Kann man eine Landschaft erben?

Ein paar Gedanken über das Leben in Pommern – und warum es für mich etwas Besonderes ist

Endlich Frühling! Hier in Pommern lässt er sich ja immer ein bisschen mehr Zeit, aber in diesem Jahr kam er besonders spät. Die meisten Tulpen auf unserem Balkon sind erfroren, bevor sie blühen konnten. Ständig wehte ein kalter Wind. Erst jetzt, im Mai, sind die Bäume richtig grün geworden. Der Raps blüht. Die wärmeren Tage werden mehr. Plötzlich ist die Landschaft voller Farben. Zu dieser Zeit gehört es für mich zu den schönsten Erlebnissen, durch Wald und Feld zu laufen, nie weit vom Wasser weg, und immer wieder neue Aussichten zu genießen. Natürlich bin ich auch sehr gern auf dem Wasser unterwegs – aber genau so wichtig sind mir die Streifzüge durch die Landschaft. Mit diesem Pommern, dem „Land am Meer“ – das bedeutet der Name wörtlich übersetzt – hat es für mich etwas Seltsames auf sich.

Ein Frühling, in dem sich Sonne und Regen abwechseln – mit wunderbaren Farben.

Ich spüre eine starke Verbundenheit mit dieser Landschaft. Sie lässt in mir etwas anklingen, das andere Menschen vielleicht Heimatgefühl nennen würden. Ich meine damit Menschen, die wirklich ein solches Gefühl für ihre Heimat empfinden. Aber Pommern ist ja gar nicht meine Heimat. Aufgewachsen bin ich im Bergischen Land, hunderte Kilometer südwestlich von hier, eben ganz weit im Westen der alten Bundesrepublik. Das Bergische Land ist mir natürlich vertraut, doch ein Heimatgefühl im engeren Sinne habe ich dafür nie gehabt. Woher also stammt die Bindung an eine Landschaft, in die ich doch nur zugereist bin?

Einsame Alleen, endlose Felder. Und dazu dieser…
… wunderbare weite Himmel. Und immer wieder…
… Wasser. Hier der Blick von der Peenebrücke in Wolgast.

Da hat es früher andere Landschaften und Städte gegeben; ich habe in Bonn gelebt, in Münster, in Hamburg, in der Altmark. Doch wie gut ich all diese Regionen auch kennengelernt habe, wie gern ich auch dort war – eine tiefere Beziehung dazu habe ich nicht. Eigentlich war ich immer auf der Suche.

Meine Empfindung war immer die Heimatlosigkeit

Ich gehöre zu der in den vergangenen Jahren viel untersuchten und beschriebenen Generation der Kriegsenkel, und da gibt es ja eine ganze Reihe von Erscheinungen, Defiziten und lange unverarbeiteten Empfindungen. Meine war immer die Heimatlosigkeit. Das Nirgendwohingehören als Basis für ein ganzes Leben. Damit meine ich nicht, dass es keine Menschen gibt, zu denen ich gehöre. Die gibt es sehr wohl, ich bin bei liebevollen Eltern aufgewachsen, ich habe einen wunderbaren Mann und liebe Verwandte und Freunde. Aber den einen Ort, an dem meine Wurzeln liegen, habe ich nicht.

Jetzt also Pommern. Seit ich mit Anfang 20 von zuhause ausgezogen bin, habe ich in keiner Region so lange gelebt wie hier. Es sind jetzt schon über zehn Jahre, und ich habe nicht das Bedürfnis, woandershin zu gehen. Dabei wollte ich, als ich jung war, immer in der Großstadt wohnen. Kein Gedanke, aufs Land zu ziehen. Um Himmels willen! Hätte mir das einer vor 30 Jahren vorgeschlagen, hätte ich ihn wohl ausgelacht. Wie kommt es nun, dass mich diese sanften Hügel, die riesigen Felder, die Wälder, das Wasser und der weite Himmel so berühren? Kann man eine Landschaft erben? Von Generationen, die man selber nie kennengelernt hat?

Mein Vater ist im März 1940 in Kolberg geboren. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er zu einem großen Teil im Haus seiner Großeltern mütterlicherseits im Dorf Podewils in Hinterpommern, etwa 50 Kilometer von Kolberg entfernt. Die Familie Bielitzki war groß; meine Urgroßeltern hatten sieben Kinder, und jeder spielte ein Instrument. Alle zusammen waren sie die „Kapelle Edelweiß“ und traten – die Jungs lustigerweise in Lederhosen – auf vielen Festen in den Dörfern der Gegend auf. Bevor mein Urgroßvater als Obermelker auf dem Gut Podewils anfing, lebte die Familie im Dorf Mersin bei Köslin, noch ein Stück weiter östlich.

Macht offenbar Spaß: Mein Papa trommelt am Schlagzeug der Kapelle Edelweiß.

Sehnsucht nach dem „versunkenen Land“

Meine Großeltern haben viel erzählt, und ich habe viel gefragt. Ich weiß, dass mich das von anderen Kriegsenkeln unterscheidet, in deren Familien geschwiegen wurde. Oft beharrlich geschwiegen. Bei Oma Hilde und Opa Walter nicht. Ich bin aufgewachsen mit Geschichten aus Pommern und auch aus der früheren Grenzmark Posen-Westpreußen an der Warthe, aus der mein Opa stammt. Als Kind und Jugendliche hatte ich Sehnsucht nach diesen Orten. Ich wollte sie sehen und wissen, wie sich das Leben dort anfühlte. Doch das ging nicht, sie lagen im versunkenen Land. So habe ich das für mich im Stillen genannt. Das „versunkene Land“, das es nicht mehr gibt und wo man auch nicht hinfahren kann. Versunken im Strom der Geschichte.

Astrid Lindgren schreibt in ihren Kindheitserinnerungen vom „entschwundenen Land“, vom „Pferdezeitalter“, von einer Zeit, die vergangen ist und dabei das Land und das Leben, wie es damals war, mitgenommen hat. Das trifft natürlich auch für das Land und Leben meiner Urgroßeltern und die Jugend meiner Großeltern zu. In das Leben von damals kann man nicht zurückkehren, man kann es sich aber vorstellen. Wer einen Eindruck von Astrid Lindgrens „versunkenem Land“ bekommen will, konnte und kann jederzeit nach Småland fahren und sich Landschaft und Häuser ansehen. Ich konnte damals aber nicht nach Pommern fahren. Schon gar nicht nach Hinterpommern. Damals lagen all diese Orte hinter dem Eisernen Vorhang und waren für mich schlicht nicht zugänglich. Das wiederum machte sie ganz besonders geheimnisvoll.

