewegung einfach beiseite wischen. Denn leider gibt es Menschen, die daran tatsächlich glauben. Einen Beitrag dazu gab es jetzt im Deutschlandfunk. Bitte versucht, so gut wie möglich mit Argumenten dagegenzuhalten, wenn Euch in Eurer Umgebung jemand auffällt, der solchen Theorien anhängt.

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Ich hab’s getan!

Eigentlich wäre ich gestern beim 44. Leipzig-Marathon auf der Halbmarathonstrecke an den Start gegangen. Als im Februar mein Papa gestorben ist, ist mein Trainingsplan erst mal zusammengekracht, und dann kam auch schon Corona. Trotzdem. Ich habe zwar nicht mehr für die lange Strecke trainiert, bin aber zwei bis drei Mal in der Woche gelaufen.

Kein T-Shirt ohne Lauf

Nun kam vorige Woche das von mir bestellte T-Shirt aus Leipzig an. Und dazu das Angebot, den Lauf „virtuell“ zu machen und das Ergebnis dann in Leipzig zu posten. Was soll ich sagen? Kein T-Shirt ohne Lauf! Also bin ich heute die 21 Kilometer gelaufen. Nicht in Leipzig, sondern hier. Und seeeeeeeehr langsam.

Von Wolgast ging’s über Krummin und Mölschow nach Trassenheide, dann noch ein kleines Stück am wunderschönen Ostseestrand lang und bei Vogelgezwitscher durch den Küstenwald. Geschafft hatte ich die Distanz dann zwischen Mölschow und Krummin an der B111. Dort hat Ralf mich abgeholt und gleich mein Notebook mit der virtuellen Startnummer mitgebracht – fürs Zielfoto. Yeah! 🙂

Mit zweieinhalb Stunden habe ich mir viel Zeit gelassen und kam deshalb entspannt an.
Ich bin niemals sehr schnell, meine beste Halbmarathonzeit war mal
beim Rügenbrückenlauf in Stralsund zwei Stunden, acht Minuten.
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Fröhlich und melancholisch: Unser Ausflug auf die Krumminer Wiek

Der 25. April ist unser Kennenlern-Tag. Also der Tag, an dem Ralf und ich uns zum ersten Mal begegnet sind. Das war in der allerersten Theoriestunde zum Sportbootführerschein Binnen. Wir haben dann zusammen segeln gelernt und sind gemeinsam immer weitergesegelt.

Genau 20 Jahre ist das jetzt her. Deshalb haben wir uns sehr über das tolle Wetter gefreut und sind mit der „Kleinen Brise“ auf die Krumminer Wiek hinausgesegelt. Neben diesem schönen Anlass gab es auch einen melancholischen. Mehr dazu seht Ihr in unserem kurzen Video.

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