Melancholie

Schöne Erinnerungen können so weh tun.
Eigentlich müsste man lachen, sich daran erfreuen, glücklich sein, dass man diese wunderbaren Momente erleben durfte.
Und was passiert wirklich?
Man sitzt da und heult.

Heute Morgen habe ich für meine Mutter den Antrag auf Witwenrente vervollständigt. Wegen Corona war ein Besuch im Amt nicht möglich, so dass die Antragstellung vor ein paar Tagen telefonisch stattfand. Dann wurde mir alles fertig ausgefüllt zugeschickt, und jetzt musste ich noch die entsprechenden Unterlagen zusammenstellen.

Da war einst so viel Zukunft

Als ich das Familienstammbuch meiner Eltern aufgeschlagen und die Heiratsurkunde herausgenommen habe, ist es dann passiert. So viel Glück war da gewesen am 5. August 1965. So viel Erwartung. So viel Zukunft. Der Standesbeamte in Remscheid hieß Epe mit Nachnamen, und meine Oma hatte eidesstattlich versichert, dass ihr Sohn im März 1940 in Kolberg zur Welt gekommen war.

Plötzlich war ich unendlich traurig, dass das alles so endgültig vorbei ist. Dass meine Eltern keine gemeinsame Zeit mehr haben. Dass der Papa für immer weg ist. Dass man niemals zurückkehren kann, um in schönen Zeiten zu verweilen. Dass wir schöne Momente nicht festhalten können.

Die nächste Seite im Familienstammbuch ist meine Geburtsurkunde. Immer noch Glück, Erwartung, Zukunft.
Jetzt sitze ich hier im Segelschulbüro neben dem Kopierer, und Erinnerungen stürzen auf mich ein. Es sind nur einige Szenen, die aber gleichzeitig auftauchen und zu einem dichten Ganzen werden. Das alles ist plötzlich so präsent, als würde tatsächlich alles auf einmal passieren. Der Papa ist da, hier bei mir.
Und ich sitze hier und heule.

Papa und ich in den 60-er Jahren, beinahe noch mit Eis.

Vier Kreise und ein Trapez – daraus wird ein Pferd

Ein Tag irgendwann Anfang der 70-er Jahre. Ich habe mich mit Papier und Buntstiften am Tisch niedergelassen, denn male und zeichne alles, was mir in den Sinn kommt. Jetzt muss es unbedingt ein Pferd sein. Ich bin verrückt nach Pferden. Ich muss etwa sieben oder acht Jahre alt sein, und meine gemalten Pferde lassen noch zu wünschen übrig. Manchmal ist der Kopf zu dünn, mal der Körper zu lang, dann wieder sind die Beine zu kurz.

Der Papa kommt und guckt mir über die Schulter. „Pass mal auf“, sagt er. „Eigentlich ist es ganz einfach. Ich zeige dir einen Trick.“ Er zeigt mir, welche Formen ich im Pferd sehen muss. Große und kleinere Kreise. Ein lang gestrecktes Trapez. Erst zeichne ich die Formen. Zwei Kreise und das Trapez für den Kopf. Zwei Kreise für den Körper. Das ist nur das Gerüst. Außen rum entsteht das Pferd. Und plötzlich klappt es. Das Pferd sieht total echt aus.

Wenn’s kein Pferd gibt, muss schon mal der Papa herhalten –
wie hier am Strand in Petten an der holländischen Nordseeküste.

Von der Kunst, zwischen zwei Schneehaufen zu parken

Ein Wintertag Ende 93 oder Anfang 94. Ich bin morgens mit meinem Fiat Panda auf abgenutzten Sommerreifen von Münster, wo ich studiere, nach Remscheid gefahren und habe meine Großeltern besucht. Als ich von dort aus die paar Kilometer zu meinen Eltern fahre, fängt es an zu schneiden. Ich schaffe es irgendwie noch bis in unsere Straße.

Aber das Einparken zwischen zwei alten Schneehaufen geht nicht mehr. Die Straße liegt am Hang, die Räder drehen durch, und da steht nun mein kleines rotes Auto mitten im Weg. Wütend steige ich aus und bombardiere unser Haus mit Schneebällen, um Dampf abzulassen und meinen Ärger loszuwerden. Da kommt auch schon der Papa heraus, lacht mich aus und parkt mal eben mein Auto ein.

Papa schippt Schnee. Davon hatten wir in manchen Wintern reichlich.

Was soll ich hier? Sehnsucht nach Papa

Dezember 1999. Vor kurzem bin ich nach Hamburg gezogen und habe meinen Job bei der Bildzeitung angefangen. Ich werde nicht richtig warm damit. Meine Freunde habe ich in Münster zurückgelassen, in Hamburg kenne ich kaum jemanden. Und meine Wohnung ist eine Baustelle. Kurz vor meinem Einzug wurde Hausschwamm entdeckt, und jetzt hat das Wohnzimmer keinen Boden. Es gibt nur noch Balken, und ich kann von der Tür aus gleich in die Etage drunter gucken. Meine Möbel und Kartons stapeln sich in den anderen Räumen. Sofa und Fernseher haben die Möbelpacker in ein kleines Zimmer gequetscht, und da sitze ich nun am Samstagabend und fühle mich so unendlich einsam.

Im Fernsehen läuft „Feivel der Mauswanderer“. Der kleine Kerl verliert seine Familie auf einem sinkenden Auswandererschiff und sucht sie nun in Amerika. Als er glaubt, seinen Vater zu sehen, ruft er voller Hoffnung: „Papa! Papa?“ Und da habe ich plötzlich eine unbändige Sehnsucht nach meinem Papa und frage mich: Was mache ich hier eigentlich?