Inzwischen bin ich längst in Hinterpommern gewesen. Im Sommer 2009 sind Ralf und ich mit einem kleinen Schwarz-Weiß-Foto durch Podewils – es heißt heute Podwilcze – gezogen und haben das Haus meiner Urgroßeltern gesucht. Wir haben Menschen auf der Straße das Bild gezeigt, auf dem mein Papa als kleiner Junge neben meiner Großtante Herta auf der Treppe vor dem Haus steht. Doch niemand konnte oder wollte das Haus erkennen.

Ungefähr 80 Jahre her: der kleine Kurt mit Tante Herta auf der Treppe vor dem Haus.
Das Haus wurde verputzt, die Fenster verändert. Aber Tür und Treppe sind gut zu erkennen.

Geholfen hat schließlich Oma Hilde. Ich habe mich vor das Rentamt in der Dorfmitte gestellt und sie mit dem Handy angerufen. „Hallo Oma, wir stehen hier in Podewils vor dem Rentamt und suchen euer Haus. Wo muss ich langgehen?“ Sie hat sich total gefreut. „Nein, wirklich! Da ruft mich tatsächlich jemand aus Podewils an! Da hätte ich nie mit gerechnet.“ Sie beschrieb mir den Weg, es war nicht weit. Podewils ist klein, es gibt nur drei Straßen.

Das alte Rentamt in Podewils. Zu dem Storch auf dem Dach gibt es eine lustige Geschichte. Als mein Vater zwei Jahre alt war, wurde sein Bruder Peter geboren. Man sagte ihm, der Storch habe ihn gebracht. Der kleine Kurt wollte aber kein Brüderchen. Er lief zum Rentamt und schrie zum Storchennest hinauf, man möge den Bruder gefälligst wieder abholen.

Mit Papa in Podewils – eine Rückkehr nach 71 Jahren

Sieben Jahre später waren wir mit meinen Eltern noch einmal dort, und mein Vater hat das alte Haus wiedergesehen. Es hatte schon bei unserem ersten Besuch leergestanden; nun hatte der Verfall eingesetzt. Ein netter junger Mann, den mein Vater ansprach, erzählte uns, das Haus gehöre der Kirche. Am liebsten wäre ich hineingegangen in das baufällige Haus. Ich habe mich nicht getraut. Das tut mir heute noch leid.

In unserem Wohnzimmer hängt ein Bild, das Oma Hilde einst aus der Erinnerung gemalt hat. Es zeigt das Haus der Familie in Podewils. Sie hatte ein gutes Gedächtnis, man erkennt es wieder. Die Backsteinmauern wurden später verputzt, und ein Fenster wurde zugemauert, ein weiteres vergrößert. Doch anhand der Umgebung und anhand des Schattens zur Mittagszeit konnten wir es eindeutig identifizieren.

71 Jahre nach der Flucht: Papa steht am Gartentor des Hauses, in dem er seine ersten Lebensjahre verbrachte. Mit dabei sind Ralf und meine Mutter.

In Hinterpommern liegen die Dörfer weit auseinander. Man muss mitunter lange durch den Wald fahren, bevor man die nächste Ansiedlung erreicht. Bei uns in Vorpommern geht es ein klein wenig enger zu, aber so viel macht es nicht aus. Auch hier findet man viel Landschaft mit wenigen Menschen. Gegenden wie der Lieper Winkel auf der Insel Usedom zum Beispiel könnten genau so gut in Hinterpommern liegen. Wenn ich in dieser Umgebung unterwegs bin, fühle ich mich eingefügt in ein Ganzes.

Ein menschliches Bedürfnis: das Finden von Wurzeln und Wegen

Es geht hier viel um Erde. Um Land und Scholle und solche Dinge. Aber um Besitz geht es mir dabei nicht. Ich möchte einfach die Orte spüren, von denen ich schon so viel gehört habe, an denen meine (Ur)urgroßeltern lebten und meine Geschichte begann. Ich glaube, das Finden von Wurzeln und Wegen ist ein urmenschliches Bedürfnis. Da ist ja nicht nur Pommern. Ich möchte mir auch das Land an der Warthe ansehen, das die Familie der Mutter von Opa Walter jahrhundertelang bewirtschaftete und wo mein Opa schon als kleiner Junge die Ochsen einspannen und pflügen musste.

Meine Vorfahren kamen aus allen möglichen Gegenden. Auch aus Ostpreußen, aus Schlesien, aus Sachsen und natürlich aus dem Rheinland. Einige trugen slawische Namen: Bielitzki, Murawski, Sobczak und noch ein paar mehr. Schon lange vor meiner Zeit gab es in dieser Familie Wandervögel. Und jede Menge interessanter Geschichten. Auch eine Legende gibt es und ein Rätsel, das ich gerne lösen möchte. Doch das will ich jetzt und hier nicht weiter vertiefen. Vielleicht mache ich eines Tages ein Buch daraus. Einige Texte sind bereits fertig.

Mit dem Kassettenrekorder zum Interview

Ich bin den Eltern meines Vaters und auch meinen Eltern sehr dankbar, dass sie offen waren für meine Fragen. Ungezählte Male saß ich bei Oma und Opa im Wohnzimmer und hörte den Berichten von früher zu. Sie haben keine rosa gefärbten Geschichten voller Heimatkitsch erzählt, sondern ich denke, sie haben tatsächlich versucht, alles so darzustellen, wie es war oder wie sie sich daran erinnerten.

Ende der 90-er Jahre habe ich mit Oma Hilde und Opa Walter Kassetten aufgenommen. Sie haben von ihren Eltern und Geschwistern erzählt, von Leben in ihrer Kindheit und Jugend, von der Zeit, in der sie sich kennenlernten. Dazu haben sie alles auf den Esszimmertisch gelegt, was sie bei der Flucht aus der alten Heimat mitnehmen konnten. Eine Reihe von Fotos und sogar alte Geburts- und Heiratsurkunden meiner Urgroßeltern waren dabei. Es war allerhöchste Zeit für die Interviews. Opa Walter ist im August 1999 gestorben. Seine Stimme und seine Geschichte sind mir geblieben.

Meine Oma hat noch bis 2017 gelebt, sie wurde fast 100 Jahre alt. Auf die Bitten ihrer Kinder hin hat sie ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben bis zu der Zeit, in der die Familie Anfang der 50-er Jahre in Remscheid ein neues Zuhause fand. Auch mein Vater hat seine Geschichte aufgeschrieben. So liegen die alten Erinnerungen nun bei mir im Vertiko, und ich finde, das gehört zu dem Besten und Wertvollsten, was mir diese geliebten Menschen hinterlassen haben. Mein Vater ist voriges Jahr gestorben. Drei Monate danach habe ich darüber einen Beitrag für diesen Blog geschrieben.

Ein Einschnitt, der über mehrere Generationen wirkt

Niemand kommt aus dem Nichts. Alle Menschen gehören in ein Gefüge, ein Geflecht, das sich zusammensetzt aus ihren Vorfahren und aus deren Landschaften, Erlebnissen und Erfahrungen. Zu allen Zeiten haben Menschen ihre Heimat verlassen und sind weitergezogen. Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, ob jemand freiwillig geht und zurückkommen kann oder ob das nicht so ist. Dieser tiefe Einschnitt – dass meine Vorfahren nicht zurückkommen konnten, sofern sie den Krieg überhaupt überlebten – hat in meinem Unterbewusstsein immer eine große Rolle gespielt. Obwohl ich erst zwei Generationen später zur Welt gekommen bin.

Eingebunden in die Landschaft – ich bin eben doch ein Bauernkind.

Vielleicht trägt jeder Mensch die Landschaft seiner Vorfahren in sich, und vielleicht einen Teil davon mehr als den Rest: den Teil, in den – aus welchen Gründen auch immer – eine ganz besonders starke Wurzel hinreicht. Womöglich ist auch das eine Art Erbe – auch wenn es nicht in unserer DNA, liegt, sondern sich auf einer anderen, einer geistig-emotionalen Ebene vollzieht.

Ich jedenfalls habe einen spürbaren Anteil pommersches Bauernkind in mir – allerdings mit einer gehörigen Portion Fernweh und einer Neigung zum Reisen auf dem Wasser.

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Corona muss weg – aber wir verlieren uns in Nichtigkeiten

Weshalb wir die Pandemie nicht effizient bekämpfen

Wir machen immer wieder die gleichen Fehler. Wir verlieren das Wesentliche aus den Augen. Statt dass wir alle zusammen die Pandemie effizient bekämpfen, zersplittern wir uns in Gruppen. Verlieren uns in Nichtigkeiten. Diskutieren, überlegen, handeln zu langsam. Und was noch viel schlimmer ist – es gibt Menschen, die nicht das Virus, sondern andere Menschen bekämpfen. Denn auch das macht Corona deutlich: Die Hemmschwellen sinken. Widerliches kommt ans Tageslicht. Pöbeleien, Hass, Gewaltaufrufe.

Hier offenbaren sich die menschlichen Schwächen, die immer wieder, zu allen Zeiten, zu Katastrophen geführt haben. Kriege. Pogrome. Umweltzerstörung. Und jetzt, aktueller denn je, der Klimawandel. Kleingeist, Unvernunft, mangelnde Weitsichtigkeit und Egoismus scheinen in der Summe stärker zu sein als Klugheit, Besonnenheit und Zusammenhalt.

Warum tun wir nicht konsequent, was nötig ist?

Warum tun wir nicht einfach das, was nötig ist? Ein Virus zu bekämpfen bedeutet doch wohl in erster Linie, Ansteckungen zu verhindern. Und zwar überall da, wo diese erfolgen. Also auch in den Büros und Produktionshallen großer Unternehmen. Auch während der Pause in der Teeküche. Und natürlich in Häusern, Fahrstühlen und Wohnungen. Beim heimlichen Treffen mit den Freunden, bei dem man sich mit dem Bierglas in der Hand auch noch freut, dem Staat eins ausgewischt zu haben.

Was steht dem wirkungsvollen und vor allem rechtzeitigen Einsatz gegen die Pandemie eigentlich alles im Weg? Und sind diese Hindernisse tatsächlich so schwer zu überwinden?

Corona hat’s auf der Party gerade lustiger

Stellen wir uns mal vor, das Virus mit seinen Mutanten und wir Menschen sind gerade auf derselben Party. Jetzt wäre es ratsam, dafür zu sorgen, dass die Party für die Coronafamilie nicht lustiger wird als für uns. Und was passiert wirklich?

Am Buffet steht stocksteif die Bürokratie und frisst wertvolle Zeit einfach auf. In der marginal beleuchteten Lounge lümmelt der Lobbyismus und raunt, dass zu viele Tests zu viel kosten und dass Homeoffice hier und wohl auch dort eine schlechte Idee ist. Im Saal neben der Lounge diskutieren derweil die Veranstalter der Party mit ausgesuchten Wissenschaftlern, wie sie ihre Gäste am besten schützen. Einige hören mehr auf das Geraune aus der Lobby nebenan, andere mehr auf die Wissenschaftler. Es gibt viele Ideen, Einigkeit gibt es eher nicht.

Die Partygäste dürfen nicht auf die Tanzfläche, aber einige gehen trotzdem hin. Die meisten sitzen familienweise verpackt in Separées. Manche treffen sich heimlich im Keller. Auf der Bühne spielt niemand Tanzmusik, doch es treten bekannte Figuren mit einer zwar komplett informationslosen, dafür aber zynischen Kabarettvorstellung auf. Es kommen Buhrufe, aber es kommt auch Applaus. Letzterer vor allem von denen, die lieber an Verschwörungen glauben als an Corona.

Zwischen Zeitverschwendung und Zynismus, Geraune und Verständnislosigkeit tanzt derweil das Virus überall da von Wirt zu Wirt, wo man es ihm leicht macht. Corona scheint es tatsächlich gerade lustiger zu haben als wir. Wir hätten die Party absagen sollen.

Auf geht’s! Immer geradeaus zum Ziel

Okay, genug fabuliert. Statt auf der Party herumzuirren, sollten wir uns jetzt endlich mal geradeaus bewegen. Auf unser Ziel zu. Das Ziel heißt: das Virus so gut wie möglich stoppen. Wenn wir den Viren keine Gelegenheit mehr geben, von dem einen auf den nächsten Wirt zu wechseln, hat Corona zwangsläufig bald ausgetanzt. Wie schafft man das? Wenig Kontakte, vor allem in Innenräumen, wirksame Masken, Impfen. Und mit möglicht vielen Tests die Virusträger finden und isolieren. Das klingt doch eigentlich nicht besonders kompliziert.