Überraschung! Ralf hält um meine Hand an

Ein Tag im Herbst 2000. Zum ersten Mal fährt Ralf mit mir nach Remscheid zu meinen Eltern. Kennen gelernt haben sie sich schon, als meine Eltern mich im Sommer in Hamburg besucht haben. Nun soll Ralf auch mein Zuhause kennen lernen. Und er möchte – ganz herzzerreißend altmodisch – um meine Hand anhalten. Als wir zusammen in der großen Wohnküche sitzen, tut Ralf genau das. Meine Eltern staunen und freuen sich. Der Papa guckt ganz perplex und sagt natürlich ja, und danach haben wir ordentlich was zu feiern. Papa hätte niemals damit gerechnet, gefragt zu werden. Das hat er mir später gestanden.

Fröhliche Feste

27. Juli 2001. Ralf und ich feiern unsere Hochzeit bei strahlendem Sommerwetter in Hamburg an der Alster. Papa hat die ganze Zeit gefilmt, aber nun steht er auf und hält seine Rede, die er liebevoll vorbereitet hat. Da steht er in seinem grauen Anzug, und man spürt, dass er sich über die Hochzeit und seinen Schwiegersohn freut.
Er konnte so gut reden, der Papa. Er hatte eine sehr schöne Stimme, und ich höre sie noch immer ganz deutlich.

13. März 2005. Papas 65. Geburtstag. Er hat zur „Speicherparty“ eingeladen. Die Dachgeschosswohnung in meinem Elternhaus steht gerade leer und bietet viel Platz zum Feiern. Wir haben Bierzeltgarnituren aufgebaut und jede Menge Essen gemacht. Viele Gäste sind gekommen, und wir haben so viel Spaß. Der Papa ist überall gleichzeitig, lacht und verbreitet gute Laune. Ralf und ich sind da schon seit fast fünf Jahren ein Paar, und wir feiern kräftig mit. An diesem Abend sehe ich einen liebenswerten Menschen wohl zum letzten Mal: den Vater meines früheren Lebensgefährten Olaf. Aber das weiß ich natürlich noch nicht. Es ist ein freudiger, lustiger Tag.

Noch einmal ein Aufbruch

Juli 2008. Die Sonne strahlt vom knalleblauen Himmel. Es ist warm. Im Wolgaster Museumshafen schnattern die Enten und kreischen die Möwen. Der Umzugswagen ist da, und unsere jungen Segellehrer helfen fleißig beim Kistenschleppen. Ganz aufgeregt wuseln meine Eltern durch ihre neue Wohnung. Sie haben es tatsächlich getan: ihr Haus in Remscheid verkauft und eine schöne sonnige Wohnung in Wolgast gekauft. Sie sind in unsere Nähe gezogen, damit uns nicht länger mehrere hundert Kilometer trennen. Sie freuen sich auf den neuen Lebensabschnitt am Meer. Das ist ihnen richtig anzumerken. Wir bestellen eine große Platte Fischbrötchen unten im Restaurant Fischer Klaus und essen uns erst mal alle richtig satt.

Noch ein paar schöne Jahre: Meine Eltern 2008 in ihrer Wohnung in Wolgast. Die Bilder an der Wand hat der Papa gemalt; sie hingen mein Leben lang im Wohnzimmer.

Ein wunderbares Netz aus Freude und Geborgenheit

Da sind natürlich noch viel mehr Erinnerungen. Seltsam, wenn sie alle auf einmal aus der Vergangenheit auftauchen und von der Gegenwart Besitz ergreifen. Mir wird richtig bewusst, was für ein wunderbares Netz aus liebevollen Menschen, Zuhause, Geborgenheit und Freude das gewesen ist, was mein Leben so lange ausgemacht hat. Nun wird das Geflecht loser. Mein altes Zuhause gibt es nicht mehr; auch die lange vertrauten Menschen gehen nach und nach. Aber meine Mutter ist noch da. Sie ist der Mensch, dem der Papa am allermeisten fehlt.

Endlich wieder die Mama besuchen

Heute Nacht werden es drei Monate, dass mein Vater gestorben ist. Einen Monat lang konnten wir uns noch um meine Mutter kümmern und sie jeden Tag im Pflegeheim besuchen. Meine Eltern haben dort die letzten zwei Jahre gemeinsam verbracht. Sie waren Tag und Nacht zusammen. Und dann war die Mama also plötzlich allein.

Als die Corona-Beschränkungen kamen, durften wir nicht mehr zu ihr. Seitdem sitzt sie tagein, tagaus allein mit ihrer Trauer in ihrem Zimmer. Zum Glück kann sie auch mal im Park spazieren gehen, und sie kommt bei den Mahlzeiten mit den anderen Bewohnern zusammen. Aber das ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben jeden Tag zwei Mal telefoniert, und sie ist so tapfer. Jetzt endlich darf ich sie wieder besuchen. Einmal in der Woche eine Stunde, nach vorheriger Terminvereinbarung. Das ist nicht oft, aber immerhin etwas. Mein Termin ist am Montagnachmittag. Darauf freuen wir uns beide schon sehr.

Leise, ganz leise schweben die Erinnerungen davon

Trotzdem herrscht heute die Wehmut vor. Die Melancholie. Die schönen Erinnerungen sind wie die alten Volks- und Wanderlieder, die der Papa mit mir gesungen hat, als ich noch ein Kind war. Sie klingen nach. Sie schwellen an und werden leiser.
„Da haben wir so manche Stund‘ gesessen wohl in froher Rund‘
und taten singen; die Lieder klingen
im Eichengrund.
und taten singen; die Lieder klingen
im Eichengrund.“

Und leise, ganz leise schweben die letzten Töne davon.

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