Es bringt nichts, immer wieder das „Wir-haben-zu-spät-zu-wenig-Impfstoff-bestellt“-Fass aufzumachen. Mittlerweile entspannt sich die Lage immerhin. Und wenn wir beklagen, dass im vergangenen Sommer zu wenig Vorbereitungen auf eine zweite und dritte Corona-Welle getroffen wurden, ist das sicher richtig. Aber auch dieses Lamento hilft uns gerade nicht weiter. Vergangene Fehler können wir nach der Pandemie aufarbeiten. Jetzt sollten wir unsere Energie lieber darauf verwenden, künftige Fehler zu vermeiden. Wir haben doch dazugelernt, oder nicht?

Dreiviertellockdown setzt uns in die Dauerschleife

Manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Trotz der Bundesnotbremse und der strengen Regelungen in unserem Bundesland befinden wir uns gefühlt immer noch in einer Art halbem oder Dreiviertellockdown. Natürlich gibt es Berufe, in denen man nicht zu Hause arbeiten kann. Aber genau so gibt es Menschen, die ins Großraumbüro gehen, obwohl sie zumindest einen Teil ihrer Arbeit von zu Hause aus machen könnten. Die angekündigte Testpflicht in den Unternehmen schleppt sich als müde Testangebotspflicht durch den Alltag der Arbeitnehmer. Und überall, in Supermärkten, in öffentlichen Verkehrsmitteln, sogar im Wartezimmer von Arztpraxen, sehe ich immer wieder Menschen mit lose vor dem Kinn schlabbernder medizinischer Maske, während die Nase drüber wegguckt. Wie, bitteschön, sollen wir Corona so daran hindern, sich bei neuen Wirten einzunisten?

In der Segelschule rotieren wir im Moment in einer Dauerschleife. Seit Wochen sagen wir praktischen Motorboot- und Segelunterricht erst zu, dann wieder ab. Wir planen, planen um, planen neu. Die Regeln haben sich immer wieder geändert. Die meisten unserer Teilnehmer nehmen das hin, zeigen Empathie und sind freundlich. Aber bei einigen liegen jetzt die Nerven blank. Die Grenze zum Rumpöbeln hat auch schon einer überschritten. Und es gibt tatsächlich solche, die glauben, dass Corona die Erfindung einer bösen Macht im Hintergrund ist. Und dass alle, die sich vor dem Virus schützen möchten, blöd sind. Das ist zum Glück bei unseren Kursteilnehmern nur eine Minderheit.

Bei Dummheit in der Krise hört der Spaß auf

Trotzdem ärgert mich das. An manchen Tagen rege ich mich auch furchtbar darüber auf. Muss ich Verständnis für Menschen haben, denen es an Besonnenheit fehlt, an der Bereitschaft oder auch der Fähigkeit, sich jenseits von „einfachen Lösungen“ zu orientieren? Nein! Ich habe keine Lust mehr, tolerant zu sein. Normalerweise halte ich mich an die einfache Regel „Leben und leben lassen“, aber bei Dummheit in der Krise hört der Spaß auf. Neulich habe ich eine Mutter im Fernsehen bestaunt, die sich gegen die Tests bei Schulkindern aufgelehnt hat. Ihre Begründung: „Ich teste doch kein gesundes Kind!“ Dabei war ihr die Wut anzuhören. Hat sie wirklich nicht verstanden, wozu Tests da sind? Was soll die aufgeheizte Stimmung? Wir lösen ein Problem nicht, indem wir es ignorieren. Die Pandemie halten wir damit nicht auf.

Warum ist das so schwer zu begreifen? Weil wir das Virus nicht sehen können? Aber wir sehen doch die Folgen. Menschen sterben. Über 80.000 mittlerweile, das entspricht fast der Einwohnerzahl meiner Heimatstadt Remscheid. Menschen leiden an den Folgen der Erkrankung, werden vielleicht nie mehr richtig gesund. Und nicht „nur“ die Alten. Warum ziehen wir für eine überschaubare Zeit mal nicht alle an einem Strang statt das Tau in verschiedene Richtungen zu zerren und immer wieder zu zerreißen? Wir brauchen keine Querdenker, die in Wirklichkeit Quertreiber sind, wir brauchen keine Lobbyisten, wir brauchen keine Zynisten und keine unqualifizierten YouTuber, die anderen irgendwelchen Quatsch in die Hirne blasen.

Mal fehlt Sinn, mal fehlt Mut

Natürlich machen auch Ralf und ich uns Gedanken über den politischen Umgang mit der Pandemie. Wir wittern Wahlkampf und finden logische Brüche. Wir sehen, dass es auch sinnlose Maßnahmen gibt, dass es an Mut fehlt, wirtschaftlichen Größen auf die Füße zu treten, dass nicht alle wissenschaftlichen Bereiche gleich viel Gewicht haben. Warum zum Beispiel hört man vergleichsweise wenig auf Aerosolforscher und verhindert vielerorts Aktivitäten in Außenbereichen, während Produktionshallen, öffentliche Verkehrsmittel und Büros noch immer von zu vielen und teils schlecht maskierten Menschen bevölkert werden?

Aber auch wenn wir einige der Maßnahmen kritisieren und manche absurd finden (z. B. die Ausgangssperre auf der Insel Helgoland mit der Corona-Inzidenz Null), befürworten wir den Kampf gegen die Pandemie. Wir informieren uns täglich und setzen uns mit der Problematik auseinander. Wir sehen auch die gesellschaftlichen Folgen und die existenziellen Probleme, die das alles mit sich bringt. Das alles macht uns Sorgen – doch in erster Linie müssen wir die Pandemie in den Griff bekommen, auch wenn wir darüber die anderen Probleme nicht vergessen dürfen.

Kein Toter kommt wieder

Ich finde, dass wir jetzt nicht den Fehler machen dürfen, uns von der Verfolgung unseres vorrangigen Zieles ablenken zu lassen. Meine Rechte und meine Freiheit sind mir sehr wichtig, und ich möchte beides nicht verlieren. Aber ich bin bereit, mich da im Moment zurückzunehmen. Denn Menschenleben sind noch wichtiger. Kein Toter kommt wieder. Wie können wir es zulassen, dass Menschen an Corona zugrunde gehen, während wir endlos diskutieren, klagen, protestieren und – was das Allerallerschlimmste ist – andere mit Hassparolen attackieren?

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Ich habe keine Lust mehr auf Corona!

Von Internetkursen, unterbrochener Motorbootausbildung und einem Brief zur falschen Zeit

Corona und kein Ende – und ich habe eigentlich keine Lust mehr, darüber zu schreiben. Aber dann mache ich es doch.
Vor diesem klebrigen, überall anhaftenden, alles beherrschenden Thema kann man nicht weglaufen. Leider.

Ein bisschen Pandemie de Luxe…

Bevor ich loslege, will ich aber eines klarstellen: Ich will nicht jammern.
Ralf und ich leben in der De-Luxe-Version der Pandemie. Wir sind gern zusammen und gern auch Tag und Nacht. Unsere Umgebung ist wunderschön, und wenn wir nur spazieren gehen oder einen kleinen Ausflug mit dem Auto machen, sind wir schon an den Sehnsuchtsorten vieler Menschen. Meine Joggingrunden führen durch eine norddeutsche Urlaubslandschaft, immer sind wir am Wasser, kilometerlange Sandstrände und der Küstenwald sind nahe. Jetzt im Frühling ist das ein Traum.

Mal eben an den Strand – auf das Glück, am Meer zu sein, muss ich nicht verzichten.

Wir haben keine Kinder, die wir beaufsichtigen, beschäftigen oder beschulen müssen, und ob wir Home Office machen oder ein paar Meter über den Hof ins Büro gehen, spielt keine große Rolle. Ich koche total gerne, und unser Speiseplan ist trotz geschlossener Restaurants vielseitig. Arbeiten konnten wir vom Herbst bis zum Frühjahr trotz Lockdown light, Lockdown weniger light, Lockdown irgendwie halb und halb ganz gut. Die Akzeptanz für Theoriekurse in Form von Internetkonferenzen ist deutlich gestiegen. Immer mehr unserer Teilnehmer nutzen diese Chance, um für ihren Sportbootführerschein oder ihr Funkzeugnis zu lernen.

Ralf beim Theorieunterricht – Internetkonferenzen gehören auch bei uns längst zum Alltag.

… aber trotzdem ganz viel Unsicherheit

Es geht uns also besser als vielen anderen. Im Moment jedenfalls. Denn wie die nächsten Monate in der Segelschule aussehen, ist völlig offen. Vor kurzem noch durften wir Motorboot-Stunden geben. Für den 26. März war die erste Sportbootführerschein-Prüfung in diesem Jahr bei uns in Wolgast anberaumt, und so haben wir unser Ausbildungsboot Ina fit für die Saison gemacht und aus dem Winterlager geholt. Unser Lehrer Bernhard hat mit den Stunden angefangen. Und dann stieg die Corona-Inzidenz in unserem Landkreis wieder an und lag drei Tage hintereinander bei mehr als 100. Also wurde die Prüfung abgesagt, wir haben die noch ausstehenden Übungsstunden auf irgendwann später (April???) verschoben, und nun harren wir der Dinge, die da kommen werden.

Selbst wenn wir demnächst wieder mit unseren Schülern Boot fahren können – dürfen unsere Gäste aus anderen Bundesländern dann kommen? Zum Beispiel im Mai. Da haben wir einen komplett ausgebuchten Segelkurs, und alle Teilnehmer kommen von woanders. Wenn die nicht einreisen dürfen, wenn sie nicht übernachten dürfen, dann bleibt der Kurs leer. Wer dann nicht verschiebt, bekommt seine Anzahlung zurück. Sollte es wirklich so sein, wie Kanzleramtschef Helge Braun gesagt hat, dass im August (!) vielleicht wieder Urlaubsreisen möglich sind, dann verdienen wir von Mai bis Juli erst mal kein Geld mehr. Der Juli ist übrigens einer der finanziell allerallerwichtigsten Monate für uns. Da verdienen wir einen guten Teil des Geldes, das wir im Winter dringend brauchen.

Soforthilfe zurückzahlen zu Beginn der dritten Welle – echt jetzt?

Und genau in dieser Situation flatterte neulich ein Schreiben des Landesförderinstituts ins Haus: Ich soll jetzt mal ausrechnen, ob ich 2020 nicht zu viel Soforthilfe bekommen habe und das zu viel gezahlte Geld zurücküberweisen. Blöd ist, dass das Landesförderinstitut keine Ahnung von der zeitlichen Kostenverteilung einer Sportbootschule hat. Dass zum Beispiel die Bootsliegeplätze für das Winterlager auf einen Schlag im Herbst und für die Sommerplätze ebenfalls auf einen Schlag im Winter fällig werden. Das war Anfang 2020 vor der Pandemie. Ähnliches gilt für die Versicherungen.

Da räumt man dann das Konto leer, aber das macht nichts, da ja kurz danach die Vorsaison startet. Die startete voriges Jahr dann nicht so richtig wegen Corona, aber jetzt kommt der Knackpunkt: Ich darf nur die Kosten geltend machen, die akut während des Soforthilfe-Bewilligungszeitraums anfielen. Auch Kosten, die mir ein freundlicher Vermieter oder ein kooperatives Finanzamt vorerst gestundet haben und die ich dann im Sommer (nach dem Bewilligungszeitraum) auf einen Schlag bezahlt habe, sollen nicht anerkannt werden. Unter dem Strich bedeutet das: Wer umsichtig gewirtschaftet hat, der ist jetzt der Dumme und zahlt Geld zurück, das er eigentlich braucht und das nur, weil die Kosten nicht in den Bewilligungszeitraums-Monaten bezahlt wurden.

Umlegen geht nicht

Dabei müsste man solche Kosten eigentlich auf die einzelnen Monate umlegen. Das betrifft hier viele kleine Unternehmer: Ladeninhaber, Gastwirte, Inhaber von kleinen Hotels und Pensionen und Anbieter von touristischen Vergnügungen (Angel- und Kanutouren, Wanderungen, Fahrten…). Diejenigen, die ich etwas besser kenne, haben mir von ähnlichen Problemen erzählt: Das Schreiben des Landesförderinstituts ist bei ihnen eingetroffen; erst im coronamäßig etwas entpannteren Sommer haben sie Mieten, Kreditraten oder Steuern auf einen Schlag bezahlt, und nun haben sie dadurch Nachteile.

Äußerst unglücklich finde ich den Zeitpunkt des Schreibens. Ich habe kein Problem damit, Geld, das unsere Segelschule tatsächlich nicht benötigt hat, zurückzuzahlen. Aber doch nicht jetzt, zu Beginn der dritten Welle! Die Pandemie nimmt gerade richtig Fahrt auf, wir wissen nicht, wie wir wirtschaftlich durch die nächsten Monate kommen, wir müssen umsichtig planen. Was wir jetzt zurückzahlen, können wir in den nächsten Monaten vielleicht nicht erwirtschaften, und dann bleibt uns nur, erneut staatliche Unterstützung zu beantragen. Nach der Pandemie, wenn irgendwann alles wieder normal läuft, dann können wir gerne ganz viel rechnen und das zurückzahlen, was wir zu viel bekommen haben. Ich frage mich, warum die Behörde diese Schreiben ausgerechnet jetzt rausgeschickt hat.

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Ein kleiner Nachtrag oder die Entdeckung der Langsamkeit

In meinem Beitrag vom 11. Februar habe ich mich gefragt, warum die Corona-Inzidenzzahlen in unserem Landkreis Vorpommern-Greifswald so bemerkenswert schlecht sind. Das ist noch immer so: Auf der Homepage des NDR sind heute die Zahlen vom 13. Februar, also vom gestrigen Samstag, zu sehen. Während alle anderen Landkreise in Mecklenburg-Vorpommern längst bei weit unter 100 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche liegen, einige sogar schon bei unter 50 und Rostock wunderbar dasteht mit 20,1, liegen wir hier bei 188,0.

Das hat zur Folge, dass hier die meisten Kinder nach den Winterferien noch immer nicht zur Schule gehen werden. Und möglicherweise bleiben auch die Friseure in unserem Landkreis nach dem 1. März weiterhin geschlossen. Es gibt schon Aufforderungen an die Nachbarkreise, darauf zu achten, dass Menschen aus unserem Kreis dann nicht dort zum Friseur gehen. Wenn das so weiter geht, sind wir bald die Geächteten, und die Nachbarn wollen nicht mehr, dass wir zu ihnen rüberfahren.

Aus der Ostsee-Zeitung vom 12. Februar. Die Highlights habe ich mit Leuchtstift markiert.

Die Ostsee-Zeitung hat sich in der Freitagsausgabe der Problematik mit unseren hohen Inzidenzwerten angenommen, und dort habe ich einige bemerkenswerte Dinge gelesen. Wenn ich ein Ranking für Fehler und Versäumnisse aufstellen würde, hätte ich einen glasklaren Favoriten: das, was dem Industrie- und Umweltlaboratorium Greifswald widerfahren ist. Eine Mitarbeiterin dieses Laboratoriums wurde im Januar positiv getestet – und es dauerte geschlagene sechs Tage, bis das Gesundheitsamt die erste Kontaktperson anrief. (Im oben abgebildeten OZ-Text steht „Mitarbeiter“. In einem weiteren Artikel zum Thema ist aber ausdrücklich von einer „Mitarbeiterin“ die Rede.)

Chef bittet selbst um Benachrichtigung der Kontaktpersonen

Und das ist noch nicht die ganze Geschichte. Die OZ hat am Freitag noch einen zweiten Bericht veröffentlicht, in dem es ausschließlich um den Fall des Industrie- und Umweltlaboratoriums geht. Der Geschäftsführer des Laboratoriums habe selbst mehrmals beim Gesundheitsamt angerufen und um die offizielle Benachrichtigung der Kontaktpersonen gebeten, heißt es dort. Eine Reaktion seitens des Amtes gab es laut OZ auf die Anrufe nicht. Erst eine E-Mail an die Amtsleiterin und den Landrat habe schließlich Bewegung in die Angelegenheit gebracht.

Da die Mitarbeiter des Laboratoriums – also die Kontaktpersonen der positiv getesteten Frau – nach deren Testergebnis sofort in Quarantäne gegangen waren, lag der Betrieb lahm. Um die Arbeit wieder aufnehmen zu dürfen, mussten die Mitarbeiter negativ getestet werden. Um aber diesen Test überhaupt machen zu können, ist laut OZ der offizielle Anruf des Gesundheitsamtes Voraussetzung.

Nun hat das Laboratorium seine Mitarbeiter selbst in Quarantäne geschickt und dem Gesundheitsamt sämtliche Kontaktdaten übergeben. Das finde ich vorbildlich. Dass es in einem so gut organisierten Fall – und auch noch trotz der bittenden Anrufe des Geschäftsführers – noch so viele Tage dauert, bis das Amt den ersten Anruf tätigt, finde ich schlichtweg peinlich.

Nicht nur peinlich, sondern gefährlich

Und nicht nur peinlich, sondern gefährlich. Was bitte passiert denn in den Fällen, in denen die Betroffenen sich nicht in Erinnerung bringen? Wie lange dauert es dann, bis das Gesundheitsamt seine Arbeit getan hat? Zwölf Tage? 14?

Sechs Tage vergingen in dem beschriebenen Fall bis zum ersten Anruf, drei weitere bis zum letzten. Eine herrlich lange Zeit, um weiterhin in Geschäfte, in Arztpraxen, zu den Eltern oder wer weiß wohin zu gehen und das Virus zu verteilen. Vor allem, wenn man selbst gar nicht weiß, dass man Kontaktperson ist. Wer trägt die Verantwortung, wenn sich in der Zeit jemand ansteckt und dann an dem Virus stirbt?

Auf die langsame Reaktion seines Gesundheitsamtes angesprochen, hat der Landkreis einen Teil der Verantwortung von sich abgewälzt. Jedenfalls steht es so in der Ostsee-Zeitung: „Der Kreis Vorpommern-Greifswald verweist hingegen darauf, dass jeder Positiv-Getestete unabhängig von der Information der Verwaltung auch selbst dazu aufgefordert sei, seine Kontakte zu informieren.“
Ich gratuliere zu dieser genialen Ausrede.

Langsamkeit von Amts wegen ist tabu

Denn wie wir alle wissen und zu Pandemie-Zeiten auch sehr gut beobachten können, ist es um Mündigkeit, Verantwortungsbewusstsein und mitunter auch die Möglichkeiten der Bürger sehr unterschiedlich bestellt. Es gibt Menschen, die alles tun, um Schaden von anderen abzuwenden. Es gibt aber auch andere, die mit der Situation überfordert sind und deshalb gar nicht angemessen reagieren können. Und dann gibt es die, die den Ernst der Lage leugnen und denen es vollkommen egal ist, ob und wie sie sich und andere gefährden. Es ist also leider keine gute Idee, sich auf die Bürger zu verlassen.

Langsamkeit von Amts wegen ist in der derzeitigen Situation tabu. Welche Ursachen dieser Verfehlung zugrunde liegen – ob nun Personalmangel, fehlende technische Ausstattung, organisatorische Probleme oder etwas anderes – weiß ich nicht. Fest steht für mich aber, dass ein solcher Missstand behoben werden muss. Und zwar sofort.

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Nur ein paar kleine Fragen

Gestern Abend haben wir wieder ein Häppchen bekommen. Ein Häppchen Lockdown für noch mehr Tage, in denen Geschäfte, Restaurants, Sport- und private Bildungsstätten, Kosmetikstudios und viele mehr nicht öffnen dürfen.

Nicht wirklich lecker: ein Häppchen Lockdown

Wir haben das natürlich vorher gewusst, denn nichts war absehbarer, als dass der Lockdown verlängert würde. Der 14. Februar als mögliches Ende dieser Maßnahmen ist vorerst durch den 7. März ersetzt. Danach könnte es der 31. März werden. Oder Ostern. Oder der 30. April. Wer weiß das schon so genau?

Krankheit wäre eine wirtschaftliche Katastrophe

Um an dieser Stelle eventuellen Corona-Leugnern oder „besorgten Bürgern“ den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ralf und ich zweifeln nicht an der Existenz des Virus und an der Gefahr, die davon ausgeht. Wir wollen uns auf keinen Fall mit Corona anstecken. Es wäre eine Katastrophe, wenn auch nur einer von uns schwer erkrankt oder danach mit Spätfolgen zu kämpfen hat. Ganz unabhängig von dem menschlichen Leid wäre es für uns ein erhebliches wirtschaftliches Risiko. Ist einer krank, muss der andere den großen Teil der Arbeit in der Segelschule allein leisten. Das ist, wenn wir wieder öffnen dürfen, kaum zu schaffen.

Wären wir beide sehr krank oder nach der Krankheit lange Zeit nicht mehr belastbar, müssten wir die Segelschule zumachen. Wir sind also sehr vorsichtig. Unsere sozialen Kontakte haben wir schon seit Wochen auf ein Minimum reduziert, treffen nur noch unsere Mütter, laden keine Freunde nach Hause ein und besuchen niemanden.

Häppchen für Häppchen – vorhersehbar wie ein Hotelfrühstück

Doch nun wieder zu den Lockdown-Häppchen. Sie erinnern irgendwie an ein langweiliges Hotelfrühstück. Man weiß immer schon vorher, was es gibt. Das gleiche Brötchen, den gleichen faden Scheibenkäse, die gleiche in Plastik verpackte Miniportion Marmelade. Nur dass das Lockdown-Häppchen nichts Süßes verspricht. Es tut eher weh, denn es erfolgt in der üblichen Manier: mit dem Holzhammer. Zack bumm den Riegel festgekloppt, die Tür bleibt zu. Egal, was sich dahinter befindet.

Einzige kleine Ausnahme: die Friseure. Die dürfen ab 1. März wieder schnippeln, färben, rasieren. Wahrscheinlich weil man den Haarschnitt noch nicht bei Amazon bestellen kann. Ralf stand heute schon mit kritischem Blick vor dem Spiegel, fuhr sich durch die Locken und sagte ein bisschen wehmütig: „Noch fast drei Wochen!“ Dabei hat er Glück. Sein Haar kringelt sich einfach und sieht noch immer gut aus. Anderen geht’s da schlechter.

Doch ich schweife ab. Entschuldigung.

Eigentlich möchte ich hier mal ein paar Fragen aufschreiben, die mir schon länger im Kopf herumgeistern. Beim Schreiben kann ich meine Gedanken immer ganz gut sortieren. Und vielleicht habt Ihr ja ähnliche Fragen oder vielleicht sogar Antworten.

Warum dürfen kleine Geschäfte in einer Kleinstadt wie Wolgast nicht öffnen?

Es gibt hier zum Beispiel ein kleines, feines Geschäft, das Stoffe, Kleidung, Kissen und viele schöne Dinge verkauft. Dort verkehren keine Menschenmassen. Mehr als zwei Kunden gleichzeitig habe ich dort selten erlebt. Man kann lüften, man kann FFP2-Masken tragen. Aber der Laden muss geschlossen bleiben.

Oder der Jeansladen in Wolgast. Auch dort herrscht üblicherweise kein Gedränge. Man hat viel Platz. Lüften und Masken siehe oben. Das Geschäft darf nicht öffnen. Im Schaufenster hängt ein Aufruf, die Kunden mögen durchhalten und ihre Einkäufe später machen. Neulich ist meine Lieblingsjeans zerrissen, und ich brauche dringend eine neue. Im Internet bestellen will ich nicht. Also Löcherhose anziehen und abwarten. Dabei glaube ich nicht, dass ich mich in diesem Jeansladen mit Corona anstecken würde.

Dann schon eher in dem Lebensmitteldiscounter, in dem ich vorgestern war. Der Kassierer trug seine Maske unter dem Kinn, die Kunden drängten sich durch die viel zu engen Gänge, ständig kam mir jemand zu nahe, mindestens ein Kunde hatte überhaupt keine Maske, aber von seiten des Geschäfts hat dort niemand eingegriffen. Aber die dürfen jeden Tag aufmachen. Verkaufen ja Essen und Klopapier. Und Hefe.
Ich werde in absehbarer Zeit jedenfalls nicht mehr dorthin gehen.

Dann ist da noch unser liebenswerter Buchladen hier in Wolgast. Dort gucke ich mir die Bücher im Schaufenster an. Immerhin kann ich mir ein Buch bestellen und es dann an der Tür abholen. Der Service ist prima. Aber mal ehrlich, wenn dieses Geschäft regulär öffnen dürfte und man einfach darauf achten würde, dass nicht zu viele Menschen gleichzeitig hereinkommen und alle Masken tragen, wäre die Infektionsgefahr dort wirklich so groß? Gerade in überschaubaren kleinen Geschäften lässt sich doch vieles regulieren.

Muss man bundesweit alle Geschäfte gleich behandeln?

Sicher ist es sehr aufwändig und vielleicht auch nicht gerecht, die Lockdown-Entscheidung nach regionalen Besonderheiten und vielleicht auch je nach Beschaffenheit des Geschäfts zu variieren – aber ist es auch unmöglich?

Können wir nicht in Pandemiezeiten den Datenschutz zurückschrauben und Restaurantbesuche mit einer digitalen Registrierung ermöglichen?

Wer das nicht möchte, muss ja nicht essen gehen.
Gestern Abend haben wir Markus Lanz und seinen Gästen zugehört, und da kam dieses Thema zur Sprache. Es gäbe Möglichkeiten, dass sich die Gäste beispielsweise über einen QR-Code mit dem Smartphone registrieren könnten, wenn sie das Restaurant betreten.
Das hätte auch den schönen Nebeneffekt, dass dann auch niemand mehr Unsinn in die Gästeliste schreiben würde; es gäbe dann keine „Micky Maus“ mehr unter den Gästen und auch keine „Marilyn Monroe“.

Leider fehlen noch immer Studien darüber, wo sich die Menschen überhaupt infizieren und wo nicht. Und die Gesundheitsämter schaffen es nicht, Infektionswege nachzuvollziehen, wenn es zu viele Infektionen gibt. Das mag unter anderem daran liegen, dass ein Teil dieser Ämter nach wie vor eher mit Zettel, Stift und Faxgerät arbeitet als digital.

Noch immer haben zu wenig Menschen die Corona-App installiert. Und denjenigen, die sie haben, hilft sie oft auch nicht weiter, weil überhaupt nicht nachvollziehbar ist, wann positive Testergebnisse dort eingestellt und ob diese wirklich weitergereicht werden.

Müssen alle Restaurants gleich behandelt werden? Oder kann man Unterschiede machen zwischen Ballungszentren und dem flachen Land?

Ich zitiere die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff aus der gestrigen Talkrunde bei Lanz: „Ich glaube, es zweifelt keiner daran, dass ein Restaurant, wo man die Tische auseinanderstellt, wo man die üblichen Hygienemaßnahmen einhält, dass das kein besonderer Pandemietreiber ist.“ Sie habe es so verstanden, dass die Restaurants geschlossen bleiben, damit sich die Menschen nicht auf den Weg dorthin machen und sich dort treffen.

Wenn alles geschlossen ist, bleiben die Leute zuhause. Sie tummeln sich nicht in Bussen und Bahnen, sie schieben sich nicht durch die Innenstädte. Das kann ich nachvollziehen, habe da aber sofort Großstädte wie Hamburg oder Köln vor Augen – nicht eine kleine, wenig frequentierte Stadt wie Wolgast. Vor allem jetzt im Winter und vor dem Hintergrund, dass die Einreise in unser Urlaubsgebiet zurzeit gar nicht möglich ist, ist es doch so, dass die Menschen zu Fuß oder mit dem Auto ins Lokal fahren. Nicht im überfüllten Bus. Man kann Abstand halten, lüften, Luftreinigungsgeräte aufstellen.

Wäre es organisatorisch und logistisch möglich, Maßnahmen wie die Anschaffung von Raumlüftungsgeräten, Schnelltests und FFP2-Masken verstärkt zu fördern?

Dann müsste man unter dem Strich vielleicht nicht so viel Geld in die Hilfsmaßnahmen für zwangsgeschlossene Unternehmen investieren.

Würde das dazu beitragen, dass sich die Menschen nicht gegenseitig anstecken – trotz der ja offenbar explosiven Vermehrung der Virusmutationen?

Wenn ja, warum versucht man es dann nicht?

Unser Landkreis Vorpommern-Greifswald steht in Sachen Inzidenzwert schlecht da. Heute beträgt er 196,1 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche. Gerade habe ich auf NDR 1 im Radio gehört, dass es bundesweit nur noch fünf Landkreise mit derart schlechten Werten gebe.

Woran liegt das? Hier in diesem riesigen Flächenkreis gibt es einzelne Pflegeheime mit einer größeren Zahl an coronapositiv getesteten Menschen. Doch das kann es kaum allein sein. Liegt es an der Grenze zu Polen und daran, dass in der Vergangenheit dort zu wenig kontrolliert wurde? Oder leben hier zu viele Menschen, die die Regeln nicht ernst nehmen und sich weit ab vom öffentlichen Geschehen zum heimlichen Feiern und Kuscheln in privaten Häusern und Wohnungen treffen? Ist unsere Kreisverwaltung zu zurückhaltend?

Die Maßnahmen, die die hiesige aktuelle Corona-Verordnung enthält, haben uns jedenfalls in Staunen versetzt. Der Landkreis hat einen neuen Zehn-Punkte-Plan aufgestellt. Unter anderem steht dort, dass es jetzt „verstärkte Kontrollen“ an der deutsch-polnischen Grenze geben soll. Wir haben eigentlich gedacht, dass das schon längst stattfindet. Genau so die Kontrolle von Alten- und Pflegeheimen. Nun sollen Mitarbeiter dieser Heime alle zwei Tage getestet werden. In Heimen, in denen schon mal Corona aufgetreten ist, sollen diese Tests täglich stattfinden. Auch darüber wundern wir uns. Gerade weil doch immer wieder Heime betroffen waren, dachten wir, dass die Mitarbeiter längst regelmäßig getestet werden.

Es gibt wohl einige Gründe, warum wir die Pandemie nicht besser in den Griff bekommen. Einer davon sind die Menschen, die die Lage nicht ernst nehmen oder verleugnen und dadurch dazu beitragen, dass sich das Virus mit seinen Mutanten leicht ausbreiten kann. Ein anderer ist die Langsamkeit so mancher Verwaltung, der Mangel an Kontrollen – und die Tatsache, dass die Pandemie an einigen Orten eher verwaltet als bekämpft wird.

Sind meine bisherigen Fragen zum Umgang mit der Situation vor diesem Hintergrund vielleicht alle unhaltbar? Dann bleibt noch eine letzte:

Sind wir immer noch zu locker? Sollten wir das ganze Land, so weit es logistisch, organisatorisch und im Bereich Daseinsvorsorge möglich ist, mal für drei Wochen nahezu komplett schließen?

Das würde immerhin den größten Teil der Kontakte ausbremsen und dem Virus neue Wirte verweigern. Und danach könnten wir mit niedrigen Inzidenzwerten besser agieren und planen. Und die alten Fehler am besten nicht noch mal machen.

Nun denn. Fragen sind da viele. Planen können wir immer noch nicht. Schlucken wir also das Lockdown-Häppchen, werfen den Holzhammer in irgendein Eisloch im Peenestrom und genießen in den nächsten Tagen erst mal den Winter. Immerhin haben Ralf und ich keine Kinder, die wir home-beschulen müssen, unsere Theoriekurse laufen über Skype, und ich habe mir Schlittschuhe bestellt. 🙂

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